Volle Reihen im Literaturhaus: Jugendbuchautorin Juliane Pickel (mit Moderator Tilman Rau) eröffnet die neue Reihe „Abschlussklar“. Foto: Literaturhaus/Sebastian Wenzel
Kein Club der toten Dichter: In der neuen Reihe „Abschlussklar“ bringt das Literaturhaus Schulklassen mit den Autoren ihrer Pflichtlektüre zusammen. Der Auftakt ist höchst lebendig.
Wenn am 20. Mai die Schülerinnen und Schüler von Haupt-, Werkreal- und Realschulen im Land über den Prüfungsaufgaben im Fach Deutsch schwitzen, wird ein Teil von ihnen auch mit Fragen zu Juliane Pickels Jugendbuch „Krummer Hund“ konfrontiert werden. Die „Ganzschrift“, wie die Abschlusslektüre offiziell heißt, hätte die Kommission des Kultusministeriums nicht besser auswählen können.
Diesen Eindruck jedenfalls vermittelte eine Lesung mit der in Hamburg lebenden Autorin vergangene Woche im Stuttgarter Literaturhaus. Neun- und Zehntklässler von sechs Schulen aus der Region füllten den Saal, verfolgten hoch konzentriert Juliane Pickels Vortrag und stellten Fragen dazu, um am Ende Klassenfotos mit der Pflichtlektüren-Urheberin zu knipsen und sich von ihr ganz altmodisch Bücher signieren zu lassen.
Schülerinnen sind begeistert
„Das ist ein tolles Buch“, schwärmt eine Schülerin der Ludwig-Uhland-Gemeinschaftsschule in Schwaikheim am Ende der Veranstaltung. Die Gruppe, in der sie steht, stimmt begeistert zu. „Ich hab’s schon viermal gelesen“, fügt ein Mädchen an. Auch andere Jugendliche freuen sich darüber, dass es ihnen die neue Literaturhaus-Reihe „Abschlussklar“ ermöglicht, die Autorin ihrer Pflichtlektüre persönlich zu erleben und zu ihren Romanfiguren und deren Beziehungen zu befragen. Am 18. Februar wird mit Ewald Arenz der zweite „Ganzschrift“-Autor zu Gast sein und aus seinem Buch „Der große Sommer“ lesen. Laura Hornstein, die im Literaturhaus ein engagiertes Programm für junge Menschen bietet, kann zufrieden sein mit der großen Resonanz auf den Auftakt der neuen Reihe. Unterstützt wird „Abschlussklar“ vom Friedrich-Bödecker-Kreis, der Lesungen für Kinder und Jugendliche an Schulen fördert. Weitere 30 Schulen, berichtet Laura Hornstein, hätten das Gespräch zwischen Juliane Pickel und Moderator Tilman Rau per Livestream gebucht und ihre Fragen per Chat eingespeist.
Beantwortet viele Fragen: Juliane Pickel Foto: LH/ Sebastian Wenzel
Während die Sternchenthemen fürs Abi meist mit toten Dichtern konfrontieren, dürfen sich die Haupt- und Realschüler freuen: Sie haben es mit lebenden Autoren zu tun, im Fall von Juliane Pickel mit einer überaus lebendigen; die Playlist, die sie für ihren Auftritt im Literaturhaus vorbereitet hatte, reicht von Billy Eilish bis Robbie Williams. Und so nett, wie die Autorin mit der hellblonden Kurzhaarfrisur aussieht, ist sie auch. Für ihre Lesung hat sie die Kapitel so ausgewählt, dass auch diejenigen folgen können, die den Inhalt des Buchs noch nicht parat haben. Einblicke in die „Krumme Hund“-Inszenierung des Freiburger Theaters im Marienbad visualisieren zudem das Gelesene.
Ein offenes Ende fordert die junge Leserschaft heraus
So lernt man im Schnelldurchlauf Daniel und seine Probleme kennen: Der 15-Jährige, den Aggressionsattacken heimsuchen, tut sich schwer mit den Bekanntschaften seiner alleinerziehenden Mutter. Ihr Neuer, ein Tierarzt, passt endlich. Doch dann verdächtigt Daniel ihn, einen Jugendlichen überfahren und Fahrerflucht begangen zu haben.
Der Ausgang der Fahrerflucht bleibt ebenso offen wie Daniels auf die Probe gestellte Freundschaft zu Edgar und sein Flirt mit einer von beiden zur „Prinzessin des Bösen“ geadelten Mitschülerin. Allen, die das offene Ende bedauern, erklärt Juliane Pickel ihr Anliegen: „Ich wollte eine Geschichte erzählen über einen Jugendlichen, der in seiner Familie unfassbar allein ist und der total verloren geht.“ Das ist ihr gelungen, eine Lehrerin im Saal lobt „die beste Abschlusslektüre, die ich mit einer 10. Klasse lesen durfte“. Immerhin: Für Daniels Familienprobleme gibt’s ein Happy End.
Die Autorin hat einen Lesemarathon vor sich
Glücklich ist auch Juliane Pickel mit der Auswahl von „Krummer Hund“ zur Pflichtlektüre in Baden-Württemberg; Lesungen sind schließlich eine wichtige Verdienstquelle für Autoren. „In der Zeit bis Ende April bin ich mehr hier als in Hamburg“, blickt die Autorin auf die insgesamt 90 Auftritte in Baden-Württemberg. „Bisher lief es ganz toll“, sagt sie, „es gibt viele spannende Fragen und engagierte Lehrkräfte.“
Fortsetzung vielfach nachgefragt
Dass sie dabei den Figuren ihres 2021 erschienen Debütromans wieder sehr nah ist, lässt sie über eine auch im Literaturhaus nachgefragte Fortsetzung von „Krummer Hund“ neu nachdenken. „Klar, macht das was mit mir“, sagt Pickel. „Bislang war ich sehr sicher, dass ich die Geschichte nicht weitererzähle und alle dieses offene Ende aushalten müssen.“ Nach manchmal drei Lesungen am Tag sieht’s vielleicht anders aus.
Info
Autorin 1971 in Ratingen geboren, studierte Juliane Pickel Germanistik sowie Erziehungswissenschaften. Sie lebt in Hamburg und arbeitet als freie Mitarbeiterin in der Onlineredaktion des NDR. Ihre Jugendbücher „Krummer Hund“ und „Rattensommer“, beide bei Beltz & Gelberg erschienen, wurden vielfach ausgezeichnet.
Prüfung Für die Abschlussprüfungen an Haupt-, Werkreal- und Realschulen stehen in jedem Jahr zwei Lektüren zur Wahl, 2025 „Krummer Hund“ von Juliane Pickel und „Der große Sommer“ von Ewald Arenz. Eine Kommission wählt Texte aus, die allgemein bedeutsame Themen und Probleme aus dem Erfahrungsbereich der Schülerinnen und Schüler behandeln.
Angebot Die Reihe „Abschlussklar“ spricht Prüfungsklassen an. Unter dem Titel „Klasse(n)-Bücher“ bietet das Literaturhaus Lesungen für weitere Altersgruppen. Am 3. Februar liest Eva Roth für alle ab 12 Jahren aus „Pankoland“, am 25. März ist der Comiczeichner Mikael Ross mit „Der verkehrte Himmel“ für ein Publikum +15 zu Gast.