Neues Angebot auf der Schiene ab Stuttgart Von Dezember an ohne Umstieg im Zug nach Wien

Die Züge der österreichischen Westbahn steuern bald auch Stuttgart an. Foto: IMAGO/Harald / Dostal

Ein erster Versuch im vergangenen Jahr war noch an fehlenden Kapazitäten im Netz gescheitert, nun ist man sich beim österreichischen Privatbahnunternehmen Westbahn sicher: Von Dezember an gibt es zwei tägliche umsteigefreie Verbindungen von Stuttgart nach Wien.

Stadtentwicklung/Infrastruktur : Christian Milankovic (mil)

Das österreichische Privatbahnunternehmen Westbahn wird vom Fahrplanwechsel im Dezember an zwei tägliche, umsteigefreie Verbindungen von Stuttgart nach Wien anbieten. Entsprechende Pläne waren schon im Januar publik geworden. Nun bestätigen die beiden Geschäftsführer des Unternehmens, Thomas Posch und Florian Kazalek, dass die Verbindungen auch tatsächlich eingerichtet werden.

 

Wachstum in Deutschland angestrebt

Die Fahrzeit von Stuttgart nach Wien soll dabei bei rund sechseinhalb Stunden liegen, die Züge nutzen zwischen Stuttgart und Ulm die Schnellfahrstrecke über die Schwäbische Alb. Möglich wird das, weil die Westbahn zwei ihrer fünf täglichen Züge zwischen München und Wien bis in die baden-württembergische Landeshauptstadt verlängert. „Wir treten damit erstmals richtig in den deutschen Binnenmarkt ein“, sagt Thomas Posch. Man habe sich ehrgeizige Ziele gesetzt: die Westbahn will die Zahl der grenzüberschreitend reisenden Fahrgäste binnen zweier Jahre verdoppeln. Heute sind im Jahr 300 000 Menschen über die deutsch-österreichische Grenze hinweg mit den Westbahn-Zügen unterwegs.

Zwischen München und Stuttgart wird in Augsburg, Günzburg und Ulm gehalten. Die genauen Fahrzeiten wollen Posch und Kazalek noch nicht verraten. Nur soviel: der morgendliche Zug wird Stuttgart zwischen 7 und 8 Uhr verlassen, der am Nachmittag zwischen 15 und 16 Uhr. Abfahrt in Wien ist zwischen 8 und 9 Uhr und zwischen 16 und 17 Uhr. Die Zurückhaltung mag auch mit den jüngsten Erfahrungen zusammenhängen. Schon im vergangenen Jahr wollte die Westbahn bis Stuttgart fahren. Wegen der knappen Kapazitäten im Schienennetz waren aber keine attraktiven Fahrzeiten möglich. Aufgeben musste man auch zunächst den Plan, von München durch das Allgäu nach Bregenz zu fahren. Der allzu sparsame Ausbau der Strecke vereitelte den Plan. Die Hauptstadt des Bundeslandes Vorarlberg bindet Westbahn seitdem via Innsbruck an – und das so erfolgreich, dass das Angebot Ende des Jahres auch ausgebaut wird.

Auf Personalsuche

Für die Expansion in Deutschland hat die Westbahn nun auch ein Tochterunternehmen gegründet. Ein sogenannter Country Manager Deutschland soll die Geschicke von München aus leiten. Dessen vordringlichste Aufgabe ist die Personalgewinnung. Von derzeit 300 auf 350 Mitarbeiter soll die Westbahn-Belegschaft wachsen. „Der Arbeitsmarkt ist sicherlich eine große Herausforderung“, sagt Florian Kazalek. Gesucht werden vor allem Lokführer, aber auch Kundenbetreuer im Zug, die im Westbahn-Sprech „Stewards“ heißen. Erste Rückläufe in der Rekrutierungskampagne würden aber positiv stimmen, so Kazalek.

Tickets für die neue Verbindung soll es von Herbst an geben – zunächst auf digitalem Weg. Ob es auch eine Verkaufsstelle in Stuttgart geben wird, hängt auch davon ab, ob geeignete Räumlichkeiten im Baustellen-Durcheinander von Stuttgart 21 zu finden sind. Grundsätzlich fordern die Westbahn-Manager eine übergeordnete Vertriebsplattform. Die ehemaligen oder weiterhin existierenden Staatsbahnen verkaufen keine Tickets der Wettbewerber.

Kritik an hohen Trassenpreisen

Kazalek und sein Co-Geschäftsführer Posch reklamieren für sich, das erste private Bahnunternehmen nach der Liberalisierung des Marktes gewesen zu sein, das nennenswerten Verkehr auf die Schiene gebracht habe – und das begleitet von einem zähen Ringen mit dem arrivierten Anbieter, den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB). Die Westbahn legt auch Wert auf die Unterscheidung von anderen privaten Anbietern, wie etwa Flixtrain, die auch schon einmal eine Verbindung von Stuttgart nach Wien erwogen, und vor allem über den Preis agieren. „Das ist nicht unsere Strategie“, sagt Thomas Posch. Entscheidender als der Preis sei die Verlässlichkeit des Services und die Betreuung der Fahrgäste.

Gleichwohl versucht die Westbahn an der Preisschraube zu drehen. Versuchsweise soll es noch im Mai einen Rabatt für Nutzer des Deutschland-Tickets geben, das nur im Nahverkehr gilt, wozu die Westbahn-Verkehre nicht gehören. Wie hoch der Preisnachlass ausfallen wird, wollten die beiden Bahn-Manager am Mittwoch noch nicht preisgeben. Wie teuer die Fahrt von Stuttgart nach Wien wird, bleibt noch ein Geheimnis. Als Referenz verweist Posch auf die Ticketpreise für eine vergleichbar lange Reise von Wien nach Bregenz, die bei 23,99 Euro beginnen.

Mit der Ankündigung der Westbahn wächst die Zahl der internationalen Ziele, die von Stuttgart aus umsteigefrei zu erreichen sind, weiter. Im April bestätigte die Deutsche Bahn Pläne, von Dezember an einmal täglich eine Direktverbindung von Stuttgart nach Amsterdam anbieten zu wollen.

Planbarkeit als Ziel

„Wir wollen Bahnfahren wieder planbar machen“, lautet das Credo von Posch, der die Unzulänglichkeiten im deutschen Bahnnetz nicht unerwähnt lässt. „Wir erleben hier Dinge, die nicht unseren Ansprüchen genügen und die wir so auch nicht aus Österreich kennen“. In der Alpenrepublik sei zudem das Trassenentgelt – also die Preise, die Bahnunternehmen für die Nutzung des Netzes zu entrichten haben – in den zurückliegenden zehn Jahren kontinuierlich gesunken. Die Schienenmaut in Österreich koste nun nur noch ein Drittel dessen, was zu Hochzeiten fällig wurde. „In Deutschland müssen wir auf alle Fälle den Faktor fünf ansetzen, wenn nicht noch mehr“, sagt Posch. Für das Geld bekomme man vergleichsweise wenig geboten. Er und Kazalek haben das am Mittwoch live begutachten können. Ihr Zug zur Präsentation nach München strandete an einer Baustelle und kam mit mehr als 40 Minuten Verspätung an. Grund für Häme ist das für die beiden aber nicht. Im Gegenteil: „Wir freuen uns nicht, wenn ein anderes Unternehmern Probleme hat. Das schadet dem System Eisenbahn im Ganzen“, sagt Posch.

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