Neues neunjähriges Gymnasium in BW Stundentafel fürs G9 schockiert Sportlehrerverband

Sport fördert die physische und psychische Gesundheit. Foto: dpa//Uta Rademacher

Weniger Sportunterricht im neuen G9 – für den Sportlehrerverband Baden-Württemberg ist das eine Katastrophe. Auch der Sportkreis Stuttgart kritisiert das Minus an Bewegung – und hat eine Idee.

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

Der Deutsche Sportlehrerverband (DSLV) ist „schockiert“. So schreibt es der Landesverband Baden-Württemberg in einer Pressemitteilung. Es geht um das neunjährige Gymnasium, das vom kommenden Schuljahr an wieder die Regelform sein soll. Gemäß der neuen Stundentafel, die verpflichtend ist, gibt es zwar mit insgesamt 16 Wochenstunden künftig am Gymnasium genauso viel Sportunterricht wie bisher – aber verteilt auf neun statt auf acht Schuljahre. Bezogen auf die einzelnen Klassenstufen haben die Mädchen und Jungen damit weniger Sport.

 

Konkret sieht die Stundentafel für das neue G9 Folgendes vor:

  • fünfte und sechste Klasse jeweils drei Sportstunden in der Woche
  • siebte bis elfte Klasse jeweils zwei Sportstunden in der Woche

Der DSLV plädiert durchgehend für mindestens drei Wochenstunden Sport. Diese Forderung war zwar auch im alten G9 nicht erfüllt. Damals waren es aber insgesamt immerhin 19 Wochenstunden Sport. Allerdings muss im neuen G9 zusätzlich eine Poolstunde für Sport oder Musik verwendet werden.

„Mehr Zeit für Theorie, weniger Raum für Bewegung: Das neue G9 birgt die Gefahr des ,Sitzenbleibens’!“, kommentiert der DSLV und ergänzt: „Die Tatsache, dass unsere Schülerinnen und Schüler zwar ein Jahr länger zur Schule gehen werden, aber keine einzige Minute mehr Bewegungszeit haben werden, macht uns sprachlos!“ Die neue Stundentafel für das Fach Sport sei „eine Katastrophe“ und ignoriere alle wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse zur Bedeutung des Sports. Zudem habe die Pandemiezeit gezeigt, dass „Kürzungen im Bereich Sport und Bewegung zu massiven negativen Folgen bei Kindern und Jugendlichen führen, sowohl bei der motorischen als auch in der sozial-emotionalen Entwicklung“. Der DSLV betont: „Bewegung und Sport fördern die kognitive Leistungsfähigkeit, die sozio-emotionale Entwicklung sowie die physische und psychische Gesundheit.“ Das Fach Sport leiste somit einen wichtigen Beitrag zur Persönlichkeitsbildung.

Das Fach Sport leiste somit einen wichtigen Beitrag zur Persönlichkeitsbildung, so der DSLV. Foto: dpa-Zentralbild/Sebastian Kahnert

Auch Dominik Hermet, Geschäftsführer beim Sportkreis Stuttgart, ist überzeugt: „Mehr Sportunterricht wäre gut, drei Wochenstunden sollten es schon sein.“ Denn es gebe immer mehr Kinder, die sich zu wenig bewegten. Die Folgen seien nicht nur Übergewicht, sondern auch koordinative Schwächen. „Manche Kinder können nicht mehr rückwärts laufen oder gar auf einer umgedrehten Bank balancieren“, sagt Hermet. Für ihn steht fest, dass der Sport in den Schulalltag eingebunden werden muss. Nur dann erreiche man alle Kinder und Jugendliche, also auch die, die nicht in einen Sportverein gehen, obwohl sie es vielleicht dringend tun sollten.

Dominik Hermet setzt aber nicht allein auf den in der Stundentafel verankerten Schulsport. Eine andere Möglichkeit, die Kinder in Bewegung zu bringen, seien Kooperationen mit Vereinen. Diese gebe es bereits, und zwar nicht nur als Teil des Ganztags an Grundschulen, sondern auch an weiterführenden Schulen. „Unsere Vereine gehen mit zusätzlichen Angeboten an die Schulen. Wenn die Mädchen und Jungen im Zuge von G9 weniger Nachmittagsunterricht haben, könnte das ausgeweitet werden“, sagt Dominik Hermet. Das Land bezuschusse solche Kooperationen, die Förderung müsste mittelfristig also ausgeweitet werden. Der Vorteil sei, dass die Mädchen und Jungen in Kontakt kommen mit Vereinen in ihrer Nähe und sich so vielleicht auch für den Vereinssport begeistern lassen.

Aber haben die Stuttgarter Vereine dafür überhaupt Kapazitäten? Dominik Hermet antwortet mit einem „klaren Jein“. Richtig sei, dass Hallenzeiten und Übungsleiter knappe Ressourcen seien. Darum und aus pädagogischen Gründen plädiere er für eine Rhythmisierung des Unterrichts. Das bedeutet, dass sich Lernzeiten im Klassenzimmer und Bewegungszeiten abwechseln. Auf die Weise würden nicht alle gleichzeitig nachmittags ab 17 Uhr in die Vereine kommen.

Nicht nur der DSLV und der Sportkreis Stuttgart fordern mehr Bewegung im Schulalltag. Gemeinsam mit dem Deutschen Olympischen Sportbund sprach sich auch die Kultusministerkonferenz im November 2023 in einer Handlungsempfehlung für drei Sportstunden in allen Jahrgangsstufen aus. Die Sportministerkonferenz hatte das bereits im November 2022 in einem Papier gefordert. Das Bundesgesundheitsministerium empfahl im Dezember 2022 eine „quantitative Erweiterung der Bewegungszeit, unter anderem durch mehr Sportunterricht“.

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