Neue Leseperformancereihe Wie man Zucker in Liebeslyrik nachweist
Im Sprachlabor: Die neue Performance-Reihe „Chymische Hochzeit“ vereint experimentelle Literatur und chemische Experimente in hochreaktiven Lesungen.
Im Sprachlabor: Die neue Performance-Reihe „Chymische Hochzeit“ vereint experimentelle Literatur und chemische Experimente in hochreaktiven Lesungen.
Frau Kieninger, was haben Lyrik und Chemie gemeinsam?
Sowohl der Naturwissenschaftler wie der Künstler durchleben in ihrer Arbeit kreative Phasen. Auch die Naturwissenschaft kennt so etwas wie Storytelling. Wenn sie eine Fülle von Daten haben, Zahlen oder die zappelnden Linien, die in einem Vibrationsspektrum auftauchen, gewinnt all das erst eine Aussagekraft, wenn man es in Worten interpretiert. Natürlich ist die Wissenschaft an Fakten gebunden, aber es gibt beispielsweise viele Experimente, die man nicht durchführen kann. Da springt dann der Computer ein und klärt uns über die Reaktionsmechanismen auf. Es gibt eine sehr inspirierende Parallelentwicklung von Computerchemie und Digitaler Literatur.
Und so sind Sie von der experimentellen Chemie zur experimentellen Literatur gekommen?
Meine Begeisterung für chemische Kabinettstückchen entwickelte sich, als ich begann, alte Experimentalkästen zu sammeln, die ältesten Stücke stammen aus dem Jahr 1790 und enthalten die Zutaten für gas-chemische Experimente: Schweinsblasen zum Auffangen von Knallgas und einem Zinnhahn. Chemie und Lyrik vereint, dass dem Material an sich ein ästhetischer Eigenwert zugesprochen wird.
Was hat es mit der „Chymischen Hochzeit“ auf sich?
Das bezieht sich auf die „Rosencreutzer-Schriften“ des Stuttgarter Hofpredigers Johann Valentin Andreä aus den Jahren kurz vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges. Darin wird eine „Bluthochzeit“ beschrieben, die Enthauptung eines Königspaars – durch die Bemühungen der Alchemisten erstehen die beiden als Homunculi wieder auf. Wir wollen den Inhalt in einer Reihe von Versuchen demonstrieren und so nacherzählen.
Das klingt gefährlich. Auf welche Verwandlungen darf man sich bei Ihnen gefasst machen?
Es ist bei Texten wie der „Chymischen Hochzeit“ nicht klar, ob es sich um die Allegorisierung verfahrenstechnischer Laborarbeit oder um die Einweihung in Mysterien handelt. Bei uns gehen lyrische Experimente und experimentelle Lyrik Hand in Hand. Dabei liegt das Augenmerk weniger auf der tatsächlichen Verwandlung von Stoffen als auf der Herstellung des Staunens: Was passiert beim Verkochen der Spiegel Bestsellerliste? Wie lässt sich Zucker in Liebeslyrik nachweisen, und wie mixt man mit Zutaten aus der molekularen Hexenküche Zaubertränke?
Termin „Hohe Luft“, 25. September, 18.30 Uhr Hegelhaus; „Liebestränke“, 26. September, 19.30 Uhr, Literaturhaus Stuttgart
Autorin
Martina Kieninger ist promovierte Diplomchemikerin, Dozentin und Forscherin im Bereich Computerchemie, erhielt 2019 den Deutschen Preis für Nature Writing und war Literaturstipendiatin des Landes Baden-Württemberg. 2006 erschien „Sängerin an der Lampe“ beim Verlag Ulrich Keicher. Sie realisierte Internet-Literaturprojekte im Zusammenhang mit der „Zweiten Stuttgarter Schule“ um Reinhard Döhl und Max Bense.
Termin
„Hohe Luft“, 25. September, 18.30 Uhr Hegelhaus; „Liebestränke“, 26. September, 19.30 Uhr, Literaturhaus Stuttgart