Neue Standorte für Flüchtlinge Stadt muss schnell 1424 Hotelplätze räumen
Der Druck des Landes wächst. Die Abkehr von Notunterkünften soll den Haushalt entlasten. Eine Landeserstaufnahme könnte weitere Entspannung bringen.
Der Druck des Landes wächst. Die Abkehr von Notunterkünften soll den Haushalt entlasten. Eine Landeserstaufnahme könnte weitere Entspannung bringen.
Die Zahl der in Baden-Württemberg in den letzten zwölf Monaten aufgenommenen Geflüchteten liegt einschließlich September um 54 Prozent unter der des Vorjahreszeitraums. Statt im Monatsschnitt 2462 mussten 1133 neu untergebracht werden. Dazu kommen im Schnitt monatlich 1852 (2230) Ukrainer. Trotz des deutlichen Rückgangs braucht die Landeshauptstadt dringend weitere Unterbringungsmöglichkeiten. Sie muss so schnell wie möglich Hotels räumen.
„Hotels sind mit die teuerste Unterbringungsmöglichkeit, aber dafür haben wir freie Sporthallen“, so die Flüchtlingskoordinatorin Isabel Lavadinho am Donnerstag bei einer Veranstaltung in Vaihingen. Das Land übernehme die Kosten für die vorläufige Unterbringung für 24, bei Ukrainern für sechs Monate. Die Zeit läuft also gegen die Stadt, konkret geht es um 1424 Hotelplätze.
„Wir müssen von den Hotels weg, weil wir sonst auf den Kosten sitzen bleiben“, so Raffael Sänger, der Leiter des Liegenschaftsamts. Von den 9426 hier untergebrachten Menschen (Stand Ende Juli 2025, davon 2992 aus der Ukraine) leben 1424 in Hotels oder Boardinghäusern, in denen keine Selbstversorgung möglich ist. Damit fallen zusätzlich Cateringkosten an. „Das ist langfristig nicht der richtige Weg“, so Sänger.
Die letzten der 1424 Hotelplätze sollen bis spätestens Ende Januar 2026 durch reguläre Wohnplätze ersetzt werden. Auch in Vaihingen ist nun, auf einem ehemaligen Gärtnereigelände an der Möhringer Landstraße, ein Modulstandort (92 Plätze) geplant. Dem Standort hat der Gemeinderat am 10. April zugestimmt, investiert werden 6,2 Millionen Euro, die Stadt pachtet die Fläche für zunächst drei Jahre. Insgesamt betreibt die Stadt laut Sänger 193 Standorte, nur in zwei Einrichtungen gebe es einen Sicherheitsdienst, an allen anderen brauche man ihn nicht, so seine Antwort auf die entsprechende Frage bei der Bürgerinformation in Vaihingen. Der Bezirk zählt bisher nur zwei Flüchtlinge auf 1000 Einwohner und steht damit am Ende der Bezirkstabelle. In Möhringen sind es 45, in Bad Cannstatt 16 Flüchtlinge auf 1000 Einwohner. Die Aufnahme ist eine Pflichtaufgabe der Kommunen. Auch Vaihingen müsse seinen Beitrag leisten, so Bezirksvorsteher Marcel Wolf.
Im Doppelhaushalt 2026/2027 stehen durch die geplante Abkehr von den Hotels – sie gelten als Notunterkünfte – große Sparpositionen: 13,865 Millionen Euro soll der Verzicht auf Anmietungen bringen, dazu kommen rund sieben Millionen Euro Einsparung beim Catering. Im Investitionsetat sind im nächsten Jahr 45,5 und für 2027 rund 24 Millionen Euro für den Bau neuer Unterkünfte vorgesehen, bereits bis Ende 2026 sollen 9908 Plätze bereitstehen.
In den letzten Wochen informierte die Verwaltung in mehreren Bezirken über ihre Pläne. Dabei kam es zu einer Panne. Finanzbürgermeister Thomas Fuhrmann (CDU) referierte in der Freien Musikschule in Feuerbach vor praktisch leeren Rängen – nur drei Bürger hatten sich eingefunden. Die Einladung zu dem Infoabend war tags zuvor im Bezirksbeirat ausgesprochen, ein größerer Verteiler aber versäumt worden. Das brachte der Verwaltung harsche Kritik ein.
Gegen die geplante Anlage für 190 Menschen in der Feuerbacher-Tal-Straße 141 auf einem alten Sportgelände läuft eine Petition. Der Vorschlag für die Talstraße sei aus der Bevölkerung gekommen, so die Verwaltung.
Deutlich besser besucht war die Info-Veranstaltung in Untertürkheim. Dort könnte der Standort Karl-Benz-Platz 1 bald spruchreif sein. Die Stadt hat hier von Daimler einen Bürokomplex erworben, in dem im Ostflügel und Mittelbau an die 230 Flüchtlinge unterkommen könnten. Im anderen Teil der großen Immobilie sollen Klassenräume eingebaut werden. Der Parkplatz auf dem Gelände, im Bezirk als Kino-Bauer-Areal bekannt, böte Raum für eine neue Sporthalle. Der Komplex steht seit einiger Zeit leer, ab Mitte 2027 könnte er belegt werden.
Deutliche Entspannung könnte bei der Unterbringung eintreten, wenn das Land seine geplante Flüchtlings-Erstaufnahmeeinrichtung (Lea) in Gewerbegebiet Weilimorf verwirklicht. Die dort geplanten bis zu 1600 Plätze würden auf die Stuttgarter Aufnahmequote angerechnet. Details wären zu verhandeln. OB Frank Nopper hatte in der Bürgerversammlung in Weilimdorf zugesagt, im Gegenzug zur Lea-Ansiedlung die größte Unterkunft der Stadt in der Holderäckerstraße in Weilimdorf mit 700 Plätzen zu räumen. Der Mietvertrag dort läuft dem Vernehmen nach noch zwei Jahre.