Nufringens Bürgermeister tritt ab Schuldenfrei und genügend Kita-Plätze – die Bilanz von Ingolf Weltes Amtszeit

, aktualisiert am 17.02.2026 - 10:48 Uhr
„Ich kann einfach nicht nichts tun“, sagt Ingolf Welte, Bürgermeister von Nufringen. Foto: Stefanie Schlecht

Nufringens Bürgermeister Ingolf Welte tritt ab. Er hinterlässt eine schuldenfreie Kommune, in der jedes Kind einen Platz im Kindergarten hat.

Böblingen : Ulrich Stolte (uls)

Als Ingolf Welte nach seinem letzten Arbeitstag am vergangenen Freitag das Nufringer Rathaus verlassen hat, hatte er nicht nur 5400 Überstunden angesammelt, sondern auch 43 Tage Resturlaub. Doch nicht nur das hinterlässt er nach acht Jahren auf dem Chefsessel des Nufringer Rathauses: Eine Gemeinde, die immer noch schuldenfrei ist, und eine Gemeinde, in der jedes Kind einen Kindergartenplatz hat.

 

Und auch an diesem, seinem letzten Arbeitstag, flattern noch Akten auf seinen Schreibtisch, die er lesen und unterzeichnen muss. Zum Beispiel Vollmachten für das neue Baugebiet, das er in den vergangenen acht Jahren zusammen mit dem Gemeinderat ausgewiesen hat. Nufringen hat nicht den üblichen Weg gewählt und die Grundstücke bei einer Umlegung verschmolzen, bei der jeder Eigentümer einen Bauplatz erhält. Die Grundstücke wurden zentral über ein Vermarktungsbüro verkauft mit einem Bauzwang im Kaufvertrag. So konnte die 6000-Seelen-Gemeinde verhindern, dass es Baulücken gibt – und natürlich auch, dass die Grundstücke für die nächsten Generationen aufgehoben werden.

Ingolf Welte reklamiert für sich, einen neuen Führungsstil im Rathaus eingeführt zu haben Foto: Stefanie Schlecht

Nufringen mit umsichtiger Grundstückspolitik

Denn die Kommunen brauchen jetzt neue Einwohner und Grundstückserlöse, um die Aufgaben vor allem in der Kinderbetreuung zu stemmen, die ihnen von Bund und Land auferlegt werden. Natürlich war es schwierig, die Eigentümer zum Verkauf ihrer Äcker zu bewegen. Aber durch eine umsichtige Grundstückspolitik konnte die Gemeinde genügend Grundstücke zum Tausch anbieten und hatte dazu noch faire Preise gezahlt.

Genauso verfuhr Ingolf Welte im Nufringer Gewerbegebiet und kaufte auch dort die Brachflächen für die Gewerbetreibenden auf. Das war nicht immer ganz leicht: Oft genug waren die Besitzer Erbengemeinschaften, die mit bis zu acht Parteien noch dazu im Ausland verstreut waren.

Der Hauptamtsleiter trägt ein Nufringen Sweat-Shirt

Ingolf Welte nimmt für sich in Anspruch, einen neuen Führungsstil im Rathaus etabliert zu haben und wenn man sieht, dass der Hauptamtsleiter Dominik Stark mit einem Nufringen-Sweat-Shirt seine Arbeit tut, dann merkt man, was er meint. Wäre die Idee, Corporate-Identity-Klamotten zu tragen, von oben gekommen, dann hätten sich alle geweigert. Aber sie kam aus der Mitte des Personals und Welte nahm die Anregung auf.

Mit diesem neuen Führungsstil, so sagt er, habe er es auch geschafft, Erzieherinnen für den Kindergarten zu gewinnen: Er fragte seine Erzieherinnen, was die Gemeinde denn tun könnte, um Mitarbeiter zu rekrutieren und die Abwanderung der Mitarbeiter zu verringern. Ihre Vorschläge setzte die Verwaltung um. Allerdings erwartete Welte dann auch, dass die Belegschaft ihm nachwies, dass diese Vorschläge sinnvoll gewesen waren.

Kinderbetreuung in Nufringen: Das Rathaus verhandelt mit den Eltern

Weil Welte weiß, dass viele Erzieherinnen das Handtuch geworfen haben, weil sie dem ständigen Streit mit den Eltern überdrüssig sind, hat er ihnen diesen Druck – oder vielleicht sogar Albdruck – weggenommen und auf das Rathaus verlegt. Jetzt sucht sein Team nach Lösungen mit den Eltern, die Erzieherinnen bleiben außen vor.

Welte nimmt für sich in Anspruch, einen 25 Jahre langen Planungsstau aufgelöst zu haben, nämlich die Ertüchtigung der B 14 vor den Toren des Ortes. „Als ich anfing, hieß es, das gehe nicht“, sagt er. Mithilfe des Landratsamts Böblingen hat er eine Tangente ins Gewerbegebiet geplant, um den Dauerstau dort aufzulösen.

Der Bürgermeister von Nufringen hat den vierten Dan in Taekwondo

Warum gibt jemand, der den vierten Dan in Taekwondo hat, sieben Tage die Woche trainierte und eine Taekwondo-Abteilung mit 320 Leuten leitete, der vier Kinder großgezogen und mittlerweile drei Enkel hat, der bei der Polizei in Leitungsfunktion war, im Jahr 2017 einfach alles auf, um Bürgermeister zu werden?

„Ich wollte den Bürgern helfen“, sagt er. Das war es damals auch, als er zur Polizei ging: Er wollte den Staat vertreten, er wollte die Bürger schützen. Damals als er noch Streife fuhr und kein Tag wie der andere war. Dann musste er sich im Neuland zurecht finden, als die Mauer fiel und er verantwortlich Lastwagen aus Osteuropa kontrollierte. Über 1000 Seelenverkäufer hatte er von den Autobahnen geholt, Laster die nur noch mit Handbremse bremsten, Sattelschlepper, die kurz vor dem Auseinanderfallen waren.

Bürgermeister bis zum Alter von 65 Jahren

Er musste die Kontrollen organisieren, er musste die Bußgelder eintreiben und hatte ein Netz von Werkstätten geknüpft, die Schrottlaster reparierten. Seine letzte Station bei der Polizei war im Führungs- und Einsatzstab des Polizeipräsidiums Ludwigsburg, wo er unter anderem Polizisten ausbildete.

Wie kam es, dass er damals in Jahr 2017 und im Alter von 57 Jahren noch einmal neu anfangen wollte? „Ich kann nicht nichts tun“, sagt er, und so stieß er als Nufringer Bürgermeister zur Kommunalverwaltung, Acht Jahre hat er das gemacht, bis jetzt, bis zum Alter von 65 Jahren.

„Ein Wimpernschlag in der tausendjährigen Geschichte“

Seine acht Jahre sind nun vorbei, „es ist ja nur ein Wimpernschlag in der tausendjährigen Geschichte Nufringens“, sagt Welte. Aber weil er nicht nichts tun kann, sitzt er immer noch im Kreistag für die Freien Wähler, die nur kommunal agieren. Und für die „Freie-Wähler-Partei“ kandidiert er nun bei der Landtagswahl.

Das hat ihn die Zeit als Bürgermeister gelehrt, dass die Wahlgeschenke, die von Bund und Land gemacht werden, von den Kommunen bezahlt werden. „Das ist so, als würde ich Freunde zum Essen einladen und sie nachher selber zahlen lassen, und mich dann auch noch rühmen, sie eingeladen zu haben“, sagt er. Das musste anders werden, das will er auf Landesebene verändern.

Service rund um die Uhr bei Hacker-Angriffen

Also begann er auf seine alten Tage Plakate zu kleben und Homepages zu erstellen. Dann hat er eine Firma gegründet mit dem Namen „Sicherkomm“. Zusammen mit einer Vollzeit-Kollegin bietet er einen Dienst für kommunale Datensicherheit an. Auch diese Marktlücke entdeckte er in seiner Zeit als Bürgermeister. „Wir haben genug Büros, die uns sagen, was wir machen sollen, aber wenige, die diese Arbeit dann auch übernehmen.“ Und genau das will seine Firma machen: die kommunalen Sicherheitsroutinen übernehmen und einen rund um die Uhr Service anbieten, etwa bei Hacker-Angriffen.

Nachdem er also die Verantwortung und die immense Arbeitszeit eines Bürgermeisters mit 65 Jahren an seinen Nachfolger Simon Speiser abgegeben hat, will er wieder neue Verantwortung übernehmen und neue Projekte umsetzen. „Ich kann nicht nichts tun“, sagt er, „es geht einfach nicht.“

Quereinsteiger in die Politik

Kandidat
Welte wurde für die Landtagswahl am 8. März 2026 zum Direktkandidaten der „Freien Wähler Partei“ im Wahlkreis Leonberg nominiert.

Karriere
Ingolf Welte wurde in Leonberg geboren und war zuletzt als hauptamtlicher Bürgermeister der Gemeinde Nufringen tätig. Zuvor war er langjähriger Polizeibeamter, zuletzt als Polizeihauptkommissar beim Führungs- und Einsatzstab vom Polizeipräsidium Ludwigsburg.

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