Wer was Besonderes erleben will, hat erst mal Geduld gebraucht. Zur Premiere der Blow im Club Proton ist es brechend voll. Wie in Stuttgart eine queere Sexpositiv-Party gefeiert wird und welche Spielregeln gelten.
In seinem Song von 1963 singt Bob Dylan: „The answer, my friend, is blowing in the wind.“ Was geschieht bei der neuen Party Blow im Proton, im größten Club der Stuttgarter Innenstadt? Viele haben sich das gefragt, seit geheimnisvolle Posts mit erotischen Fotos in den sozialen Medien aufgetaucht sind. Nun hat die Opening Night der neuen Reihe die Antwort gegeben. Gleich zum Start, quasi aus dem Stand heraus, ist die Schlange draußen rekordverdächtig lang, sie windet sich um das frühere Galeria-Kaufhof-Gebäude, und drinnen ist’s brechend voll. „Wir mussten den Einlass stoppen“, berichtet Veranstalter Felix Horsch, der keine exakten Besucherzahlen veröffentlichen will.
Sexpositiv-Partys sind in Metropolen seit längerem sehr beliebt
Kinky-Partys, die sich „sexpositiv“ nennen, sind in Metropolen wie Berlin, Zürich oder Köln seit Längerem sehr beliebt. Horsch veranstaltet seit 15 Jahren in Stuttgart die Gayparty Fame – los ging es im N-Pir in Feuerbach. Die Blow ist für ihn die „Weiterentwicklung“ dieses Konzepts. „Extrem sexy“, sagt er, gehe es bei der neuen Party zu, die zur Premiere ein überwiegend männliches Publikum im Alter von 20 bis 70 Jahren anlockt (aber es sind auch Frauen dabei). So viele sind gekommen, dass es lange Wartezeiten nicht nur vor dem Eingang gibt, sondern auch an der Theke. Auf einen Drink wartet man bis zu einer halben Stunde.
Die neue Party im Proton heißt Blow. Foto: Alexander Klarmann
Der Berliner DJ staunt
Erotikshows auf der Bühne, Schließfächer für die Gäste, damit sie sich umziehen können und dann kaum mehr tragen als ein Leder-Harness und Hosen, Tanz mit viel nackter Haut – das ist die Blow. Der Berliner Szene-Star Chris Bekker, der als Resident-DJ bei der sehr freizügigen Rave-Reihe Piepshow im Kitkat über eine riesige Fangemeinde verfügt, legt die Techno-Beats auf und jubelt hinterher bei Instagram: „Thank you, Stuttgart, for this really (!!!) unbelievable opening night.“ Der Mann aus der Hauptstadt hätte nicht gedacht, dass es im Süden so wild abgeht!
Wer eintaucht in diese Party, kommt in einer anderen Welt an, weit weg vom Alltag. Hier drückt man sich aus mit dem Körper, mit Gesten, mit Bewegungen. Die Popularität von Sexpositiv-Partys quer durch Deutschland scheint ein verborgenes Bedürfnis freizulegen, aus Zwängen auszubrechen und den eigenen Fantasien zu folgen. Auch bei der Sanctuary-Party für ein überwiegend heterosexuelles Publikum mit Burlesque- und Artistik-Showeinlagen von Künstlerinnen des Friedrichsbau Varietés war Anfang des Jahres sehr viel los ebenfalls im Proton.
Eine sexpositive Party ist kein Swingerclub. Sexuelle Handlungen stehen bei der Blow und bei der Sanctuary deshalb nicht im Vordergrund, finden, wenn überhaupt, nur am Rande statt. Die besten Chancen, bei diesem Hotspot der Nacht mitfeiern zu können , haben Leute, je auffälliger sie sich kleiden. Normale Straßenkleidung ist verpönt. Neben Lack, Latex und Leder sind Spitze, Netzstrumpfhosen, Korsagen, transparente Glitzershirts, Federn und Masken gern gesehen. Die Sehnsucht danach muss in Stuttgart sehr groß sein – denn der Andrang ist gewaltig.
Am Eingang werden die Handykameras der Gäste zugeklebt. Fotografieren ist verboten, steht auf der Homepage der Blow. „Lebe den Moment“, so lautet stattdessen das Motto. Nur ein Fotograf ist in dieser Nacht im Dienste der Veranstalter unterwegs. „Rassismus, Diskriminierung und Kink-Shaming“ sind bei der Party nicht erlaubt, steht in den Spielregeln. Ein weiterer Grundsatz: „Keine Berührung ohne ausdrückliche Zustimmung, nur ein Ja bedeutet Ja.“
Es gibt keinen Darkroom
Einen Darkroom gibt es – wie bei der Fame – auch bei der Blow nicht (ein Darkroom wird hoch besteuert), dafür eine „Playarea“ mit schummriger Beleuchtung, die sich im selben großen Raum wie der Dancefloor befindet. Dieser „Spielbereich“, an dem sich Gäste näher kommen können, ist von einem Metallzaun abgetrennt, der blickdicht gemacht ist mit schwarzem Stoff.
Erotik-Show auf der Bühne. Foto: Alexander Klarmann
Fortsetzung folgt
Eine sexpositive Party will „die Verschiedenheit von Menschen, Vorlieben, Orientierungen und Identitäten feiern“, sagen die Veranstalter. Es gehe darum, sich und die anderen so anzunehmen, wie man ist und niemanden zu verurteilen, der die Norm verlässt. Dies bedeute aber auch, Grenzen zu respektieren. Die Nacht soll der „Selbstfindung“ dienen, der Überwindung der Scham und der Akzeptanz des eigenen Körpers. Dabei komme es „auf Respekt“ an, heißt es im Proton.
Weil die erste Nacht so gut besucht ist, steht bereits fest: Fortsetzung folgt. Die nächste Blow findet am 15. März statt, erneut im Club Proton. Es könnte wieder voll werden.