Kurskorrektur in Stuttgarter Kitas Individuelles Fördern steht nicht länger im Mittelpunkt

Die Verhältnisse in den Kitas haben sich verändert. Darauf reagiert die Stadt Stuttgart. Foto: dpa/Sebastian Kahnert

Die Stadt Stuttgart ändert ihr hochgelobtes Einstein-Konzept. Kitas sollen künftig den Gemeinschaftssinn der Kinder stärker fördern. Damit reagiert man auf veränderte Verhältnisse durch „Ich-Gesellschaft“, mehr Migranten und knappes Personal.

Familie/Bildung/Soziales: Mathias Bury (ury)

Das Konzept Einstein in der Kita galt lange als pädagogischer Goldstandard. Benannt nach dem Jahrhundertphysiker Albert Einstein soll dadurch „jedes Kind mit seinen individuellen Interessen und Gefühlen“ wahrgenommen werden, und jedes Kind hat einen „individuellen Bildungsplan“, wie es auf der Homepage der Stadt Stuttgart heißt. Das seit 2003 umgesetzte Programm gewann 2005 den bundesweiten Wettbewerb „Alle Talente fördern“, eine der Einstein-Kitas erhielt gleich dreimal den Stuttgarter Innovationspreis, eine andere 2008 den Deutschen Präventionspreis.

 

Das stark auf individuelle Förderung ausgelegte Konzept hat jedoch an Glanz verloren – und es passt offenbar nicht mehr ganz zu den stark veränderten Verhältnissen in den Kitas der Stadt. „Das Einstein-Konzept muss dringend weiterentwickelt werden“, sagt Beate Streicher-Kieltsch, beim Jugendamt für den Bereich Kita- und Grundschulkinder zuständig. Auch weiterhin werde das einzelne Kind mit seinen Besonderheiten sehr wichtig sein, betont die Abteilungsleiterin. Aber es werde „das Individuum nicht mehr so sehr im Mittelpunkt stehen“ wie bisher. „Wir brauchen mehr Gemeinschaft, mehr Wir“, erläutert Streicher-Kieltsch. „Gemeinschaftsfähigkeit muss künftig stärker Schwerpunkt sein.“

Die pädagogische Kurskorrektur hat eine ganze Reihe von Gründen. „Die Stadt und die Welt haben sich stark verändert“, sagt die Abteilungsleiterin. Bei vielen Kindern habe „die Gemeinschaftsfähigkeit abgenommen“, stellt sie fest. Dafür gibt es einige Indikatoren: So ist die Zahl der Kinder, die Eingliederungshilfen erhalten, deutlich gestiegen. Und laut dem Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) im Land sind auch die Meldungen von Beeinträchtigungen von Kindern durch Kinder in Kitas gestiegen. Diese seien „ein Spiegel der Gesellschaft“, erklärt Beate Streicher-Kieltsch. Gleichzeitig seien Kita und Grundschule aber wichtige Lernorte, weil hier Kinder mit vielfältigen, zum Teil sehr unterschiedlichen familiären Hintergründen zusammenkommen.

Gemeinsame Rituale fördern auch den Spracherwerb

In den Einrichtungen zeigen sich auch die Folgen einer „Ich-Gesellschaft“, in der der Einzelne vor allem frage „was nützt mir?“, erklärt die Abteilungsleiterin. Im Fokus der Neuausrichtung des Kita-Konzepts stehen aber nicht vor allem Kinder mit herausforderndem Verhalten. „Das wäre zu kurz gesprungen“, macht Streicher-Kieltsch deutlich. Mehr gemeinsame Aktionen mit Regeln und Ritualen in der Tagesstruktur der Kinder förderten etwa auch den Spracherwerb. Das ist sinnvoll etwa angesichts der teils starken Mediennutzung schon der Kleinen. Und das neue Konzept soll der großen Zahl von Kindern aus Flüchtlingsfamilien zugute kommen, welche die Anfangsgründe der deutschen Sprache erst noch lernen müssen. Beispiel gemeinsamer Morgenkreis: „Wenn man da über etwas spricht, dann hören alle zu“, sagt die Abteilungsleiterin.

Zudem müsse man als großer Kita-Träger auch beachten, wie man die „knappe Ressource“ Personal möglichst sinnvoll einsetzt. Die Stadt betreibt rund 150 Kitas an 180 Standorten (ein Drittel der Einrichtungen in Stuttgart), dort betreuen rund 3000 Beschäftigte etwa 10 000 Kinder. Streicher-Kieltsch: „Wir müssen uns darauf konzentrieren, wo wir wirklich wirken können.“ So sei das Einstein-Konzept stark geprägt von Beobachtung und Dokumentation nach wissenschaftlichen Methoden. Teilweise sei das Konzept auch „falsch verstanden worden“, sodass man in Einrichtungen zum Beispiel keine Laternen mehr gebastelt und nicht mehr Ostern gefeiert habe.

Die Neuausrichtung dauert etwa zweieinhalb Jahre

Durch mehr Rituale, durch mehr gemeinsames Singen und anderem sollen aber das Einstein-Konzept und auch das Offene Konzept – bei beiden bewegen sich die Kinder relativ selbstständig entsprechend der eigenen Interessen in den Einrichtungen – nicht völlig aufgegeben werden. Auch im Einstein-Konzept seien „Kinder in feste Gruppen eingeteilt“, hätten durch die Aufteilung in Bildungsräume aber „mehr Wahlmöglichkeiten“. Der Prozess der Neuausrichtung hat bereits Ende des vergangenen Jahres begonnen und soll etwa zweieinhalb Jahre dauern, sagt Beate Streicher-Kieltsch.

Stuttgart steht mit diesem Schritt nicht alleine. Melissa Haußmann, die stellvertretende Referatsleiterin Kindertageseinrichtung beim KVJS, sieht im Land zwar keine völlige Abkehr der Kita-Träger von offenen Konzepten. Die Corona-Pandemie habe aber erhebliche Änderungen nach sich gezogen. „Einige Träger sind den Weg zurück zum offenen Konzept danach nicht mehr gegangen“, stellt Haußmann fest. Etliche Träger arbeiteten in den Kitas heute wieder mehr mit festen Gruppen. Das sei vielfach wie in Stuttgart auch eine Reaktion auf die veränderten Bedingungen. „Und für Kinder, die Struktur benötigen, sind Konzepte mit festen Gruppenzuordnungen oft einfacher“, erläutert Melissa Haußmann.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Kita Personalmangel