Neuer Impfstoff aus Tübingen Grippe-Impfung: Einmal pieksen, für Jahre geschützt

Die Grippeviren verändern sich ständig. Daher muss auch der Impfstoff permanent angepasst werden. Foto: Khunatorn - stock.adobe.com

Sich jedes Jahr gegen Grippe impfen zu lassen, ist nervig und hält viele von einer Impfung ab. Tübinger Forscher wollen das ändern und entwickeln einen neuen Impfstoff.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Regine Warth (wa)

Fast vier Monate brandete die Grippewelle im vergangenen Winter durch Deutschland – und sie war heftig: Knapp 400 000 Influenzaerkrankungen wurden an das Robert Koch-Institut (RKI) gemeldet. Das waren beinahe doppelt so viele Grippefälle wie im Jahr davor. Kein Wunder also, dass viele Politiker und Mediziner zur Grippeimpfung aufrufen. Doch der jährliche Piks ist nicht beliebt: Lediglich jeder fünfte Bundesbürger ist zu einer Immunisierung bereit. In Tübingen sind Forscher gerade dabei, einen neuen Impfstoff zu entwickeln. Das Projekt wird vom Bundesforschungsministerium (BMFTR) mit mehr als 2,7 Millionen Euro bezuschusst. Der Impfstoff soll nicht nur besonders wirksam, sondern auch ein Signal gegen die Impfmüdigkeit der Bundesbürger sein. Der Leiter der Forschungsgruppe, Oliver Planz, sagt, wie es funktioniert.

 

Herr Planz, überall wird gerade zur Grippeimpfung aufgerufen. Haben Sie sich schon impfen lassen?

Ja. Tatsächlich habe ich mich sowohl gegen Corona als auch gegen Influenza impfen lassen. Nur wäre ich froh – wie viele andere auch –, wenn man nicht jedes Jahr von Neuem geimpft werden müsste. Das ist schon ziemlich lästig.

Warum ist das eigentlich so?

Die Grippeviren verändern sich ständig. Daraufhin muss dann auch der Impfstoff jedes Jahr aufs Neue angepasst und bestenfalls im Herbst an die Bevölkerung neu abgegeben werden. Aber genau das wollen wir ändern.

Sie sind mit Kollegen dabei, einen neuen Impfstoff namens UniFlu-Vacc zu entwickeln. Was soll dieser können, was die bisherigen Impfstoffe nicht können?

Wir wollen einen Impfstoff entwickeln, der all die Varianten von H1 und H3 abdeckt – und überdies noch Grippeviren der anderer Gruppen wie beispielsweise H5, also den Erreger der Vogelgrippe. Es soll also ein Universal-Impfstoff werden, der einmal gespritzt einige Jahre einen Schutz bietet und dann nur noch eine Auffrischung braucht.

Oliver Planz ist seit 2011 ist er Professor am Institut für Immunologie am Universitätsklinikum Tübingen Foto: imago images/ULMER Pressebildagentur

Wie kann das gelingen?

Zwar können sich Grippeviren verändern, aber diese Veränderung ist keine komplette Neuerung. Es gibt also Bereiche im Virusbauplan, die gleich bleiben. Wir sagen dazu „konserviert“. Und wir wollen jetzt einen Impfstoff entwickeln, der das Immunsystem anlernt, sich gegen diese konservierten Virusbereiche zu wehren. Das Vorgehen ist ein bisschen schwieriger als bei der Entwicklung des herkömmlichen Impfstoffs, der lediglich auf die Veränderungen abzielt. Daher wurde es auch all die Jahre nicht gemacht. Und noch etwas wollen wir erreichen: Der Impfstoff soll nicht nur dazu führen, dass der Mensch Antikörper gegen das Virus entwickelt, sondern gleichzeitig die T-Zellen aktiviert werden. Diese regulieren die gezielte langanhaltende Immunantwort.

Und für wen ist der Impfstoff gedacht?

Wir hoffen darauf, dass am besten jeder sich damit impfen lässt – nicht nur die Senioren, sondern auch die Gruppe der 18- bis 65-Jährigen. Für Kleinkinder wird es den Impfstoff erst einmal nicht geben, da für Kinder spezielle klinische Studien gemacht werden müssen. Diese würden in einem zweiten Schritt durchgeführt.

Allerdings müsste sich auch an der Impfbereitschaft hierzulande etwas ändern: Lässt sich diese Impfmüdigkeit mit einem neuen Wirkstoff vertreiben?

Es gibt mehrere Gründe, warum Menschen nicht zum Impfen gehen. Es gibt natürlich die radikalen Impfgegner, die wird man auch nicht mit dem neuen Impfstoff überzeugen können. Und dann gibt es die Leute, die eher bequem sind und deshalb nicht regelmäßig zum Impfen gehen. Diese Gruppe könnte ein neuer Impfstoff, der nicht jedes Jahr neu verabreicht werden muss, durchaus ansprechen. Und das hätte große Auswirkungen – auch auf unsere Wirtschaft, weil es dann weniger Krankheitsfälle geben würde.

Wie wirksam ist denn der Impfstoff – kann man dazu schon etwas sagen?

Im Tierversuch hat sich die Verträglichkeit und die Wirksamkeit schon gezeigt. Natürlich lässt sich auch mit dem neu entwickelten Impfstoff nicht zu hundert Prozent eine Ansteckung vermeiden. Aber zumindest die Krankheitssymptome sind dann weniger ausgeprägt.

Wann ist der Impfstoff bereit, ausgeteilt zu werden?

Wir sind momentan noch im Tiermodell, allerdings ist es das klar formulierte Ziel des vom Bund geförderten Forschungsprojektes, dass wir mit dem Vakzin klinische Studien am Menschen vornehmen können. Ich bin sehr zuversichtlich, dass dies in eineinhalb Jahren passieren wird. Wenn dann diese Studien ebenfalls erfolgreich abgeschlossen sind, könnte man in fünf Jahren mit dem Impfstoff rechnen.

Wie testet man einen solchen Wirkstoff am Menschen?

Im Prinzip erhält eine Gruppe von freiwilligen Studienteilnehmern den Impfstoff verabreicht, die nachweislich gesund sind. Anschließend wird ihnen nach einem bestimmten Zeitpunkt Blut abgenommen. Wir analysieren anhand der Blutprobe, ob unser Impfstoff in der Lage ist, eine Immunantwort zu erzeugen. Dann müsste man eigentlich auf eine Grippesaison warten, um herauszufinden, wie wirksam der Impfstoff ist. Inzwischen gibt es aber verschiedene Institutionen in Europa – unter anderem in Großbritannien –, die in klinischen Studien Probanden erst impfen und dann experimentell infizieren. Anschließend werden die Teilnehmer medizinisch überwacht, um die Wirksamkeit des Impfstoffs genau zu belegen. Diese Untersuchungen sind mittlerweile von den Zulassungsbehörden vorgeschrieben. Es folgt eine Feldstudie, dann kann die Zulassung erfolgen.

Oliver Planz – Kämpfer gegen Bakterien, Viren & Co.

Laufbahn
Oliver Planz (Jahrgang 1963) ist seit 1996 in Tübingen beheimatet. Zuvor war der Experte für Immunologie in Zürich tätig, dann wechselte er an das Friedrich-Loeffler-Institut nach Tübingen. Seit 2011 ist er Professor am Institut für Immunologie am Universitätsklinikum.

Forschung
Planz’ Spezialgebiet ist die Forschung an der Immunantwort gegen Infektionserreger. So hat er zusammen mit seinem Team unter anderem herausgefunden, welche Bestandteile der Zelle ein Virus braucht, um sich weiter zu vermehren. Daraufhin konnten die Forscher bestimmte Signalwege unterbrechen, was dazu geführt hat, dass die Vermehrung der Viren gehemmt wurde.

Impfung
Das Projekt UniFLU-Vacc läuft bis September 2027 und wird im Rahmen der BMFTR-Fördermaßnahme KMU-innovativ: Biomedizin mit rund 2,7 Millionen Euro gefördert. Im Anschluss an das Projekt ist eine klinische Erprobung des ausgewählten Impfstoffkandidaten geplant. Das Universitätsklinikum Tübingen arbeitet hierfür mit dem Biotech-Unternehmen Prime Vector Technologies GmbH zusammen.

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