Neuer Hebammenhilfevertrag „Viele Hebammen werden den Beruf an den Nagel hängen“

Hannah Hien (links) kümmert sich um die Tochter von Jana Jesse. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Eine Stuttgarter Hebamme berichtet von den Auswirkungen des neuen Vertrags auf ihren Beruf – und befürchtet, dass sich die Versorgung von Müttern verschlechtern wird.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Carolin Klinger (klic)

Während es draußen regnet, ist es im Geburtshaus Stuttgart gemütlich – warmes Licht schafft eine angenehme Atmosphäre in dem Raum mit einem großen Bett und einem Wickeltisch. An diesem Tag hat die zweifache Mutter Jana Jesse mit ihrer zweimonatigen Tochter ihre Hebamme Hannah Hien aufgesucht, um sie zu unterstützen – sonst ist es andersherum.

 

Doch im Gespräch mit unserer Zeitung will die 34-Jährige deutlich machen, wie wichtig ihr die Hilfe ihrer Hebamme war und ist: „Diese Zeit, in der man zur Mutter wird, ist so intensiv – ohne die medizinische, aber auch psychologische Beratung von Hannah wäre das undenkbar gewesen.“ Sie macht sich große Sorgen, dass viele Hebammen aus dem Beruf aussteigen werden und die Versorgung der Frauen vor, während und nach der Geburt noch schwieriger wird.

Hebammen fühlen sich von der Politik nicht wertgeschätzt

Die Bedeutung der Hebammen für Familien dürfte unstrittig sein – Doch von der Politik fühlen sie sich nicht wertgeschätzt. In diesem November ist der sogenannte Hebammenhilfevertrag zwischen den freiberuflichen Hebammen und dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) in Kraft getreten, der endlich den erhofften Inflationsausgleich bringen sollte.

Sieben Jahre lang warteten die Hebammen auf eine Grundlohnsteigerung und erhofften sich 25 Prozent mehr. „Wir bekommen aber nur 12 Prozent mehr Lohn. Damit können wir uns nicht zufrieden geben“, erklärt Hannah Hien. Außerdem klagen die Hebammen nun über zusätzliche Bürokratie und wirtschaftliche Einbußen: „Die Situation hat sich verschlechtert. Manche wollen den Beruf an den Nagel hängen, und für junge Menschen wird der Beruf unattraktiver“, sagt die 27-Jährige.

Sie selbst denke zwar nicht daran aufzugeben, sagt Hien. Schließlich arbeite sie erst seit vier Jahren in dem Beruf, seit einem Jahr als Selbstständige im Geburtshaus Stuttgart-Mitte. Doch sie stellt klar: „Natürlich ist die Arbeit sehr besonders und schön. Doch eben auch extrem verantwortungsvoll und schlecht planbar. Da muss die Vergütung stimmen.“

Im von den Hebammen betreuten Geburtshaus herrscht eine angenehme Atmosphäre. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Während sie spricht, übernimmt sie vorsichtig das gerade aufgewachte Baby, um es zu wiegen. Nach der Geburt kam sie täglich bei Jana Jesse und ihren Kindern vorbei. „Jeden Tag hatte ich so viele neue Fragen“, erzählt diese. Anfangs waren deshalb ausführliche Besuche nötig, um beim Stillen und der Babypflege zu beraten und der Familie Sicherheit zu vermitteln.

Diese langen Besuche werden seit November tatsächlich auch besser vergütet – einer der wenigen Vorteile des Vertrags aus Hebammensicht. Inzwischen hat sich die Familie aber eingespielt. Oft würden Jana Jesse nun schon Kurzbesuche oder auch mal eine Textnachricht reichen, um eine Frage auf die Schnelle zu klären. Doch dies wird schlecht beziehungsweise gar nicht mehr vergütet. Nur Telefongespräche kann Hannah Hien abrechnen. Dafür benötigt sie allerdings die Unterschrift der Versicherten, weshalb sie dann doch wieder persönlich hingehen muss.

Stuttgarter Hebamme: Wir sind untereinander solidarisch

Unter den Hebammen gebe es eine große Solidarität, betont die Stuttgarterin. Deshalb verweist sie auch auf die Situation der sogenannten Beleghebammen, die von den neusten Regelungen besonders negativ betroffen sind. Diese freiberuflichen Hebammen stellten bislang in 20 Kliniken in Baden-Württemberg die Geburtshilfe und Notfallversorgung in der Schwangerschaft sicher.

Für sie kann der Vertrag jedoch Einkommensverluste von 30 bis 40 Prozent bedeuten. Denn während bislang für alle Frauen, die gleichzeitig in den Kreißsälen unter den Geburten betreut wurden, 100 Prozent abgerechnet werden konnten, dürfen in Zukunft nur 80 Prozent berechnet werden. Ab der zweiten Frau werden nur noch 30 Prozent bezahlt.

An der Rottweiler Helios Klinik führte das schon dazu, dass das gesamte Team der Beleghebammen geschlossen zum 31. März 2026 kündigte. Wie die Versorgung der Schwangeren dort künftig gewährleistet werden soll, ist noch unklar. Jährlich kommen rund 800 Kinder in dem Kreißsaal zur Welt.

Viele Hebammen stellen außerdem die Vorbereitungs- und Rückbildungskurse ein, weil ihr wirtschaftliches Risiko größer geworden ist, seit sie Kurstermine nicht mehr abrechnen dürfen, wenn verbindlich angemeldete Teilnehmerinnen fehlen – weder gegenüber der Krankenkasse noch den Teilnehmerinnen. „Wir haben ohnehin schon einen Hebammenmangel“, gibt Hannah Hien zu bedenken. Und die Situation werde sich definitiv noch verschärfen, sollte der Vertrag nicht nachgebessert werden.

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