Neue Rosensteinbrücke in Stuttgart 125-Tonnen-Koloss mit Riesenkran aufgebaut – medizinischer Notfall zu Beginn

Nacht- und Nebel-Aktion: Mit Hilfe des gigantischen 1000-Tonnen-Krans wurde die neue Rosensteinbrücke am Sonntag eingehoben. Foto: Ferdinando Iannone

Viele Schaulustige säumen das Neckarufer in Bad Cannstatt, als am Sonntag die neue Rosensteinbrücke aufgebaut wird. Alles läuft planmäßig, bis auf einen Zwischenfall im Vorfeld.

Trotz aller Vorarbeit, Planung und dem Einsatz von schwerster Transporttechnik war letztlich pure Muskelkraft gefragt. Quälend langsam dreht sich die 125 Tonnen schwere Fracht Sonntagnacht im gleißenden Licht der zahlreichen Scheinwerfer. Schließlich muss die neue Rosensteinbrücke, welche vom Binnenfrachter MS Oleander in der Mitte des Fluss angehoben wird, um 90 Grad gedreht werden.

 

Nur so kann sie ihre endgültige Position zwischen der Cannstatter Altstadt und dem Wilhelmatheater erreichen. Am Ende ist Millimeterarbeit gefragt. „Da kann der 1000 Tonnen schwere Kran nicht mehr helfen, da müssen wir selbst Hand anlegen“, erklärt Projektleiter Wolfgang Philip von der Spezialfirma Max Wild.

Viele Zaungäste bestaunen das Spektakel

Unzählige Mitarbeiter sind an beiden Neckarufern am Sonntagabend im Einsatz, um die rund 70 Meter lange Stahlkonstruktion an ihre exakte Position zu hieven. Es herrscht geschäftiges Treiben. Überraschend viele Zaungäste stehen zu später Stunde und teils eisigen Temperaturen auf beiden Seiten des Flusses, um das Spektakel zu verfolgen.

Schließlich bekommt man nicht alle Tage zusehen, wie eine neue Brücke über den Neckar eingehoben wird. Auch Robert Bracht aus Sommerrain ist mit Carlotta (7) und Paul (4) extra gekommen. Wenngleich der Familienvater die treibende Kraft war, wollten sich die beiden Kinder das Treiben unbedingt nicht entgehen lassen. Denn „Baugeräte sind immer interessant“, erklärt Bracht die Faszination. „Vor allem, wenn sie so groß sind.“

Und größer geht es kaum noch. Der gigantische Raupenkran ist auch in der Nacht noch beeindruckend. Der Typ LR 700 von Liebherr wiegt, wie der Name bereits sagt, stolze 700 Tonnen. Mit einem Gegengewicht von 360 Tonnen kommt er auf mehr als 1000 Tonnen. Der Auslader ragt fast 70 Meter über den Neckar. Das ist aber auch notwendig, um die 125 Tonnen schwere Rad- und Fußgängerbrücke heben zu können.

Feuerwehr muss kranken Matrosen retten

Mit einer kleinen Verzögerung geht es gegen 20.30 Uhr los. „Wir hatten leider einen medizinischen Notfall an Bord des Schiffes“, klärt Projektleiter Philip auf. Die Höhenluftrettung der Feuerwehr musste einen über Probleme klagenden Mitarbeiter bergen – auch Mithilfe des gigantischen Krans. Doch nach der kurzen Aufregung setzt die MS Oleander, die die schwere Fracht vom Plochinger Hafen an Bord transportierte, in die Mitte des Neckars. Dann wird der Binnenfrachter mit Stelzen im Flussbett verankert. Rund eine Stunde nimmt zudem das „Anschlagen“, wie das Umsetzen der Stahlseilträger an der Brücke genannt wird, in Anspruch.

Am Ende war Muskelkraft der Experten für die exakte Position notwendig. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Die Nacht- und Nebelaktion war notwendig, da das Wasser- und Schifffahrtsamt auf der wichtigen Bundeswasserstraße nur eine Sperrzeit von Sonntag, 20 Uhr, bis Montag, 8 Uhr genehmigte. So sollte der Schiffsverkehr nicht zu sehr beeinträchtigt werden.

Doch trotz der Dunkelheit kommen die Experten zusammen mit der Schweizer Kranfirma Egger schnell voran. Zunächst nur Zentimeter um Zentimeter steigt die neue Brücke aus dem Rumpf des Frachters empor. Gegen 21.15 Uhr hängt die 125 Tonnen schwere Stahlkonstruktion dann komplett am Haken freischwebend über dem Neckar. Das Schiff macht sich, begleitet von einem lauten Hupen zum Abschluss darunter wieder auf den Weg in Richtung Plochingen.

Nun gilt es den Koloss langsam aus der Fahrtrichtung um 90 Grad in die richtige Position zu drehen. Dafür wurde die Brücke auf beiden Seiten vom Ufer aus mit Seilen vertäut, mit denen die Helfer die Richtung vorgeben können. Überraschend schnell geht die Wende vonstatten. Bereits kurz nach 22 Uhr senken sich die beiden Enden langsam auf die Widerlager am Neckarufer. Und nur 30 Minuten später liegen sie schließlich exakt auf und werden mit gigantischen Schrauben fest verankert.

Mitte November wird die Brücke eröffnet

Ab Mitte November soll die provisorische Rosensteinbrücke dann für Radfahrer und Fußgänger geöffnet werden. Bis dahin müssen noch die Verkehrsanschlüsse an beiden Neckarufern hergestellt werden und vor allem auch das eigens errichtet Podest für den mehr als 1000 Tonnen schweren Kran in der Schönestraße wieder abgebaut werden. Die Lebensdauer der neuen Flussquerung ist vorläufig einmal auf mindestens fünf Jahre veranschlagt.

Bis 2030 wird das Provisorium auf jeden Fall stehen. Bis dahin, so sehen es die Planungen der Stadt vor, soll die benachbarte Wilhelmsbrücke zwischen der Cannstatter Markstraße und der Neckarvorstadt abgerissen und für knapp zehn Millionen Euro komplett neu gebaut werden. Denn auch diese Flussquerung weist große Schäden auf. Erst im Anschluss soll dann die endgültige Rosensteinbrücke – ob neben der Stadtbahn auch wieder für den Autoverkehr, muss im Stuttgarter Gemeinderat noch geklärt werden – errichtet werden. Ob wieder in einer Nacht- und Nebelaktion bleibt abzuwarten.

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