Notfallsanitäterin aus der Region Gewalt an Silvester: „Man muss aufpassen, sonst kann es körperlich werden“

Dass sie erst an Neujahr, wenn der größte Spuk vorbei ist, wieder im Rettungswagen sitzt, darüber ist Daniela Ortelt nicht unglücklich. Foto: privat/IMAGO/Rene Traut

Der Jahreswechsel bedeutet für Rettungskräfte und Polizei Dauerstress. Eine Notfallsanitäterin aus der Region erzählt von ihren schlimmsten Erlebnissen.

Digital Desk: Michael Bosch (mbo)

Dass Daniela Ortelt in dieser Silvesternacht keinen Dienst tun muss, darüber ist sie froh. Erst an Neujahr darf sie „sich um die Nachwehen kümmern“, wie sie sagt. Die 25-Jährige ist Notfallsanitäterin im Kreis Ludwigsburg. „Es gibt Kollegen und Kolleginnen, die sich freiwillig für Silvester melden“, sagt Ortelt, die im Rems-Murr-Kreis wohnt. „Ich persönlich verstehe das nicht.“ Abgesprengte Finger, schwere Verletzungen im Gesicht, Knalltraumata – sie geht es lieber ruhiger am Folgetag an.

 

Denn Silvester, das bedeutet Ausnahmezustand. Landauf, landab sind Einsatzkräfte im Dauerstress. In den vergangenen Jahren ist es eher schlimmer als besser geworden. „Für mich ist das ein innerer Konflikt und emotional belastend“, sagt Ortelt. Einerseits hätten Patienten immer das Recht auf eine adäquate medizinische Versorgung, anderseits habe sie kein Verständnis dafür, dass sich Menschen hemmungslos betrinken und sich dann in Gefahr begeben.

„Alkohol spielt immer eine Rolle“

Aus ihrer Sicht hat das Übel vor allem eine Wurzel: unverhältnismäßiger Alkoholkonsum. „Das spielt eigentlich immer eine Rolle“, sagt die Notfallsanitäterin. Im berauschten Zustand sinkt die Hemmschwelle, meist würden Patienten erst verbal ausfällig. „Da muss man aufpassen, fein dosieren“, sagt Ortelt, „sonst kann es körperlich werden.“

An Silvester regiert vielerorts die Unvernunft – auch in Stuttgart. Foto: Archiv/Lichtgut/Max Kovalenko

Dass sich Übergriffe auf Einsatzkräfte häufen, zeigen neue Zahlen des Bundesinnenministeriums. 46 000 Übergriffe gab es im vergangenen Jahr auf Polizisten. „Gewalt gegen Polizei, Feuerwehr und Rettungskräfte ist längst kein Ausnahmefall mehr, sondern gehört für viele leider zum Alltag“, sagt Innenminister Alexander Dobrindt (CSU). „Wenn jedes Jahr Zehntausende Angriffe gezählt werden, dann zeigt das: Respekt und Rücksicht gehen zunehmend verloren.“ In der Silvesternacht besonders.

Böller und Angriffe auf Einsatzkräfte: Debatte ja, Einsicht nein

In den vergangenen Jahren gab es vor allem in Berlin kriegsähnliche Szenen, aber auch in Stuttgart richtete sich Gewalt gegen Polizei und Retter. Dabei gebe es durchaus ein Gefälle zwischen größeren Städten und ländlicheren Gebieten, befindet Ortelt. In Stuttgart sei das Gewaltpotenzial noch einmal deutlich höher als in der Region, so ihre Beobachtung. Im Marienhospital absolvierte Ortelt in der Notaufnahme ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ), bevor sie sich entschied, Notfallsanitäterin zu werden. In ihrer Ausbildung war sie auch in der Landeshauptstadt im Einsatz.

Das Böllerverbot in der Stuttgarter City sieht sie zwiegespalten. Immerhin tue die Stadt etwas, anderseits berge das auch weiteres Konfliktpotenzial. Auch die Polizei hat im Vorfeld vor „pyrotechnischen Anschlägen“ in Stuttgart gewarnt. „Ich gehe auch davon aus, dass trotzdem Knallereien illegal stattfinden werden“, sagt Ortelt. Und es dementsprechende Rettungseinsätze auch in der Innenstadt geben wird. „Wenn die Polizei dazukommt, wird diese vom Patienten meist als eskalierender Faktor empfunden – dabei ist sie zur Sicherheit aller da“, berichtet die Sanitäterin von ihren Erfahrungen. Im betrunkenen Zustand falle es vielen dann schwer zu differenzieren. Die Eskalationsspirale dreht sich. Eine diffuse Wut auf die Polizei werde auch auf sie und ihre Kollegen übertragen, beschreibt Ortelt ein Szenario aus einer typischen Silvesternacht. „Am Ende sind alle Rettungskräfte die Bösen.“

Sie selbst habe bislang relativ wenig physische Gewalt erlebt, „aber ich kenne Kollegen, die sind am Ende selbst im Krankenhaus gelandet“. Dass es für das medizinische Personal inzwischen Seminare und Workshops zum Umgang mit Messern und sogar Schusswaffen gibt, zeigt, dass sich etwas in der Gesellschaft verändert hat.

Wie bereitet man sich auf die besondere Schicht zum Jahreswechsel vor? „Es gibt Szenarien, die spielt man durch“, sagt die 25-Jährige. „Was ist der Worst Case? Aber in der Regel bringt es nichts, sich im Vorhinein verrückt zu machen.“ Mit dem Marienhospital habe man eine Spezialklinik für Verbrennungen in unmittelbarer Nähe. Wenn die Betten dort belegt seien, gehe es nach Tübingen oder Mannheim – im Zweifel mit dem Hubschrauber. Davon gibt es in Baden-Württemberg derzeit einen, der auch nachts abheben darf. „Aber der normale Betrieb muss ja weiterlaufen. Wenn Böller-Verletzte im Hubschrauber transportiert werden, dann fehlt dieser vielleicht anderswo.“

Die öffentliche Debatte über Böllerverbot und Übergriffe auf Rettungskräfte in der Silvesternacht nehme sie zwar wahr, so Ortelt, „aber ich habe nicht das Gefühl, dass das irgendwas gebracht hat. Die Leute rennen ja weiterhin wie verrückt in die Supermärkte und kaufen kistenweise Böller“. Dass die Politik in diesem Punkt nicht härter durchgreift, ist für sie unverständlich. „Ein Feuerwerksverbot steht schon so lange im Raum. In Frankreich funktioniert das doch auch“, sagt die Notfallsanitäterin.

Bei politischen Entscheidungen diesbezüglich, aber auch beim Verhalten jedes einzelnen an Silvester hält sie es mit Kant: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, sagt Daniela Ortelt. Das gelte an jedem anderen Abend – aber zum Jahreswechsel ganz besonders.

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