Nur bruchstückhafte Informationen, aber viel Fantasie hatte die Niederländerin Ingrid van Laere, als sie vergangene Woche nach Esslingen kam. Die Stadt, die ihr Vater als Zwangsarbeiter kennenlernen musste. „Er hat nicht viel erzählt“ sagt sie. „Er sprach vom Leben in den Baracken, wo es von Ungeziefer wimmelte.“ Im Lager Metzgerwiese habe er gelebt. Laut Elisabeth Timm, die im Jahr 2009 das Buch „Zwangsarbeit in Esslingen 1939 – 1945“ veröffentlichte, lebten dort mindestens 119 Personen verschiedener Nationalitäten. Insgesamt seien im Jahr 1944 mehr als 10 000 Zwangsarbeiter in Esslingen beschäftigt gewesen.
Wie war der Alltag der Zwangsarbeiter?
Vor sechs Jahren ist Arry Augustus van Laere im Alter von 92 Jahren gestorben. Bevor er nach Esslingen gekommen sei, habe er in der väterlichen Schmiede gearbeitet in einer kleinen Gemeinde etwa 50 Kilometer von Antwerpen entfernt. Im Jahr 1943 seien er und sein Bruder René festgenommen und nach einer Woche im Polizeigefängnis Haaren nach Esslingen transportiert worden, wo er bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges für die Esslinger Firma Delmag arbeiten musste.
Gesprochen habe er nur von den schlimmen Erinnerungen wie den Bombergeschwadern: Sie hätten nicht gleichzeitig angriffen, sondern seien hintereinander geflogen. Die Angriffe hätten deswegen sehr lange gedauert, und er habe nicht schlafen können. „Mich hat das als Kind fasziniert“, sagt Ingrid van Laere. Selbst im hohen Alter habe er offenbar noch Albträume gehabt. Sie habe ihren Vater oft im Schlaf rufen hören: „Lauf schnell, rette dich!“ Über die Kontakte, die er vielleicht in Esslingen geknüpft hat, habe er nie gesprochen.
Nach dessen Tod fand Ingrid van Laere seine Notizen. Nur wenig steht in den sachlichen Aufschrieben. Mehrere Bilder sind dabei, die sie faszinieren. Sie zeigen ein Leben abseits der Zwangsarbeit und den Kriegserlebnissen: Arry van Laere inmitten einer Fußballmannschaft, die in weißen Trikots für den Fotografen posiert, auf einem anderen Bild steht er im Anzug mit einer Gitarre auf einem Hang über dem Neckar und lächelt. Sie habe nie etwas davon mitbekommen, dass ihr Vater ein musikalisches Talent gehabt hätte. Die Männer wirken auf den Bildern gepflegt und nicht ausgezehrt. Daher vermute sie, dass sie im Jahr 1943 aufgenommen wurden, bevor die Entbehrungen des voranschreitenden Krieges körperlich sichtbar wurden.
Eine kleine Spur
„Die Fotos strahlen viel Bravour aus“, sagt die Niederländerin Ingrid van Laere. „Ich vermute, sie sollten hauptsächlich beeindrucken. Vielleicht auf die Mädchen in der Heimat. Wenn Sie so lange von zu Hause weg sind, müssen Sie zeigen, dass es sich lohnt, auf diese Männer zu warten.“
Für dieses alltägliche Leben habe sie ein Gefühl entwickeln wollen. Sehen, was ihr Vater damals gesehen hat. „Wenn man über den Weltkrieg spricht, ist das fast immer in Schwarz und Weiß“, sagt sie. Worüber sie gerne mehr erfahren würde: den Alltag, die Menschen, die ihr Vater vielleicht kennengelernt hat, eben die kurzen Lichtblicke der Normalität. Die Hoffnung, dass es diese Momente gab, beruht neben den Fotografien auf zwei Einträgen im Notizbuch des Vaters: „Fam. Hedwig Rost, Hammerschmiede 4“ und „Samstag, 12. Mai, 8 Uhr, als Trauzeuge ins Standesamt“. Für Ingrid van Laere ein Indiz, dass ihr Vater hier sogar Freunde gehabt haben könnte. Erzählt habe er davon nie.
Mit Fantasie die Lücken füllen
Das Esslinger Standesamt durchforstete zwar auf Anfrage sämtliche Bücher, aber konnte keine Hochzeit finden, bei der Arry van Laere als Trauzeuge eingetragen war.
Das Esslinger Stadtarchiv ermittelte schnell, dass Hedwig Rost bereits Mitte der 80er Jahre in Schömberg im Kreis Calw verstorben ist. Ob sie in der Hammerschmiede 4 gewohnt habe, sei ungewiss, da die noch unabhängige Gemeinde Berkheim erst 1974 nach Esslingen eingemeindet wurde und das Stadtarchiv deswegen über keine gedruckten Adressbücher von vor 1960 verfügt. Enttäuscht sei Ingrid van Laere deswegen nicht. „Es ist eine Spur“, sagt sie. „Vielleicht leben ja noch die Kinder oder Freunde von Hedwig Rost und haben Bilder der Hochzeit, auf der mein Vater zu sehen ist.“
Die leeren Seiten in der Geschichte ihres Vaters füllt sie derweil mit Fantasie: „Ich habe die Hammerschmiede besucht. Es ist sehr schön dort. Das Gebäude ist noch da. Ich habe durchs Fenster geschaut. Ich kann mir vorstellen, wie mein Vater hier war. Er war auch Schmied. Das hat ihn sicher interessiert. Vielleicht sind sie ins Gespräch gekommen, oder er hat vielleicht sogar geholfen.“
Dass sie auf der Reise ihren Vater besser kennengelernt habe, glaube sie nicht. Dafür habe sie mehr über die Gegend erfahren, in der er zwei Jahre lang gelebt habe. „Es hat meinen Blick erweitert“, sagt sie. „Die Geschichten aus dieser Zeit sind noch nicht zu Ende erzählt. Spätere Generationen wollen sie hören.“
Über 13 Millionen tragische Schicksale
Zwangsarbeiter
Im Deutschen Reiche mussten laut Bundeszentrale für politische Bildung über 13 Millionen Zivilpersonen, Kriegsgefangene und Häftlinge Zwangsarbeit verrichten. Je nach Herkunft, Geschlecht, Religion und Bildungsstand unterschieden sich die Arbeitsbedingungen. Arbeiter aus der Sowjetunion wurden gekennzeichnet und durften ihr Lager oft nur zur Arbeit verlassen. Westeuropäische Zwangsarbeiter lebten zwar unter entbehrungsreichen und demütigenden Zuständen, aber hatten oft mehr Bewegungsfreiheit. Am schlimmsten traf es Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma und all jene, die zur „Vernichtung durch Arbeit“ vorgesehen waren.
Die Suche geht weiter
Wer Arry Augustus van Laere oder Hedwig Rost kannte oder Kontakt zu anderen ehemaligen Zwangsarbeitern aus Esslingen oder deren Hinterbliebenen hat, kann sich bei Ingrid van Laere unter der E-Mail-Adresse ivlaere@xs4all.nl melden.