Neuer Roman von Antje Rávik Strubel Eine Schlagzeile, die haftet wie Kacke am Schuh

Besonders intelligent schaut er nicht gerade aus der Wäsche, der Fasan. Umso gescheiter ist der Roman, der ihn im Titel führt. Foto: IMAGO/Paul Marriott

Antje Rávik Strubel erzählt in „Der Einfluss der Fasane“ federleicht vom Kräftemessen zwischen einem übergriffigen Theaterintendanten und einer eifrigen Kulturjournalistin.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Vor vier Jahren hat Antje Rávik Strubel für ihren Roman „Blaue Frau“ den Deutschen Buchpreis gewonnen. Er kreist um die sexuellen Gewalterfahrungen einer jungen Tschechin im kulturellen Völkerverständigungsmilieu zwischen West und Ost. Getrieben von Panikattacken irrt sie auf der Suche nach Gerechtigkeit durch ein Europa, in dem die Nachwirkungen politischer Kollisionen die zwischenmenschlichen Konflikte grundieren. Zum großen Drama dieser Geschichte verhält sich Strubels neuer Roman „Der Einfluss der Fasane“ wie ein Satyrspiel, auch wenn statt den virilen bocksbeinigen Mischwesen immer wieder das titelgebende gefiederte Prachtsgeflügel durch das Bild stakst.

 
Antje Rávik Strubel Foto: Marcus Höhn

Gleiches Thema, anderer Zugriff. Auch hier geht es um den Missbrauch von Macht in kulturellen Zusammenhängen: auf der einen Seite ein gefeierter stilbildender Theaterberserker, Intendant eines der ersten Häuser in der Hauptstadt, auf der anderen Seite die Feuilleton-Chefin einer Berliner Zeitung. Jener lebt die postfeudalistischen Vollmachten der Kunstfreiheit auf der Besetzungscouch seines Theaters aus, diese gebietet über die Mittel, die öffentliche Meinung wie es ihr gefällt zu beeinflussen. Zum Beispiel, indem sie einen Text mit der Überschrift verfasst: „Intendant zwingt Schauspielerin zur Abtreibung“.

Eine Schlagzeile, die haftet, „wie Kacke am Schuh“. Von den Recherchen mag sie gedeckt sein, aber ob die eigentlichen Motive der Journalistin, den Sumpf auf der Hinterbühne des Theaterbetriebs auszutrocknen, so lauter waren, wird immer fragwürdiger, je besser man sie kennenlernt. Hat sie zuvor nicht in einer anderen mindestens ebenso eindeutigen Metoo-Angelegenheit für die Gegenseite Partei ergriffen, weil das „Anprangern von Männern“ in letzter Zeit so an Fahrt aufgenommen habe? Kann es sein, dass sie selbst dem herrischen Charme des verlotterten Genies, das das Theater wieder sexy gemacht hat, erlegen ist, mehr als es sich mit journalistischer Distanz verträgt? Und wenn man schon dabei ist: welche Rolle spielt die Zeitungskrise für den Bericht? In der Redaktionskonferenz hatte die Kulturchefin verkündet, das Ruder herumreißen zu wollen, und die sinkenden Verkaufszahlen durch einen hemdsärmeligen Qualitätsjournalismus auf ein früheres Niveau anzuheben, kürzere, stärker fokussierte Beiträge, mehr Gefühl, weniger Analyse.

Auch die Kanzlerin hat ihren Auftritt

Wie dem auch sei, ihr Bericht hat dazu geführt, dass der mit einer Operndiva verheiratete Intendant von seinem Posten zurücktreten musste. Nun ist er tot – Selbstmord. Als Toter wird sein Schatten überlebensgroß, länger als die imposanten Schwanzfedern eines Fasans. Und damit geht das Kräftemessen erst richtig los. Plötzlich sieht sich die Journalistin in der Defensive. Hat sie für ihren Coup in Kauf genommen, eine Existenz zu zerstören? Nach einem verpatzten Interview zur Sache wird sie freigestellt und irrt zunehmend orientierungslos durch die Gegenwelt ihres Privatlebens, in einem weinumrankten Haus in Potsdam, wo ihr schöner zum Initial T geschrumpfter Mann, ein Architekt, nach seelischer Erleuchtung strebt, während alles immer dunkler wird.

Spiegel bestimmen die Fluchten des Romans. Spiegelbildlich verhalten sich die Karrieren der beiden Protagonisten zueinander, spiegelverkehrt ihre Wunschbilder zur Wirklichkeit. Und je tiefer man sich in der kunstfertigen Konstruktion verläuft, desto facettenreicher bricht sich das Bild der Welt: Hier der skurrile Auftritt beim Empfang der zur Handlungszeit noch regierenden Kanzlerin, die das nervöse sprachliche Gegockel der Journalistin mit einem mitleidigen „in der Ruhe liegt die Kraft“ abfedert; dort das selbstverliebte Untergangsgeplänkel der Hauptstadtpresse im „Borchardt“; vom Wannsee schaut neurechtes Großbürgertum vorbei, preußische Barockherrlichkeit ersteht aus ruinösen Ideologien auf – und immer wieder Trupps sich plusternder Fasanen.

Gesellschaftsporträt und Satire, Schlüsselroman und Medien-Groteske, Dunkles und schreiend Komisches mischen sich in einem Machtspiel, dessen eigentlicher Akteur aber die Sprache ist. Eilte sie in der „Blauen Frau“ der Ohnmacht des Traumas zu Hilfe, wird hier die selbstermächtigende Kraft der Worte kritisch reflektiert. Ihre missbräuchliche Verwendung spiegelt sich in verdrehten Redewendungen, Synonymkatalogen, verbalen Euphemismen und Wortklaubereien. Trennungsdialoge klingen so: „,Manchmal geht es um mehr als Sex.‘ ,Wirklich kultig. Alle Achtung.‘ ,Kultisch‘, sagte T, ,das abgeleitete Adjektiv ist kultisch.‘“

Und dann ist da noch „Norma“, die Rolle, die die Frau des Intendanten gesungen hat, bevor dieser seinem Leben ein Ende gesetzt hat, vor prächtigster Kulisse in Sydney: Casta Diva – keusche Göttin. Vielleicht war ja alles auch ganz anders, Eifersucht, tragischer Liebestod. Jeder inszeniert sich die Wirklichkeit zurecht, die er braucht. Aber mit welch federleichten Aberwitz und analytischem Scharfsinn Antje Rávik Strubel diese und noch viele weitere Ebenen zusammenhält, ohne sich am Ernst des Grundmotivs zu vergehen, ist dann doch allem Satyrspiel zum Trotz ganz große Oper – oder ist da schon wieder eine Redewendung verrutscht?

Antje Rávik Strubel: Der Einfluss der Fasane. S. Fischer. 240 Seiten, 24 Euro.

Info

Autorin
Antje Rávik Strubel, geboren 1974 in Potsdam, studierte nach einer Buchhandelslehre Amerikanistik, Psychologie und Literaturwissenschaften in Potsdam und an der NYU. Sie veröffentlichte Romane wie „Unter Schnee“, „Fremd Gehen. Ein Nachtstück“, „Tupolew 134“ sowie den Episodenroman „In den Wäldern des menschlichen Herzens“. Ihr Werk wurde mit zahlreichen Preisen geehrt. „Blaue Frau“ wurde mit dem Deutschen Buchpreis 2021 ausgezeichnet. Sie übersetzt aus dem Englischen und Schwedischen unter anderem Joan Didion, Monika Fagerholm, Lucia Berlin und Virginia Woolf. Antje Rávik Strubel lebt in Potsdam.

Termin
Am 1. Juli ist die Autorin mit „Der Einfluss der Fasane“ im Literaturhaus Stuttgart zu Gast.

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