Auch wer ihn nicht kennt, kennt ihn wahrscheinlich längst. Quasi. Seine Werke zieren unansehnliche Fassaden, schmucklose Überspannungskästen, Unterführungen. Klassische Unorte in der urbanen Architektur, zweckmäßige Bauten, denen alles Schöne, alle Ästhetik fehlt. Aber dafür gibt es ja ihn: Jeroo ist der berühmteste und wahrscheinlich derzeit auch gefragteste aller Street-Art-Künstler aus dem Großraum Stuttgart.
Jeroo heißt eigentlich Chris Ganter und ist seit 30 Jahren Teil der Graffiti-Szene. In den letzten Jahren hat er sich erst in Stuttgart und bald darauf in ganz Deutschland einen Namen mit seinen üppigen, verwunschenen Motiven gemacht. Sie wimmeln vor Vögeln, vor Pflanzen, kristallinen Strukturen und abstrakten Formen, sind echte Hingucker. Manche seiner Werke sind so flüchtig wie die seines Kollegen Banksy. Ein Bauzaun an der Wilhelma etwa, der nur vorübergehend in der Landschaft steht. Kunst im Raum soll eben etwas anderes sein als ein Bild in einer Galerie.
Ein Kunstwerk für die mystische Bandgasse
Sein neuestes Projekt wird uns ein wenig länger erhalten bleiben. Man muss es aber suchen. Gerade verschönert Jeroo in der Bandgasse eine Wand mit einem großflächigen, gewohnt fantasiestrotzenden, übernatürlich schönen Werk. Bandgasse? Eine mystische Straße, in der es immer ein bisschen nach Bratfett und Zigarettenrauch riecht. Bratfett von der Schulstraße um die Ecke, Zigarettenrauch von den Arbeitskräften in den Läden der Schulstraße. Wetten, dass da fast noch nie jemals einer war. „Also ich nicht“, lacht Jeroo, als wir ihn beim Sprayen vor Ort treffen. Dabei ist die Gasse legendär. „Einst betranken sich an der Bandgasse Literaten und Politiker", schrieb unsere Zeitung 2016. Sogar Friedrich Schiller soll hier übel gezecht haben.
Die Gasse ist klein, die Fassaden schmucklos. Doch ausgerechnet hier wollte das Unternehmen A. Mayer, dem das Gebäude gehört, eine Verschönerung. Da lässt sich ein Jeroo nicht zweimal bitten – obwohl er mittlerweile längst nicht mehr alles macht. „Es muss mich interessieren“, sagt er zu seiner Auftragslage. „Es kommt auch mal vor, dass ich die Anfrage von einem großen Kunden absage, weil ich mich künstlerisch nicht verwirklichen kann.“
Der nächste Einsatz ist in der Bebelstraße
Der Korbmayer-Anfrage konnte Jeroo dann aber nicht widerstehen. Seit Anfang der Woche sprayt er jetzt schon in der Bandgasse, heute, am 23. September 2023, möchte er sein Werk vollenden. Sein Stil ist unverkennbar: Der stolze Pfau, das Rotkehlchen, die funkelnden Farben. „Derzeit versuche ich zwar wieder, ein bisschen mehr in Richtung Abstraktes zu gehen, aber für diese Fassade war das auf jeden Fall das Richtige.“ Abstrakt darf es dann bei seinem nächsten größeren Einsatz in Stuttgart sein. In ein paar Monaten wird er sich in der Bebelstraße im Stuttgarter Westen ans Werk machen. Mehr will er aber noch nicht verraten. Wir werden es dann ja erfahren.
Immer wieder lugen Menschen in die mystische Gasse am Marktplatz hinein. „Dabei gibt es diesen Ort auf Google Maps gar nicht“, amüsiert sich Jeroo. Sie bestaunen das Werk, den Künstler, den Prozess, alles. Das ist ja eben das Schöne an Urban Art: Sie findet vor den Augen aller statt, mitten in der Stadt. In den letzten 30 Jahren hat sich in Sachen Street-Art viel getan. „In dieser Woche kamen so viele Leute vorbei, die ganz begeistert von meiner Arbeit waren, das wäre noch vor 15 Jahren nicht so gewesen“, ist er sich sicher.