Neues von Jojo Moyes Männer, Frauen und andere Katastrophen
Jojo Moyes schreibt einen Bestseller nach dem anderen. In ihrem neuen Roman „Zwischen Ende und Anfang“ geht es um eine Sexratgeberin mit Sexproblemen. Taugt er was?
Jojo Moyes schreibt einen Bestseller nach dem anderen. In ihrem neuen Roman „Zwischen Ende und Anfang“ geht es um eine Sexratgeberin mit Sexproblemen. Taugt er was?
Schriftsteller, die sich zum anspruchsvollen Genre rechnen, neigen auffallend oft dazu, Schriftsteller zu den Protagonisten ihrer Bücher zu machen. Das ist insofern praktisch, weil sie dann über ein Thema schreiben können, bei dem sie sich besonders gut auskennen: das Schreiben. Daher sind die Buchhandlungen voll von Romanen über Menschen, die Romane schreiben – obwohl der Anteil jener, die tatsächlich von ihrer literarischen Arbeit leben können, kaum ein paar Hundert übersteigt.
Selbst Unterhaltungsschriftstellerinnen greifen erstaunlich häufig zu schriftstellernden Protagonistinnen anstatt beispielsweise von Drogeriefachverkäuferinnen oder Sachbearbeiterinnen im Katasteramt zu erzählen. Das hat natürlich damit zu tun, dass Schaffenskrisen im Katasteramt sich deutlich schlechter für turbulente Entwicklungen eignen als, sagen wir, die Lebens- und Liebeskrisen einer Autorin von Beziehungs- und Sexratgeberbüchern.
Besonders heikel wird es, wenn besagte Ratgeberautorin, deren Ehe ihr bislang als Vorbild diente, plötzlich selbst von einer Beziehungskatastrophe eingeholt wird: Der geliebte Ehemann schwängert die Nachbarin und zieht zu ihr; das Sexleben der Autorin kommt zum Erliegen; eine pubertierende Tochter nervt; der pedantische Stiefvater zieht schleichend im Familiendomizil ein und der leibliche Vater, ein abgehalfterter, ebenso charmanter wie unzuverlässiger Hollywood-Serienschauspieler steht plötzlich vor der Tür. Fertig ist der neue Roman von Jojo Moyes „Zwischen Ende und Anfang“. Keine Frage: Die Story liest sich flott und amüsant, changiert geschickt zwischen Tragik, Komik und Tragikomik. Sie nimmt zusätzlich Fahrt auf, wenn zwei potenzielle neue Liebhaber der am Rande des Nervenzusammenbruchs stehenden Protagonistin Lila die Bühne betreten: ein superverständnisvoller Gärtner mit Dad Bod (also mit Bäuchlein) und ein überaus attraktiver Architekt, der die sofort entflammte Lila allerdings gerne mal zappeln lässt.
Jojo Moyes’ Bücher schaffen es seit Jahren regelmäßig auf die Bestsellerlisten. Offensichtlich treffen ihre Protagonistinnen – Frauen, deren „Mental Load“ sich stetig weiter auftürmt – den Nerv einer Leserschaft, die genau diese Last im Alltag selbst zu bewältigen versucht. Das Schöne an Unterhaltungsliteratur ist, dass deren Geschichten durch eine Mischung aus Tatkraft, Zufall und dem Optimismus, dass sich das Gute im Menschen irgendwie durchsetzt, fast immer zu einem versöhnlichen Ende finden.
Diese optimistische Grundhaltung spiegelt sich nicht nur in Moyes’ Romanen, sondern auch in ihrer eigenen Lebensgeschichte wider. Aus rauen Verhältnissen der englischen Arbeiterschicht stammend, studierte sie Journalismus und arbeitete für angesehene britische Zeitungen. Und hatte eine Menge Stress. „Ich hatte eine Vollzeit-Stelle, ein Baby und schrieb Bücher, die niemand veröffentlichen wollte. Kein Wunder: Sie waren Schrott“, erzählt sie in einem Interview. Bei ihrem vierten Manuskript schwor sie sich: Wenn das auch scheitert, höre ich mit dem Bücherschreiben auf. Der Roman „Die Frauen von Kilcarrion“ wurde 2002 ihr erster Bestseller. Wer also könnte glaubwürdiger über Schriftstellerinnen schreiben, die sich allen Widrigkeiten zum Trotz behaupten, als diese Jojo Moyes?
Jojo Moyes: Zwischen Ende und Anfang. Aus dem Englischen von Karolina Fell. Wunderlich, 527 Seiten, 26 Euro. Lesung in Stuttgart am 23. Januar 2025 um 19 Uhr im Silchersaal der Liederhalle