Neue-Musik-Festival Eclat Am Ende geht das Licht an

Schräg und bunt: „Digital Blood“, Elektrooperette von Annesley Black Foto: Martin Sigmund

Im Stuttgarter Theaterhaus beweist das Eclat-Festival 2025, dass Neue Musik sehr unterschiedlich sein kann. Nur eines ist sie auf keinen Fall: langweilig.

Zwei Pilze flanieren über die Bühne. Gemaltes beginnt zu klingen. Beim Blick zum Alten verdrückt das Neue ein Tränchen. Klänge umranken Gesellschaftskritik. Es gibt Stilles und Schrilles, Töne und Theater, Flüssiges und Überflüssiges, Konzentriertes und fordernden Overkill. Das Stuttgarter Neue-Musik-Festival Eclat hat auch 2025 eingelöst, was sein französischer Titel verspricht.

 

Im Theaterhaus hat der Veranstalter Musik der Jahrhunderte gemeinsam mit dem kooperierenden SWR an fünf Tagen Fragmente geboten, Ausbrüche, Splitter, grelles Aufleuchten, ja zuweilen gar jenen Steinschlagschaden, den das Lexikon auch noch als mögliche Übersetzung anbietet. Zumindest im Sinne eines inspirierenden inneren Unaufgeräumtseins.

Wie später Beethoven auf Speed

Beginnen wir mit dem Anfang. In „How To Eat Your Sexuality“ feiert der Brite Alex Paxton eine Klangparty für das Miteinander unterschiedlichster Ideen und Gestalten – auf der Oberfläche wild, bunt, chaotisch, musikalisch gefasst in eine Radikalpolyfonie, die klingt wie später Beethoven auf Speed. Man hört Anklänge an den mittelalterlichen Hoquetus, an Barbershop-Harmonien, „Fallalalala“-Volksliedsätze, die Kakofonie des Basler „Morgestraichs“, barocke Chaconne und Queen-Retrospektive. Das Ganze ist naiv, manchmal kitschig, für die Interpretinnen und Interpreten (die Neuen Vocalsolisten und das Klangforum Wien) ein virtuoser Drahtseilakt. Wer sich hörend auf ihn einlässt, genießt: So klingt die Utopie einer pluralistischen Gesellschaft.

Beim Konzert des SWR Symphonieorchesters stellt sich Martin Grubinger 2.0 vor: Der Perkussionist Christoph Sietzen, der sich nicht mal durch das Verrutschen eines umgenutzten Ölfasses aus der Ruhe bringen lässt, macht wie ein athletischer Springteufel mit wahnwitzig beweglichen Armen Johannes Maria Stauds „Whereas The Reality Trembles“ zum Schlagwerk-Showstück. Ereignis des Abends indes ist das „Königsberger Klavierkonzert“ von Alberto Posadas, ein Stück der Klangfarben-Wanderungen quer durch das Orchester. Es geht um Annäherungen, Verwandlungen, Kompromisse. Posadas vertraut dem Orchester unter Emilio Pomàrico und dem Pianisten Florian Hölscher ein so differenziert verästeltes Netzwerk der Beziehungen an, dass man mit dem Hören kaum hinterherkommt. Auch aus dieser Überforderung geht man beglückt und bereichert hervor.

François Sarhans „Les Murs meurent aussi“ Foto: Martin Sigmund

Dann: zwei Mal Musiktheater. Der wilde Themen-, Musik- und Befindlichkeitsmix von Annesley Blacks „Elektroperette“ enthält unter anderem: K.I., Kapitalismuskritik, Klimaschutz, Pop, Rock, Zeitgenössisches, Improvisation, Dilettantismus, Kunst, Schräges und Schönes, Humor und Ernst. Worauf „Digital Blood“ hinauswill, ist allerdings bis zum Ende nicht ganz klar, aber das ist auch beim zweiten Musiktheater nicht viel besser. François Sarhans „Les Murs meurent aussi“ reflektiert die Konflikte unserer Tage mithilfe einer ironischen Collage aus dokumentarischem (Video-)Material, Schauspiel und Musik. Die Grenzen zwischen diesen Zutaten lösen sich mehr und mehr auf, bis am Ende auch die Kunst selbst sich verflüssigt: Zu den Schauspielern gesellt sich die Putzfrau, das Licht geht an, und das Publikum tröpfelt hinaus aus dem Saal.

Burn-Out in der Kunstproduktion

Die Neuen Vocalsolisten feiern ihr 25-jähriges Bestehen. Nach dem glänzenden Eröffnungskonzert gestalten sie gleich zwei Konzerte mit dem Genre, das sie begründet haben: vokalem Kammer-Musiktheater. Dabei ist die Materie sehr unterschiedlich. Mal ist der Gesang (in Kuba Krzewinskis „Trigger Warning“) nur Hintergrund für eine dokumentarische Erzählung über Burn-Out in der und um die Kunstproduktion, mal steht die Schönheit der Stimme im Mittelpunkt wie in Luxa Martin Schüttlers Stück „Diskreter Wolf“, das ein Eichendorff-Lied Hugo Wolfs in Slow-Motion-Segmente zerteilt und (mit elektronischer Hilfe) in veränderter Weise neu zusammensetzt.

Neue Vocalsolisten, „Kammerspiel 2“ Foto: Martin Sigmund

Der Blick zurück in Liebe ist exzellent gemacht und hat große Sogwirkung. Die Neuen Vocalsolisten präsentieren sich auch solo, zum Beispiel mit der aberwitzigen, von Theo Nabicht an der Kontrabassklarinette virtuos sekundierten Parodie einer Politikerrede (Andreas Fischer bei Bernhard Langs „Loops for Basses“). Und das Ensemble ist sich auch nicht zu schade, in einem Stück mal nur wenige Töne zu summen, wie etwa in den „Kinderstücken“ von Uwe Rasch, der sich beim Eclat-Festival 2025 an der vordersten Front (gesellschafts-)politisch verkämpft. In Raschs Werken geht es um „systemsprengende“ Kinder, um die Reibung zwischen kapitalistischen Glücksversprechen und Prekariat: Themen, die tief berühren, bei denen die Musik aber eher eine Nebenrolle spielt.

Manchmal wird auch nur einfach richtig gut gesungen

Wie gut, dass auch das SWR Vokalensemble ein Konzert dagegenstellt, in dem einfach nur richtig gut gesungen wird – besonders eindrucksvoll in Ulrich Kreppeins intensiv (und ungemein intonationsrein!) belebtem Stück „Kopfraum“ und in Agata Zubels assoziativen Gerhard-Richter-Verklanglichungen „Abstract Paintings“. Nachts versinkt man in die weit verästelten Klangsuch-Experimente von Sarah Nemtsov („Sephirot“, mit dem Ensemble Musikfabrik), reflektiert mit Christian Winther Christensen Klänge der Kindheit („Children’s Songs“ mit dem Ensemble Ascolta).

Im Preisträgerkonzert zum 69. Kompositionspreis macht Sara Glojnarić den Entstehungsprozess ihres Stücks „Everything, Always“ auf (selbst-)ironische Weise zu dessen zentralem Thema, und mit Thomas Stieglers sechstem Streichquartett lauscht man einem vierzigminütigen Wechsel von Akkorden und Pausen in fast durchgehendem Pianissimo. All dem hat das Publikum fünf Tage lang Gastfreundschaft zwischen seinen Ohren gewährt. Wenn das kein Grund zum Feiern ist!

Weitere Themen