Nora Osagiobare: „Daily Soap“ Sturm des Wahnsinns

Gesellschaftsporträts im Trash-Format: Nora Osagiobare Foto: Barbara Sigg

Je weniger es in der Wirklichkeit zu lachen gibt, desto komischer wird sie – zumindest in dem Romandebüt von Nora Osagiobare „Daily Soap“.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Daily Soaps machen die Welt schöner und romantischer als sie ist, zumindest wenn sie dem Muster von „Sturm der Liebe“ folgen. Darin geht es um Beziehungsgeschichten gutaussehender Leute in einem Fünf-Sterne-Hotel, Familienkonflikte, Machtkämpfe und Geheimnisse. Aber was macht ein Roman, der unter dem Titel „Daily Soap“ daherkommt? Er zaubert irgendwann eine Ich-Erzählerin aus dem Hut, die keine Folge von „Sturm der Liebe“ verpasst, vielleicht weil sie damit den Familienkonflikten, Geheimnissen und Beziehungsgeschichten ihrer nächsten Umgebung zu entkommen hofft.

 

Sie heißt Toni und wird streng genommen aus keinem Hut gezaubert, sondern aus der überschwängerten Gebärmutter einer gewissen Anneli. Überschwängert heißt, dass Anneli gleich von zwei Männern in andere Umstände versetzt wurde: einmal von dem ehemaligen Kellner und Gigolo Louis Efe di Caprio, heute ein erfolgreicher Schöpfer queer-pornografischer Kunst; zum anderen von einem Herrn Banal, Alkoholiker, verheiratet mit Frau Bodeca, der Inhaberin des Modelabels Banal & Bodeca.

Queere Körperkunst

Seit sie diversen Ansätzen einer drogenindizierten und sektengestützten spirituellen Lebensführung entsagt hat, lebt Annelie eigentlich mit Thor Obioye Osayoghoghowemwen zusammen. Und mit dessen kleinem Bruder Prince Okiti Osayoghoghowemwen, der auf seltsamen Wegen in das Schaffen von Louis Efe di Caprio geraten ist, gemeinsam mit Herrn Banal Junior. Was aber niemand wissen darf, weil sich ein schwuler Sohn in den gehobenen Kreisen „der am wenigsten kleinen Stadt der Schweiz“ nicht schickt. Damit wäre auch der Ort der Handlung geklärt.

Wobei noch ein nicht ganz unwichtiges Detail der Überschwängerung nachzutragen wäre: Weil Herr Banal weiß ist, anders als der schöne Gigolo-Künstler, unterscheiden sich in dieser Hinsicht auch Toni und ihre Zwillingsschwester, die man bei dieser Gelegenheit auch gleich noch vorstellen kann: Wanda, Schachgenie, und damit bestens vertraut mit schwarz-weißem Figurenspiel. Fehlt nur noch die Autorin selbst: Nora Osagiobare, 1992 in Zürich geboren, Tochter einer Schweizerin und eines Nigerianers. Beim Wettlesen um den Bachmann-Preis in Klagenfurt ist in diesem Jahr ihr Text „Daughter Issues“ ausgezeichnet worden, in dem ein fiktives Reality-TV-Format zum Perspektiv wird, das in zynischer Verzerrung ein reales Vater-Tochter-Verhältnis gerade rückt.

Grenzüberschreitende Paarungsorgie

Auch in ihrem Roman „Daily Soap“ nutzt sie den entfesselten Apparat genregemäßer Verfahren, Handlungsmuster und Formgesetze als Medium. Doch je dicker sie die Farben aufträgt, je mutwilliger sie überzeichnet, desto näher rückt der Abgrund der Wirklichkeit. Und je weniger es in dieser zu lachen gibt, desto abgrundkomischer wird ihre Soap-Version.

Fußnoten führen vom einen zum anderen. Sie korrigieren das Bild, das die den Banal-Bodecas nahestehende politische Vertretung von Leuten wie Thor Obioye Osayoghoghowemwen zeichnet: Einer jener Ausländer, der mit einem Swiss-Air-Flugzeug (Fußnote: Schlauchboot) eingeflogen, nun in seiner geräumigen (Fußnote: Zehn Quadratmeter) Eigentumswohnung (Fußnote: Temporäre Wohnsiedlung für Asylbewerbende) auf der faulen Haut liegt (Fußnote: Er arbeitet sieben Tage der Woche in der Fabrik). Und vielleicht noch eine weitere Fußnote: Man kann sich denken, welche eigenen Erfahrungen der Autorin in den Namen Osayoghoghowemwen eingeflossen sind.

Über die hierarchische Ordnung des eidgenössischen Hautfarbenspektrums wacht das „Bundesamt für die Rationalisierung Andersfarbiger anhand von Cappuccino beziehungsweise Kaffee, kurz BARACK“. Doch was hier klassifiziert wird, um ausgestoßen oder wie man in der Schweiz sagt: ausgeschafft zu werden, führt Nora Osagiobare in einer grenzüberschreitenden Paarungsorgie zusammen, sowohl buchstäblich wie in jedem übertragenen Sinn. Alles steckt auf die ein oder andere Weise ineinander, der Schweizer Spießer im Asylbewerber, der Rassist im Saubermann, der Porno in der Soap.

Manchmal klingt das etwas überschwängert, als wäre die Autorin einmal Gag-Schreiberin für Sibylle Berg gewesen, die in einer Fußnote sogar einen Cameo-Auftritt hat. Im besten Fall aber, der sich von Folge zu Folge dieser Drei-Groschen-Seifenoper durchsetzt, wirbelt ein wilder Sturm der Liebe und des Wahnsinns die Ressentiments und Bösartigkeiten der Gegenwart, die die Schweiz nicht exklusiv hat, aufs Unwiderstehlichste durcheinander. Und so entschädigt während der Dauer der Lektüre kolossales Vergnügen für das Leiden an einer Wirklichkeit, deren Absurdität unter dem Brennglas der Satire bestechend präzise offengelegt wird. Mehr kann man von einer Daily Soap nicht erwarten.

Nora Osagiobare: Daily Soap: Kein & Aber. 288 Seiten, 24 Euro.

Info

Autorin
Nora Osagiobare, geboren 1992 in Zürich, studierte Literarisches Schreiben in Biel und Wien. Mit ihrem Debüt „Daily Soap“ war sie Stipendiatin am Literarischen Colloquium Berlin. Für ihre Kurzgeschichte „Daughter Issues“ wurde sie in diesem Jahr bei den 49. Tage der deutschsprachigen Literatur mit dem Kelag-Preis ausgezeichnet. Sie lebt in Zürich.

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