Olgaeck-Unfall „Die Schuld wird mich für den Rest meines Lebens begleiten“

Ein Bild, das in Erinnerung bleibt. Es zeigt die Unfallstelle am Olgaeck und das Unfallfahrzeug Stunden nach dem tödlichen Unfall. Foto: SDMG

Das Urteil ist gesprochen. Die Erinnerung und der Schmerz bleiben jedoch. Bei Opfern, deren Angehörigen – und dem Unfallverursacher. Wie lebt man mit einer solchen Schuld?

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Verlust, Schmerz, Schuld und Zerstörung – mit diesen existenziellen Erfahrungen beschreibt der Stuttgarter Unternehmer das, was ihn seit dem tödlichen Unfall bewegt und beschäftigt. Er spricht davon, wie sehr er sich schäme. Am 2. Mai 2025 war er mit einem schweren Geländewagen in eine Menschengruppe an der Stadtbahn-Haltestelle Olgaeck gefahren. Eine 46-jährige Frau überlebte diesen Unfall nicht. Der 43-Jährige hatte sie zu Fall gebracht und mit seinem tonnenschweren Fahrzeug überrollt. Gestorben war sie an den Verletzungen, die er ihr zufügte, als er mit seinem SUV im Rückwärtsgang versuchte, zurück auf die Straße zu fahren.

 

„Die Schuld wird mich für den Rest meines Lebens begleiten“, sagte er in seiner 45-minütigen Erklärung. Er schaute dabei immer wieder zu den Nebenklägern in der ersten Reihe in Saal 1 des Stuttgarter Amtsgerichts. Und manchmal suchte er auch den Blickkontakt zu den Eltern der Getöteten. Der Platz neben ihnen war leer. Diese wohl zufällige Sitzordnung zeigte die Lücke in ihrem Leben.

Fast zehn Stunden nach dieser Erklärung sprach das Schöffengericht sein Urteil. Es verurteilte den Geschäftsmann, der an dem Unfalltag mit seinem Kind auf der Rückbank noch unter dem Einfluss von Kokain und Schlafmitteln unterwegs gewesen war, wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr zu einer auf Bewährung ausgesetzten Haftstrafe von zwei Jahren. Außerdem verpflichtete sich der Angeklagte insgesamt 400 000 Euro an die Familien der Getöteten und der acht Verletzten zu zahlen. 250 000 Euro hatte er wenige Tage nach dem Unfall bereits gezahlt. Durch sein Geständnis mussten sie nicht aussagen und konnten frei entscheiden, ob sie an der Verhandlung teilnehmen wollten.

Vier Kinder unter den Unfallopfern

Einige der Unfallgeschädigten haben sich angehört, was der 43-Jährige zu sagen hatte. Ein Polizeibeamter, der vor Ort war, sagte, er habe selbst unter Schock gestanden. Ein anderer berichtet, wie er das Weinen und die Schreie der Kinder gehört habe. Vier der Unfallopfer waren Kinder im Alter von zwei bis zwölf Jahren.

Der Unfall vom 2. Mai liegt gerade ein Jahr zurück. Das ist eigentlich keine Zeit, um zur Tagesordnung überzugehen. Weder für die Opfer, noch für den Unfallverursacher. Das versuchte Letzterer in jeder seiner Äußerungen deutlich zu machen. Mehr als einmal sagte er in seiner Erklärung, dass er um Entschuldigung bitte. Dabei hatte er Tränen in den Augen. An jeden der Betroffenen habe er einen Entschuldigungsbrief geschrieben. „Natürlich müssen Sie meine Entschuldigung nicht annehmen.“

Frühe Erklärung des Fahrers

Er hat früh, bereits am Tag nach dem Unfall, über eine Mitteilung seines Anwalts Ben M. Irle sein Bedauern über den Unfall ausgedrückt. „In dem Wissen, dass seine Worte den Schmerz der Betroffenen und deren Angehörigen nicht werden lindern können, spricht mein Mandant sein aufrichtiges Mitgefühl aus und wünscht den Verletzten eine schnelle und vollständige Genesung“, heißt es dort. Der unerträgliche Verlust werde ihn zeitlebens begleiten. Seit dem Unfalltag sei er drogenfrei, sagt der Unfallverursacher heute. Sein sich bereits über Jahre hinziehender Kokainkonsum war der Grund, weswegen er nicht fahrtüchtig gewesen sei. Das halten sowohl er als auch das Schöffengericht in seinem Urteil fest. Der Unfall wäre vermeidbar gewesen, wäre er in diesen Zustand nicht ins Auto gestiegen, so der Tenor des mündlichen Urteils.

2814 Menschen sind im vergangenen Jahr in Deutschland durch einen Verkehrsunfall gestorben. Die zweifache Mutter und Ehefrau, die am Olgaeck ums Leben gestorben ist, ist eine von ihnen. Dieser Zahl von im Schnitt sieben Toten stehen die Menschen gegenüber, die diese Unfälle mit Todesfolge verursacht haben – und mit den Folgen leben müssen. Wie lebt man mit dieser Schuld?

„Die Symptomatik ist bei Opfern und Verursachern ähnlich“, sagt Sven Nolting, Chefarzt am Klinikum Esslingen und Leiter der dortigen Traumaambulanz. Er nennt etwa Schlaflosigkeit, die Bilder vom Unfall, die die Betroffenen immer wieder vor Augen haben. Vor allem aber ein Ohnmachtsgefühl und Gedanken wie: „Wäre ich einen anderen Weg gefahren“ oder „Könnte ich doch die Zeit zurückdrehen“. Von all dem berichtete auch der 43-Jährige. Dazu komme bei Unfallverursachern aber noch die gesellschaftliche Stigmatisierung, der Vorwurf der Öffentlichkeit, „die Bösen zu sein“, so Nolting.

Der Angeklagte mit seinem Anwalt. Foto: Marijan Murat/dpa

Es wäre fatal, wenn man als Unfallverursacher aus einem falsch verstandenen Scham- und Schuldgefühl denke, weil man den Unfall verursacht habe, stehe einem keine professionelle Unterstützung zu, sagt der Traumaexperte. Es gebe zwar anders als für Gewaltopfer kein institutionelles Angebot nach dem Sozialgesetzbuch. Zum Gang zur Hausarztpraxis oder zum Psychotherapeuten rät er Betroffenen aber unbedingt. Peter Schlanstein, Vorstandsvorsitzender der Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland (VDO) betont, dass die gesetzliche Krankenversicherung psychotherapeutische Behandlungen unabhängig von der Schuldfrage übernimmt, „wenn eine medizinische Notwendigkeit besteht“.

Der Unfallfahrer vom Olgaeck hat sich diese Hilfe geholt. Er ist in Therapie. Sowohl wegen seiner posttraumatischen Belastungsstörung als auch wegen seines Suchtproblems. „Ich will alles tun, dass von mir nie mehr eine solche Gefahr ausgeht“, sagt er. Über seine Entschuldigungsbriefe hat er die Hand zu den Opfern und ihren Angehörigen ausgestreckt. Wie es scheint, haben die Eltern der Getöteten an dem Prozesstag die Chance genutzt, mit ihm ein Vieraugengespräch zu führen. Auch der Vater der fünfköpfigen Familie, die bis auf ihn alle verletzt wurden, steht nach der Urteilsverkündung bei dem Unfallfahrer. Vielleicht sind diese Begegnungen ja für alle Betroffenen der erste Schritt auf einem langen Weg.

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