Bob Dylan zeichnet Überlebenskämpfer in einer vom Verfall bedrohten Welt. Foto: Bob Dylan
Bob Dylan, der zwischen seinen Konzerten malt, veröffentlicht ein Buch mit neuen Zeichnungen. Wer gelegentlich seine Shows besucht, dürfte besonders viel Freude an „Point Blank“ haben.
Michael Werner
06.11.2025 - 08:00 Uhr
Fans von Bob Dylan lieben es, seine Wurzeln zu erforschen, und der größte Songwriter des Planeten mitsamt seiner Plattenfirma befeuert dieses Bedürfnis nach Kräften: Erst vor einer Woche erschien in der 18. Folge der stets ebenso liebevoll wie kenntnisreich kuratierten Dylan-Raritäten-Reihe „The Bootleg Series“ unter dem Titel „Through the Open Window“ eine umfangreiche Tonsammlung unveröffentlichter und übersehener Archivaufnahmen aus den Jahren 1956 bis 1963. In der Acht-CD-Edition kann man nun sogar dem 15-Jährigen Bob, der von seinen Lehrern damals noch Robert Zimmerman genannt wurde, dabei zuhören, wie er im Terlinde Music Shop in St. Paul mit ein paar Freunden und viel Elan in „Let The Good Times Roll“ gegen das Rauschen des Tonbandes ansang.
Das jüngste nicht flüchtige, das heißt, nicht auf einer Konzertbühne den Augenblick erhellende künstlerische Zeugnis von Bob Dylan erscheint an diesem Freitag zunächst mit ins Deutsche übersetzten Begleittexten, ehe in den Buchhandlungen der englischsprachigen Welt erst elf Tage später die Sammlung mit rund 100 unveröffentlichten Schwarzweiß-Zeichnungen liegen wird, die Bob Dylan zwischen 2021 und 2022 angefertigt hat. Der Band beleuchtet also die schwierige Zeit, als die weltweiten Corona-Beschränkungen Dylans Dauertourneen erstmals seit Jahrzehnten jäh unterbrachen, bevor er von November 2021 an endlich wieder musizierend umherzog, zunächst quer durch Amerika und knapp ein Jahr später – mit einem sagenhaften Konzert in Oslo beginnend – auch wieder in Europa.
Bob Dylans Figur linst durch ein Guckloch
„Point Blank. Quick Studies“ lautet der glücklicherweise nicht eingedeutschte Titel des Bilderbuches voller mehr oder weniger aufwendig schnell skizzierter Alltagsszenen, zu denen keine Texte des Literaturnobelpreis-Trägers Bob Dylan gestellt wurden, sondern Kurzprosa von Eddie Gorodetsky, Lucy Sante und Jackie Hamilton: „Er ist die verlorene Seele, die sich das Leben anderer Leute anschaut in der Hoffnung, etwas zu finden, das er nicht benennen kann – er will einfach nur das schlagende Herz der Menschlichkeit berühren, ohne irgendwo einzudringen“, steht auf Seite 90, nicht Dylan beschreibend, sondern seine kantig schraffierte Figur namens „Peeping Tom“, die durch ein handgeformtes Guckloch linst. „Rough and Rowdy Ways“ nennt Bob Dylan seine seit vier Jahren andauernde Tournee zu seinem gleichnamigen phänomenalen aktuellen Album von 2020. Vor ein paar Tagen konzertierte der mittlerweile 84-jährige Musiker im Rahmen dieser Tour in der Kölner Lanxess-Arena, und wer Bob Dylan dort dabei zuhören durfte, wie er mit geradezu kindlicher Unbefangenheit am Klavier und der Stimme eines weisen alten Mannes eine weitere der zahllosen Neuerfindungen seiner selbst zelebrierte, der hat womöglich noch mehr Vergnügen an seinen Zeichnungen.
In Köln trieb Dylan einer zauberhaften Version seines traditionellen Abschiedssongs „Every Grain of Sand“ jeden Anflug von nostalgischer Vereinnahmung aus – mittels gelegentlich dissonant klingender Kinder-Hüpfspiele am Klavier, die zuweilen in lustvolles Scherbenwerfen auszuarten schienen. Im Buch „Point Blank“ liegt ein schnuckeliges Boot in einem womöglich französischem Kanal vor schwindsüchtigen Bäumchen am anderen Ufer, festgezurrt in diesseitigen Gras mit zwei überdimensionierten Tauen. Dylans Weisheit, die sein Songwriting trägt, scheint ihn in die Lage zu versetzen, bei seinen Kohlezeichnungen auch das Kind in ihm den Griffel führen zu lassen: Einmal zeichnet er formatfüllend wackelig die Umrisse eines altertümlichen Schlüssels nach, ein anderes Mal stattet er den Jungen mit Fahrrad mittels weniger schiefer Striche mit stoischer Verzagtheit aus, so als wisse er, dass er mit diesen unförmigen Reifen nirgendwo wird hinfahren können. Dann wieder verleiht er einer Rollschuhfahrerin und einem Rollschuhfahrer, die versuchen, einander zu stabilisieren, mit wie beiläufig gezeichneten Verdichtungen eine rührende Innigkeit gegen die Schwerkraft.
Dylans Schwarzweiß-Zeichnungen in „Point Blank“ sind kaum fassbar in einer anderen Kategorie als der stillen Feier des Bemerkenswerten in allem und jedem. „Take what you have gathered from coincidence (Nimm das, was du durch Zufall eingesammelt hast)“ lautet die entsprechende Handlungsanweisung an die Verlassene in seinem Klassiker „It’s All Over Now, Baby Blue“.
In Köln präsentierte Bob Dylan dieses Lied mit abenteuerlichem Terrassengesang und neuer Melodie. Die Intensität, die er der Neuschöpfung dieses Juwels seiner Songwriter-Kunst widmete, vermochte auf beglückende Art zu erschüttern. In Köln klang diese 60 Jahre alte Preziose einerseits wie das letzte Weihnachtslied, bevor die Kerzen endgültig ausgeblasen werden. Andererseits wirkte Dylans zerstörerisch kreierende Radikalität, als hätte Leonardo da Vinci die Mona Lisa mit fluoreszierenden Farben noch einmal neu gemalt, dann das Gemälde in Brand gesetzt und schließlich das brennende Bild in Schwarzweiß fotografiert.
Bob Dylan anno 2011 bei einem Konzert Foto: Vi Khoa/dpa
Von derartiger Grandiosität hält sich Bob Dylan als Zeichner ebenso fern wie vom Panoptikum zerfledderter Zausel, die seine Lieder bevölkern. Stattdessen widmet er fünf beiläufig hingekritzelten Kochtöpfen ein Blatt und damit ebenso viel Raum wie dem konzentrierten Mann mit Hahn oder der seltsam unförmig aus einem Arm wachsenden Hand, die einen Schminkspiegel hält, der ein offenbar auf Noblesse bedachtes Gesicht beherbergt. Bob Dylan zeichnet Überlebenskämpfer, die am Klavier, auf einer Klobrille oder am Spieltisch sitzen und hinter Boxhandschuhen oder einer Handtasche oder einem Buch Deckung suchen. Seinen bedrohten Figuren stellt er ein zerfallendes Idyll gegenüber: Dylans Treppen sind schief und seine Landschaften scheinen diesmal – anders als in seinen seit 30 Jahren kursierenden einladenden Aquarellen – vom Wind zerzaust oder vom Nebel erdrückt.
Diese Bilder könnten Inspirationen für ein neues Album sein
Bei seinem Konzert in Köln vor wenigen Tagen gelang Bob Dylan ein mit überbordenden Überraschungen garniertes berührendes Plädoyer für Zufluchtssuche im Schönen und Wahren. Ausgerechnet dem sinistren „Black Rider“ widmete er im gleichnamigen Song hingebungsvoll klaren, klug akzentuierten Gesang mit erstaunlich starker Stimme, die Verachtung ebenso plastisch abzubilden vermochte wie Mitgefühl. In seinem Bilderbuch unternimmt Bob Dylan gar nicht erst den Versuch, Geheimwege aus dem Labyrinth des Leidens aufzuzeigen: Seine schmucke Steinbrücke wirkt inmitten laubloser Bäumchen ihrer Funktion beraubt, und die Frau mit dem toupierten Haar und den zugekleisterten Augen trägt ihren Blumenstrauß wie eine Waffe.
Man könnte sich gut vorstellen, dass Bob Dylan beim Blättern in seinem eigenen Bilderbuch Lieder für ein neues Album schreibt. Es könnte eines seiner düstersten werden. Und es könnte zugleich eine Leiter zu den Sternen sein.
Bob Dylan: Point Blank. Quick Studies. Hoffmann und Campe, 208 Seiten, 45 Euro.