Schriftstellerin Ursula Krechel Heute Büchnerpreis, morgen Stuttgart

Sprachspiele auf Leben und Tod: Ursula Krechel Foto: dpa/Arne Dedert

Ursula Krechel erhält mit dem Büchnerpreis die höchste deutsche Literaturauszeichnung. Warum, zeigt ihr Roman „Sehr geehrte Frau Ministerin“, den sie nun in Stuttgart vorstellt.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Wie bringt man das alles zusammen? Die Geschichte Agrippinas, der Mutter des römischen Kaisers Nero, der sie ermorden ließ, nachdem sie ihm zur Macht verholfen hat. Oder die Nöte der Kräuterladenverkäuferin Eva Patarak aus Essen, die eine betriebsbedingte Kündigung verkraften muss, während sich daheim ihr arbeitsloser Sohn in seiner Computereremitage radikalisiert. „Gibt es keine Gürkchen mehr“, lautet sein einziger Kommentar, als sie mit der traurigen Botschaft nach Hause kommt. Söhne!

 

Eine Frau, die unter einer roten Mütze die Folgen ihrer Chemotherapie verbirgt, hat in dem Naturheilgeschäft unter anderem ein Haarwuchsmittel gekauft, sie unterrichtet Latein, lässt ihre Schülerinnen vor Gewalt triefende Texte übersetzen. Nach ihrer Unterleibsoperation beginnt sie, einen Roman zu schreiben, in dem eine Kräuterladenverkäuferin und ihr Sohn eine Rolle spielen. Wie weit darf man dabei gehen?

Die „Sehr geehrte Frau Ministerin“, die Ursula Krechels neuer Roman im Titel führt, macht sich stark für den Schutz von Persönlichkeitsrechten. Aber wer schützt sie vor den Zudringlichkeiten, dem Dreck und Schmutz, der durch soziale Kanäle in ihr Leben schwappt? Sie pendelt zwischen Essen und Berlin, Familie und Politik, so wie die Kraniche zwischen Nord und Süd, deren gewaltiger Flügelschlag die Langeweile im Leben Eva Pataraks durchbricht. Doch der Klimawandel macht auch vor dem Zugvogelverhalten der großen Vögel nicht Halt.

Man könnte die Liste der Motive, Themen und Schauplätze noch weiter fortsetzen, auf die Gefahr hin zu langweilen. Das wiederum wäre das Letzte, was Ursula Krechels Roman gerecht würde.

Denn darin verbindet sich all dies und noch viel mehr auf so zwingende wie frappierende Weise zu einer alternativen Universalgeschichte, deren treibende Kraft einmal nicht Männer, sondern Frauen sind: Mütter wie Kinderlose, Ministerinnen und Kräuterfrauen, die Goldene Madonna im Essener Dom ebenso wie die Keltenkönigin Boudica, die sich in flammender Wut den römischen Kolonialherren entgegenwirft, um die Vergewaltigung ihrer Töchter zu sühnen.

In früheren Romanen hat Ursula Krechel von Leuten erzählt, denen der Lauf der Dinge den Boden unter den Füßen weggezogen hat: jüdische Asylanten, die wie in „Shanghai fern von wo“ den Nationalsozialismus in China überlebt haben und denen es nach ihrer Rückkehr ging wie dem an der Unmenschlichkeit der bundesrepublikanischen Nachkriegsbürokratie scheiternden Richter des mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichneten Romans „Landgericht“.

Krieg im eigenen Körper

Immer aber schreibt an den Romanen die Lyrikerin mit. Und hier liegt die Antwort auf die eingangs gestellte Frage: Es ist die assoziative Magie der Sprache, deren geheime Bindekraft es vermag, die unterschiedlichsten Lebenssphären zusammenzuschließen, lateinische Literatur mit dem 21. Jahrhundert, die Lokalgeschichte des Ruhrgebiets mit dem, was sich in den letzten 2000 Jahren sonst noch so getan hat. War in der Antike nur das Blut der Schlachtfelder literaturwürdig, wird hier vom „Bürgerinnenkrieg“ im Körper, der von starken Blutungen heimgesuchten Philologin berichtet.

In fliegendem Austausch entwickelt sich eines aus dem anderen, ein Wechsel der Pronomen, ein gemeinsames Wortfeld, reicht aus, um die verschiedensten Erzählstränge miteinander zu verknüpfen. Die Welt besteht aus Wörtern, hier bilden sie einen Katalog der Todesarten unter spätrömischen Kaisern, dort eine Sammlung von Trostverben.

Immer wieder ist Ich jemand anderes. Die klassische Philologin behauptet, den Roman zu verfassen, den Krechel erzählt. Aber je entfesselter wer auch immer von beiden mit der Sprache spielt, desto eindrücklicher wird der Text gleichzeitig zum Zeitzeugen: Bauernproteste, Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche, Migration, Kaufhauspleiten, Messerattentate – nichts, von den laufenden Ereignissen, was in der schöpferischen Gebärmutter des Textes nicht Platz fände. Ja, von allen Müttern, denen man hier begegnet, ist die Sprache die fruchtbarste.

Kühn stellt sich diese Form der Geschichtsschreibung den klassischen Vorbildern des männlichen Kanons entgegen. Eine Summe ist der Roman jedoch nicht nur wegen dem Vielen, das er vereint, sondern auch im Hinblick auf die Kunst einer der bedeutendsten Autorinnen unserer Tage. Wäre ihr Buch eine Bergtour oder eine Skipiste, müsste man wohl „für Geübte“ darüber schreiben. Häufig sind das die reizvollsten Unternehmungen. Aber weil niemand beim Lesen Kopf und Kragen riskiert, sollte man keinen Augenblick zögern, sich dem großen Lektüreabenteuer dieser „Sehr geehrten Frau Ministerin“ auszuliefern.

Ursula Krechel: Sehr geehrte Frau Ministerin. Roman. Klett-Cotta. 368 Seiten, 26 Euro.

Info

Autorin
Ursula Krechel, 1947 in Trier geboren, war Dramaturgin, lehrte an der Universität der Künste Berlin und der Washington University St. Louis und lebt heute in Berlin. Sie ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt sowie der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz.

Werk
Ursula Krechel schreibt Lyrik, Romane, Hörspiele und Essays. 1977 erschien ihr erster Gedichtband „Nach Mainz“. In den Romanen ihrer „Trilogie der Ausgegrenzten“ hat sie sich mit den Folgen des Nationalsozialismus, dem Exil und der Nachkriegszeit auseinandergesetzt. Für ihr Werk wurde sie vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Buchpreis und dem Joseph-Breitbach-Preis.

Termin
Am Mittwoch, 16. Juli, stellt die Autorin ihren neuen Roman im Literaturhaus Stuttgart vor.

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