In vier Jahren findet in Stuttgart und der Region die Internationale Bauausstellung (IBA) statt. Da der Landeshauptstadt allmählich die Projekte ausgehen, mit denen sie bei der Renommierveranstaltung glänzen möchte, kam das Angebot des Stuttgarter Kammerorchesters (SKO) und der Trias GmbH, Eigentümerin des ehemaligen Rilling-Areals in Bad Cannstatt, gerade recht: Auf dem rund 5700 Quadratmeter großen Gelände in der Neckarvorstadt soll bis 2027 ein Konzertforum mit allem drum und dran entstehen.
Die geschätzten Kosten: 80 Millionen Euro. 25 Millionen Euro private Fördergelder würde das SKO akquirieren, die restlichen 55 Millionen Euro müsste die Stadt beisteuern. Ein verlockendes Angebot, das entsprechend euphorisch von den meisten Fraktionen aufgenommen wurde. Einzig Puls und Die FrAKTION sahen intensiven Gesprächs-und Aufklärungsbedarf.
Sanierungsziele in Gefahr
Einen ersten Dämpfer erhielt jetzt das Vorhaben am Dienstag: Corinna Althanns und Martin Holch vom Stadtplanungsamt machten dem Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik klar, dass eine rasche Umsetzung des Projekts eher ein Wunschkonzert als realistisch ist. „Es gibt unter anderem Überschreitungen der Baugrenzen“, sagte Corinna Althanns. So sei beispielsweise das geplante Hotel an der Remscheider Straße zu hoch. Was vielleicht fast noch schwerer wiegt: Die Sanierungsziele für die Neckarvorstadt sind in Gefahr. Und das in einem Stadtteil, der es laut Martin Holch verdient hatte, als Sanierungsgebiet ausgewiesen zu werden. „Das Rilling-Areal steht bei dem Bau eines Konzerthauses nicht mehr für Wohnnutzung zur Verfügung“, erläuterte Holch. Gleiches gelte für die dringend benötigte Infrastruktur wie etwa ein Bürgerzentrum, eine Kita, ein Nachbarschaftscafé oder Einzelhandel.
Trotz aller Bedenken hat das 80-Millionen-Projekt laut Stadtplanungsamt auch Vorteile wie neue Grünflächen und Aufenthaltsbereiche auf der Dachterrasse des Konzerthauses. Das Umfeld wäre belebter, vor allem zum Neckarufer hin. „Die Neckarvorstadt würde ein charakteristisches Merkmal erhalten, dass zur Aufwertung des Ortsbilds und zur Stärkung der Stadtteilidentität beitragen kann“, sagte Holch, der – wie auch Corinna Althanns – für eine Bürgerbeteiligung und einen Wettbewerb plädiert.
FDP: Offene Fragen lösbar
Ob ein neuer Bebauungsplan oder eine Anpassung nötig sein wird, muss noch geprüft werden. Fakt ist: der aktuelle Entwurf überschreitet das geltende Planungsrecht. Die Verwaltung schätzt, dass frühestens Mitte 2027 mit dem Bau begonnen werden kann – sofern Trias sich für einen Wettbewerb entscheiden könnte.
Auf das euphorische Stimmungsbild – vor allem im bürgerlichen Lager – hatte der Verwaltungsvortrag keinen Einfluss. Im Gegenteil, für Armin Serwani (FDP) und Michael Schrade (Freie Wähler) sind die noch offenen Fragen „lösbar“. Beate-Bulle-Schmid (CDU) bezeichnet das Konzertforum als „Leuchtturmprojekt für die Neckarvorstadt“. Von einem Wettbewerb hält sie wenig – er sei kein Allheilmittel. „Ein städtebaulicher Vertrag zwischen Stadt und Trias reicht“, sagte die stellvertretende Fraktionschefin.
Das sieht Hannes Rockenbauch (SÖS) völlig anders: „Eine 50 Millionen Euro teure Investition seitens der Stadt ohne städtebaulichen Wettbewerb – das geht überhaupt nicht.“ Rockenbauch stellt zudem das geplante Hotel in Frage.
Deborah Köngeter (Puls): „Wenn der Gemeinderat sich entscheidet, die Umsetzung für ein solches Vorhaben im Hauruckverfahren durchzubringen, verspielt er die Chance auf die Diskussion mit den Menschen vor Ort, welchen Beitrag dieses Areal für die Aufwertung und funktionale Ergänzung der Neckarvorstadt spielen könnte.“