Am Sonntag transportiert eine 84 Jahre alte, 2000 PS starke Dampflok Eisenbahn-Fans vom Stuttgarter Hauptbahnhof hinauf nach Vaihingen. Wir sind mitgefahren.
Torsten Schöll
19.04.2026 - 16:23 Uhr
Viele Familien und Eisenbahnfans strömten am Sonntag zum Hauptbahnhof: Mit einer 84 Jahre alten Dampflok ging es insgesamt vier Mal über die aussichtsreiche Panoramabahn nach Vaihingen und zurück. Das ließ sich auch Familie Wendl nicht nehmen: Eingefleischte Eisenbahn-Fans seien sie eigentlich nicht, verraten sie auf Nachfrage. Aber die vierköpfige Familie wohnt in Stuttgart direkt an der Gäubahn. Und wenn dort, was nicht allzu oft vorkommt, in der Vergangenheit mal eine Dampflok unterwegs war, hatten sie das Spektakel immer nur aus dem Fenster betrachtet. Das sollte sich am Sonntag zum ersten Mal ändern.
„Dieses Mal wollten wir unbedingt selbst mitfahren“, erzählt die Mutter von zwei kleinen Kindern. Gleich die erste von insgesamt vier Fahrten, die der Verein DBK Historische Bahn mit der Dampflok 50 2273 zwischen Hauptbahnhof und Stuttgart-Vaihingen am Sonntag durchführt, hat die Familie deshalb gebucht. „Wenn bei uns eine Dampflok am Haus vorbeifährt, müssen wir die Fenster schließen“, erzählt die Mutter. Die frisch gewaschene Wäsche sei sonst rußschwarz.
Familie Wendl gehörte am Sonntag zu den ersten Passagieren. Foto: Ferdinando Iannone
Wie die Familie Wendl steigen mehrere hundert Fahrgäste um 10 Uhr in den Zug. Auf der rund 16 Kilometer langen Strecke nach Vaihingen muss die Lokomotive rund 200 Höhenmeter überwinden. Die maximale Steigung liegt bei beeindruckenden 21 Promille, was der 1942 gebauten 2000 PS-starken Dampflok am Sonntag alles abverlangt. Zum Vergleich: Die eisenbahntechnisch berühmt berüchtigte Geislinger Steige hat eine maximale Steigung von rund 22,5 Promille. Für die kurze, aber anspruchsvolle Strecke nach Vaihingen benötigt der Zug etwa 20 Minuten.
Die vereinseigene Lok wurde bei einem Brand beschädigt
Die DBK musste die Lokomotive für die Fahrten am Sonntag von der Stuttgarter Gesellschaft zur Erhaltung von Schienenfahrzeugen leihen, weil die vereinseigene Dampflok vergangenen Oktober bei einem Brand im Crailsheimer Lokschuppen beschädigt worden war. Die 84 Jahre alte Lokomotive vom Typ 50 2273 steht sonst in Weissach. Nur die historischen Waggons hatte der Verein aus dem eigenen Fundus aus Schorndorf herbeigeschafft.
Anlass für die Nostalgie-Zugfahrten, wie DBK-Vereinsmitglied Andreas Schäfer im Zug erklärt, sei eigentlich die ursprünglich für April dieses Jahres im Zusammenhang mit Stuttgart 21 vorgesehene Kappung der Gäubahn gewesen. Die findet bekanntlich nun frühestens 2028 statt. Die Veranstaltung wollte der Eisenbahn-Verein, der auch die Schwäbische Waldbahn zwischen Schorndorf und Welzheim betreibt, wegen der Planänderung trotzdem nicht wieder absagen.
Ein Glück für alle Eisenbahnliebhaber in und um Stuttgart: Die mächtige Rauchfahne, die die Dampflok beim kraftraubenden Anstieg über die Panoramabahn während des ganzen Tages hinter sich herzieht, ist in der ganzen Innenstadt zu sehen. Noch eindrücklicher ist die Faszination Dampflokomotive freilich im Führerstand bei den beiden Lokführern Kai Stihler und Stefan Däuber zu erleben.
Heizer Grimm muss für alle vier Fahrten „rund fünf Tonnen Kohle“ schaufeln
Wie Däuber während der Mitfahrt erklärt, muss Heizer Philipp Grimm für alle vier Fahrten „rund fünf Tonnen Kohle“ in die glühende Feuerbüchse schaufeln. Ein echter Kraftakt. Beeindruckend auch der Lärm im offenen Führerstand der Dampflok: Unterhalten ist hier während der Fahrt eher ein gegenseitiges Anschreien. Am Arbeitsplatz der Lokomotivführer wird klar: Eisenbahnnostalgie heißt nicht nur, den süßen Ruß zu riechen und die mächtige Vibration der Maschine zu spüren, sondern auch den ohrenbetäubenden Lärm mitzuerleben, dem in früheren Tagen Lokomotivführer ausgesetzt waren.
Ein Kraftakt für den Heizer Foto: Ferdinando Iannone
Draußen, entlang der Strecke, haben sich am Sonntag, trotz des zeitweise regnerischen Wetters, zahlreiche begeisterte „Trainspotter“ positioniert, um das seltene Ereignis auf der Panoramabahn in Bildern zu dokumentieren. Und auch in den Waggons, wo die ehrenamtlichen Helfer der DBK kleine Snacks und Getränke anbieten, ist die Stimmung ausgelassen. So wie bei Familie Reich. Wie Papa Johannes, Mutter Christine und die drei Kinder verraten, fährt die Familie mit der Bahn sogar in den Urlaub. Echte Eisenbahnenthusiasten also.
Mit einer historischen Dampflok seien sie trotzdem noch nie gefahren, berichten sie. Die älteste der Töchter widerspricht prompt: „Doch, mit dem Dampfzug auf dem Killesberg“, sagt das Mädchen stolz. So viel steht fest, bei dieser Fahrt auf der Panoramabahn ist die Lokomotive, die den Zug zieht, bedeutend größer.