Neustart mit der Abfindung Mercedes-Entwickler treibt in Böblingen eigenes KI-Startup voran
Wer eine Abfindung nimmt und Mercedes verlässt, muss sich neu orientieren. Kapilan Koch, bisher Mercedes-Entwickler, macht sein eigenes Ding.
Wer eine Abfindung nimmt und Mercedes verlässt, muss sich neu orientieren. Kapilan Koch, bisher Mercedes-Entwickler, macht sein eigenes Ding.
Das Innere des Böblinger Startup-Zentrums, des AI xpress Lab, ist bunt eingerichtet, die Möbel sind aus hellem Holz, im Hintergrund hört man Tischtennisbälle über die Platte hüpfen. Auf dem ehemaligen Eisenmann-Firmengelände sind Coworking-Plätze und Büros für Gründerinnen und Gründer entstanden. Einer von ihnen: Kapilan Koch, 35 Jahre, aus Böblingen. Noch ist er als Software-Entwickler im Sindelfinger Werk von Mercedes-Benz tätig. Doch nicht mehr lange.
Im Mai hat Koch seinen Aufhebungsvertrag unterschrieben – wie viele andere Mitarbeitende, die sich derzeit vom Autokonzern verabschieden. Ende Juli packt er seine Sachen zusammen und tauscht den Sindelfinger Großkonzern gegen den Coworking-Space im Böblinger Startup-Lab.
Koch ist in Düsseldorf aufgewachsen und hat dort Physik studiert. Über einen Job als Ingenieur bei einer Firma in der Nähe, die für Mercedes-Benz gearbeitet hat, hat es ihn schließlich in den Südwesten verschlagen. Erst arbeitet er bei einer Mercedes-Tochter und testet die technischen Systeme in Autos wie Navis, Radios und viele mehr. Über eine Arbeitnehmerüberlassung wechselt Koch dann erstmals zu Mercedes-Benz – in die Softwareentwicklung.
„Gemeinsam mit meinem Team habe ich eine interne Plattform entwickelt, mit der sich Fahrzeugsoftware verwalten lässt – darunter auch so alltägliche Funktionen wie die Steuerung der Scheibenwischer“, erklärt Koch. Zu seinen Aufgaben gehörte nicht nur die Programmierung der Webseite für diese Plattform, sondern auch der Betrieb über eine Cloud-Infrastruktur.
Sechs Jahre war er im Sindelfinger Werk. Sein Team habe sich durch diverse Umstrukturierungen immer mal wieder verändert, nur sein Teamleiter sei geblieben. „Dadurch dass sich auch die Produkte immer wieder verändert haben, waren auch meine Aufgaben immer wieder andere.“
Die Höhe der Abfindungen bei Mercedes orientiert sich an der Entgeltstufe, also dem Gehalt, an den Jahren der Betriebszugehörigkeit und etwaigen Sonderzahlungen. Bei Koch ist das eine sechsstellige Summe, dazu die Auflage, dass er ein Jahr nicht für den Autokonzern arbeiten darf. Würde er früher zurückkehren, müsste er unter Umständen einen Teil der Abfindung zurückzahlen.
Vor einem Jahr hat Koch mit zwei anderen Mercedes-Mitarbeitern sowie einem Mitarbeiter einer Mercedes-Tochter ein Startup gegründet, eine Unternehmergesellschaft, kurz UG. „Eine Art Ein-Euro- Firma oder Mini-GmbH“, erklärt Koch. Zu viert, darunter zwei KI-Experten und ein Grafiker, haben sie vergangenen Herbst bei einem Ausschreiben des AI Accelerator im Böblinger AI Startup Express Lab mitgemacht, ihre Geschäftsidee vorgestellt – und den dritten Platz gewonnen. „Dann hatten wir das Gefühl, wir passen gut zusammen und die Idee funktioniert“, sagt Koch.
Als Koch dann von den Abfindungen bei seinem Arbeitgeber erfahren hat, stand seine Entscheidung schnell fest. Denn ein Sabbatical hatte er ohnehin für nächstes Jahr geplant – um sich seinem eigenen Unternehmen zu widmen: „Durch die Abfindung kann ich mich jetzt voll und ganz auf unser Startup konzentrieren, weil ich bisher ja nur wenige Stunden in der Woche neben meinem Mercedes-Job arbeiten konnte.“
Außerdem freut er sich darauf, flexibler arbeiten, und auch mal am Nachmittag seine beiden Kinder von der Schule abholen zu können. Und dennoch: So ganz leicht falle ihm der Abschied von Mercedes-Benz nicht. Neue Kollegen für seine Aufgaben zu finden, sei schon komisch – und auch, länger begleitete Projekte detailliert zu übergeben.
Kochs KI-Startup Muse Machine soll Kreativschaffenden aus Design oder Architektur helfen, automatisiert Mood-Boards zu erstellen – ähnlich wie man auch mit Tools wie ChatGPT Bilder erstellen oder mit Photoshop Bilder bearbeiten kann. „Mit diesen Boards werden Gefühle, Emotionen und Werte festgehalten, die ein Produkt nach außen transportieren soll – zum Beispiel: Was assoziiert man mit einer nachhaltigen Handtasche?“
Das zu erstellen sei bislang ziemlich aufwändig und dauere oft mehrere Tage oder Wochen, weil man alles händisch zusammentragen müsse und oft nicht auf Anhieb die richtigen Ergebnisse finde. Muse Machine liefert mithilfe einer von Kochs Team programmierten KI neun Bilder pro Suchauftrag. Für den geben Designer mehrere Begriffe in ein Eingabefeld ein und können in einem Menü auswählen, wie strikt sich die KI an diese Begriffe halten soll – oder, ob sie kreativ werden darf. In Zukunft sollen Designer zusammen an einem Mood-Board arbeiten und die Bilder auch bearbeiten können, allen voran die Beleuchtung.
Koch kümmert sich bei Muse Machine um die IT-Infrastruktur und Cybersicherheit – unter anderem um die Webseite und den Email-Server. Mit dem Team programmiert er außerdem die Software. Datensicherheit spielt bei Muse Machine eine große Rolle. Bei vielen KI-Modellen wie auch ChatGPT sei unklar, mit welchen Daten die KI trainiert wurde und was mit den Daten passiert, sagt Koch. „Wenn man die Daten nicht bei sich selbst speichert, kann man nie ganz sicher sein, wo sie landen“, sagt Koch. Eine weitere Einnahmequelle des Startups solle außerdem sein, Firmen im Umgang mit Generativer KI und Implementierung von Generativer KI für individuelle Arbeitsabläufe zu beraten.