Neues IBA-Projekt in Stuttgart Das Klett-Areal steht ganz im Zeichen des sanften Wandels

Viel transparenter und nur für Fußgänger zugängig soll sich der Eingangsbereich nach der Transformation geben. Foto: Bruno Fioretti Marquez

Beim Klett-Areal im Stuttgarter Westen sollen die Bestandsgebäude neu geordnet werden – zudem will es sich nach Außen hin öffnen, so das Versprechen. Besucht werden kann das neu gestaltete Areal mit viel Grünfläche aber dennoch nicht.

Architektur/Bauen/Wohnen: Andrea Jenewein (anj)

Mit Transformation ist die nahe Zukunft des Klett-Areals überschrieben, seitdem es zum IBA-Projekt wurde. Transformation, per Definition der Prozess einer grundlegenden Veränderung vom Ist-Zustand hin zu einem angestrebten Ziel-Zustand, ist derzeit geradezu eine Modewort. Aber ein sehr unscharfes. Denn zu leicht kaschiert es, dass dieser Wandel nicht immer tief greifend sein muss, sondern durchaus behutsam und bedacht und vor allem mit einem grundlegenden Bekenntnis zum Alten einhergehen kann.

 

„Wir haben 2013/2014 zunächst einmal die Grundsatzentscheidung getroffen, auf dem Klett-Areal so wenig wie möglich abzureißen, weil wir finden, dass die Gebäude hier her gehören“, sagt Philipp Haußmann, der Vorstandssprecher der Klett Gruppe und Urenkel von Ernst Klett, der 1897 den Grundstein für die Klett-Gruppe legte. Erst auf dieser Basis habe man darüber nachgedacht, wie man das Gelände dennoch umwandeln könne.

Eine Entscheidung, die „man aus ökonomischer Sicht wahrscheinlich anders getroffen hätte – oder auch dann, wenn man sich selbst ein Denkmal hätte setzen wollen“, wie Haußmann sagt. Denn „billig ist es nicht, was wir hier machen“: Der Einsatz sei vielmehr ein klares Bekenntnis zum Standort. Und bezeuge eine tiefe emotionale Verbundenheit zu der Wirkstätte des Ernst Klett Verlags, eines der größten Bildungsmedienunternehmen in Deutschland, dessen Sitz seit 1900 im Stuttgarter Westen an der Rotebühlstraße ist. „Ich erinnere mich, dass ich hier als Kind in der Kantinenküche stand und Kartoffeln schälte“, sagt Haußmann

Freilich werden selbst die Kartoffeln bei Klett inzwischen anders beackert – so, wie sich das ganze Arbeitsleben verändert hat. Darum ist es sehr wohl von Nöten, die Arbeitsplätze anzugleichen. „Wir wollen ein attraktiver Arbeitgeber sein und die Gebäude sollen die Arbeit der Mitarbeiter befördern“, sagt Haußmann.

Nicht Nachverdichten, sondern die Qualität des Vorhandenen verbessern

Die Rede ist von ganzen 17, teils denkmalgeschützten Gebäuden verschiedener Bauphasen auf dem 1,16 Hektar großen Areal – einer Fläche, die mehr als eineinhalb Fußballfeldern entspricht. Angefangen hatte einst alles mit einer kleinen Druckerei, nach und nach kamen die anderen Gebäude hinzu. Und nur zwei davon waren tatsächlich als Büroimmobilie gebaut worden. Das etwas heterogen wirre, aber durchaus charmante Bild, welches das Areal abgibt, soll nun vereinheitlicht werden. „Wir wollen aber nur dort eingreifen, wo es wirklich notwendig ist. Zudem wollen wir keine Nachverdichtung, sondern die Qualität der rund 930 Arbeitsplätze verbessern“, sagt Nikolai Pauli, Geschäftsführer der Klett Liegenschaften GmbH.

Zudem sollen in diesen Gebäuden – und auch um diese herum – mehr Orte der Begegnung für die Mitarbeiter geschaffen werden, die seit Corona zwei bis drei Tage die Woche nicht mehr im Büro arbeiten. Und die, wenn sie aber ihre Arbeitsstätte aufsuchen, gerne Teamarbeit betreiben oder sich mit Kollegen besprechen – und das nicht mehr in klassischen Konferenzzimmern. In den Erdgeschossen sollen deshalb attraktive Besprechungsräume entstehen, unterstützt von einem kleinen Café. Es soll „alles leicht und einfach sein“, sagt Pauli.

Durch den Rückbau von zwei Gebäuden und den Umbau von drei Bestandsgebäuden entsteht ein großzügiger Freiraum, der eine umfangreiche Flächenentsiegelung und Bepflanzung erlaubt, das Areal soll weitgehend autofrei werden. Die Überbauung soll von 75 auf 70 Prozent reduziert werden. Auch über diesen neuen grünen Streifen wird Begegnung und Kommunikation gefördert, auch hier sollen Zonen entstehen, in denen sich Mitarbeiter treffen und austauschen können.

Zudem soll die Anzahl der Bäume von 28 auf 90 verdreifacht werden. „Das Ganze soll nicht nur Begleitgrün sein, sondern wir planen eine hochwertige Grünanlage, bei der die Pflanzen zum Teil in die Architektur integriert werden. Zudem wollen wir eine möglichst hohe Diversität bei den Pflanzen, alles von der Blüh- bis zur Fruchtpflanze, die sowohl Nahrung für Insekten als auch Vögel darstellen“, sagt Pauli.

Umgesetzt wird damit ein Entwurf des Berliner Architekturbüros Bruno Fioretti Marquez aus dem Jahr 2022. „Die Planungen für das Areal liefen also längst, als wir uns im Jahr 2020 oder 2021 erstmals mit dem Intendanten der IBA, Andreas Hofer, zusammengesetzt und gemerkt haben, dass wir uns gegenseitig befruchten können“, sagt Haußmann.

„Die Werte, die Klett bei der Transformation des Areals anlegt, können eins zu eins auf die IBA übertragen werden“, sagt der IBA-Intendant Hofer, dem das Projekt freilich auch gelegen kommt, nachdem etwa der Neue Stöckach von der EnBW aufs Eis gelegt wurde. „Die Aufgabe speziell auf dem Klett-Areal sehen wir darin, wie man die Synthese schafft, mit Respekt und Sanftheit etwas Gutes für die Menschen zu schaffen – mitten in der Stadt. Ich finde es bemerkenswert, dass man sich diesen Reibungen stellt.“

Die Öffentlichkeit hat keinen Zugang zu dem neuen Areal mit seinen Grünflächen

Am 18. April wurde die Kooperationsvereinbarung unterschrieben, ab Mai „wird gebuddelt“, wie Pauli sagt. 2027 – pünktlich zum IBA-Ausstellungsjahr – soll das Gelände fertiggestellt sein – hier wird es also wirklich schon etwa zu sehen geben. Deshalb schafft man schon jetzt Ausweichquartiere für die Tiere, die auf dem Klett-Areal leben, darunter Fledermäuse, Mauersegler und Rotschwänzchen. Auch für die Mitarbeiter hat man Übergangsbüros in der unmittelbaren Nähe gefunden.

Diese werden 2027 vermutlich freudig wiederkommen – und auch freundlich empfangen, zumal der Eingangsbereich so gestaltet werden soll, dass sich das Areal zum Feuersee hin öffnet, wie es von Seiten von Klett und der IBA immer wieder heißt. Dies bedeutet allerdings nicht, dass auch die Öffentlichkeit Zugang zu dem neuen Areal mit seinen Grünflächen erhält. „Wir haben lange über diese Option nachgedacht, aber es ist nicht möglich, das Areal für alle zu öffnen“, sagt Haußmann. „Wir können uns nicht über betriebliche Notwendigkeiten hinwegsetzen, und dazu gehört etwa, dass die Gebäude für unsere Mitarbeiter frei zugänglich seien müssen, aber unzugänglich für alle anderen. Zudem soll das Areal ja auch in den Außenbereichen als Denkfabrik fungieren.“ Darüber hinaus könne man sich nicht darauf verlassen, wie die Öffentlichkeit mit dem Areal umgehe.

Dennoch sollen die Grenzen zwischen dem Areal und seiner Umgebung transparenter werden. Der Eingangsbereich soll zum Scharnier werden, der Zugang erfolgt an der Rotebühlstraße nur noch für Fußgänger und nicht mehr für Autos. Zudem ist geplant, in diesem Grenzbereich einen Raum entstehen zu lassen, in dem etwa Kongresse, Workshops und Diskussionsrunden stattfinden – auch unter Teilnahme der Öffentlichkeit. Die Transparenz soll auch darüber sichtbar werden, dass die bisherigen Schaukästen an dem Gebäude an der Rotebühlstraße zu Fenstern werden, durch die man durch den Raum hinweg bis in das neue Areal blicken kann.

Es mag allerdings sein, dass das die Sehnsucht nach einem ruhigen, grünen Rückzugsort nur noch befördert, nachdem es am Feuersee oft eher laut zugeht. Vielleicht ist im ganzen Quartier noch mehr sanfter Wandel gefragt.

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