Blick aufs Cover von Kai Blieseners Kriminalroman „Hotel Silber. Neue Zeit, alte Schuld“ Foto: Emons-Verlag/Leonardo Magrelli
Kurz nachdem er selbst hier gefoltert wurde, ist die ehemalige Gestapo-Zentrale der neue Arbeitsplatz eines jungen Polizisten. Der Autor Kai Bliesener lässt in seinem Stuttgart-Krimi „Hotel Silber“ Zeiten hart aufeinander prallen.
Kai Blieseners Kriminalroman „Hotel Silber. Neue Zeit. Alte Schuld“ schlägt ein spannendes Kapitel Stadtgeschichte auf. Zwei Jahre lang hat der Autor aus Weinstadt recherchiert, um seinem Protagonisten Paul Kramer erst bei der Flucht als Deserteur vor den Nazis, dann bei der Arbeit als Ermittler im zerbombten Stuttgart trittsicher zu folgen.
Herr Bliesener, auf der Liste Ihrer Bücher finden sich Politthriller mit aktuellen Bezügen. Was hat Sie dazu bewogen, für Ihren neuen Kriminalroman ins zerbombte Stuttgart und das Jahr 1945 abzutauchen?
Ich glaube, dass der Rechtsradikalismus neben der Klimakrise das größte Thema unserer Zeit ist. Als politisch interessierter Mensch treibt mich um, was seit einigen Jahren in Deutschland passiert. Bei meinem ersten Besuch im Hotel Silber hat mich dieser Erinnerungsort an den Nazi-Terror sehr ergriffen. Die Schicksale, denen ich begegnet bin, was Menschen dort passiert ist und zu was Menschen fähig sind, das war Antrieb für mein Buch. Ich wollte eine spannende Geschichte erzählen, aber sie ist für mich auch ein Beitrag zu einer Art: Nie wieder!
Ihr Held Paul Kramer, ein junger Polizist, hat den Krieg zumindest moralisch unbefleckt überstanden. Jetzt hilft er, die neue Kriminalpolizei aufzubauen – just am Ort, wo er selbst kurz zuvor als Deserteur gefoltert worden war. Trafen im Hotel Silber Systeme wirklich so hart aufeinander?
Im Hotel Silber wurde tatsächlich bis zum Kriegsende gefoltert, und nur wenige Wochen später hat dort die Kriminalpolizei ihre Arbeit aufgenommen. Schon ab Sommer 1945 gab es Aufrufe, um neue Polizisten zu rekrutieren, die meisten alten waren von der Militärregierung entlassen worden. Das Problem war, dass es wenig geeignete Leute gab. Unter den Bewerbern waren neben Opfern auch Täter, sie mussten dann Seite an Seite arbeiten. Viele Akten waren am Kriegsende ja absichtlich vernichtet worden, um Schuld zu kaschieren. Und die NS-Organisation Werwolf hat Nazis gezielt mit frischen Papieren und Geld ausgestattet, damit sie später in tragende Rollen zurückkehren können.
Autor Kai Bliesener /Jeanette Bak
In Ihrem Buch treten historische Figuren auf wie der OB Arnulf Klett. War alles wirklich so, wie Sie schreiben?
Ich habe verdichtet und gestrafft, mich an realen Ereignissen orientiert, aber keinen Tatsachenroman geschrieben. Es gibt für fast jeden Charakter im Buch eine historische Person als Vorbild, doch alle sind mit fiktiven Biografien, Handlungen und Zitaten ausgestattet. Ich bin kein Historiker und wollte nicht an einer realen Person entlang erzählen. Aber ich hoffe, dass ich den damaligen Zeitgeist und die Geschehnisse so beschreiben konnte, dass sie glaubwürdig sind.
Kramer muss in einem Mordfall ermitteln, den das Schicksal der Jüdin Else Josenhans inspirierte. Bekam bei der Aufklärung der Gräueltaten der Gestapo jeder Einzelfall so viel Raum wie Sie beschreiben?
Im ersten Entwurf zu diesem Buch gab es die Idee, die Aufklärungsarbeit am Beispiel mehrerer Fälle episodenhaft darzustellen. Das entsprach sicherlich eher der Realität im Hotel Silber, wo zig Opfer gefoltert, getötet oder in KZs deportiert worden waren. Einen konkreten Fall herauszugreifen, machte die Erzählung aber plausibler und zeigt nun exemplarisch das geschehene Unrecht auf. Der Mord an Else Josenhans stach aus der Fülle der Fälle heraus. Er war besonders perfide, und sie war eine der letzten Personen, die im Hotel Silber umgebracht wurden.
In Ihrem Buch gibt’s reichlich Tote: Zur Vertuschung alter Verbrechen werden neue begangen. Wie sehr haben Sie das Treiben von Alt-Nazis oder die Tumulte in den Lagern für Vertriebene und ehemalige Zwangsarbeiter zugespitzt? Hatten Sie reale Situationen als Quelle?
Ja, leider gibt es für die meisten Toten in meinem Buch reale Vorbilder. Auch für die Szene, als der Gestapo-Leiter bei seiner Flucht auf den Fildern einen Bauern nur deshalb erschießt, weil sich dieser über die nahenden Alliierten freut. Tatsächlich zugetragen hat sich ebenso der nie völlig aufgeklärte Todesfall im Lager für Displaced Persons in der Reinsburgstraße. Das war schon damals ein Aufreger: dass ein deutscher Polizist nach Kriegsende einen jüdischen Mitbürger erschossen haben soll. Die Stimmung war oft hochexplosiv.
Schwarzmarkt, Verbrechen, Gewalt: Die Zeit nach der Kapitulation tritt in „Hotel Silber“ als chaotisch auf. Es scheint schwer, wenn die Regeln erstmal gebrochen sind, neue zu etablieren...
Ja, es war eine schwierige Zeit. Dazu gehörte, dass die Franzosen, die Stuttgart vor allem mit algerischen Truppen befreiten, von Rachegedanken getrieben waren. Es gab viel Kriminalität, Vergewaltigungen und Todesfälle, aber keine funktionierende Polizei. Die Menschen waren froh, als im Sommer 1945 die Amerikaner übernahmen und sich die Stimmung änderte.
Hilde, die Frau an Kramers Seite, geht einen ungewöhnlichen Weg. Wollten Sie mit ihr ein Beispiel für eine Emanzipation zeigen, wie sie nur wenige Frauen wagten?
Ich dachte, dass dem Buch eine starke Frauenfigur guttut. Die Konflikte, die sie aus der Vergangenheit mit einem Nazi-Vater mitbringt, stärken ihren Sinn für Gerechtigkeit. Neben Polizei und Justiz, die der Ermittler Paul Kramer verkörpert, hat für mich der Journalismus, den Hilde wählt, in der Nachkriegszeit eine wichtige Rolle inne. Über ihn lassen sich kriminalistische, aber auch gesellschaftliche Entwicklungen und Stimmungen in der Stadt erzählen.
Heute Erinnerungsort: Hotel Silber Foto: lg/Leif Piechowski/Lichtgut/Leif Piechowski
Rechtsextreme Positionen sind heute wieder politikfähig. Bei der vielen Erinnerungsarbeit, die Einrichtungen wie das Hotel Silber leisten: Kommt die überhaupt bei den richtigen Menschen an?
Ich hoffe, dass Erinnerungsarbeit ankommt, aber ich glaube auch, dass sie das nicht in allen Fällen tut. Man erreicht meist nur den Kreis an Menschen, die sich bereits interessieren. Für mich wäre es das größte Kompliment, wenn mein Buch zum Nachdenken bringt. Und vielleicht beschäftigt sich jemand näher mit dem Thema und schaut sich das Hotel Silber an.
Ihrem Buch ist ein Zitat von Anna Haag vorangestellt, das kein gutes Wort findet für den Zustand der Deutschen 1941. Denken sei nicht mehr in Mode, heißt es darin. Für Sie nur Bild dieser Zeit oder Mahnung mit aktuellem Bezug?
Ganz klar auch Warnung. Jeder, der meint, er könne aus Protest eine Partei wie die AfD wählen, ist auf dem Holzweg. Es gibt viele Parallelen zwischen 1933 und heute, angefangen bei der Unzufriedenheit in der Gesellschaft. Aber eine Protestwahl ändert nichts. Wenn mein Buch nicht nur unterhalten, sondern auch zum Hinterfragen anregen würde, wäre das für mich ein toller Erfolg.
Info
Buch Kai Bliesener: „Hotel Silber. Neue Zeit. Alte Schuld.“ Emons-Verlag. 256 Seiten. 14 Euro
Termin Der Autor stellt sein Buch am 9. Oktober, 19.30 Uhr, im Hotel Silber vor. Weitere Lesungen gibt es am 25. Oktober um 11 Uhr in der Buchhandlung Pörksen (Schwabstraße 26) und um 19.30 Uhr in Jacques Weindepot (Rotebühlstraße 89/2), am 7. November um 20 Uhr bei Buch im Süden (Böblinger Str. 151) sowie am 15. November um 19 Uhr im Waldheim Gaisburg.
Person Kai Bliesener, 1971 in Waiblingen geboren und in Fellbach aufgewachsen, hat 2018 mit „Die Watson-Legende“ seinen ersten Roman veröffentlicht; die Thriller-Serie um einen Ex-Agenten ist inzwischen auf drei Bände angewachsen. Als Mediendesigner und Pressesprecher war Bliesener für verschiedene Verbände und Unternehmen tätig; seit 2023 verantwortet er die Öffentlichkeitsarbeit im Theaterhaus. Im Frühjahr erschien „Wein. Berg. Tod.“, sein erster Regiokrimi.