Olivier Mannoni in Stuttgart „Donald Trump verwendet exakt die gleichen Wörter wie Hitler“

Experte für die Sprache des Populismus: Olivier Mannoni Foto: IMAGO/opale.photo

Olivier Mannoni hat „Mein Kampf“ ins Französische übertragen und darüber ein Buch geschrieben. Was man daraus für die Gegenwart lernen kann, erklärt er an diesem Mittwoch in Stuttgart.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Zehn Jahre hat Olivier Mannoni für eine kritische Studienausgabe an der Übersetzung von Hitlers „Mein Kampf“ gearbeitet. Hier beschreibt er, warum dieser Text nicht nur inhaltlich verstörend ist, sondern auch in seinem sprachlichen Unvermögen eine Herausforderung darstellt. Er zeigt, wie erfolgreich der Nationalsozialismus Unklarheit und Verzerrung als Mittel der Manipulation eingesetzt hat – und warum diese Muster heute wieder an Einfluss gewinnen.

 

Herr Mannoni, warum haben Sie sich der Tortur ausgesetzt, mit Hitlers „Mein Kampf“ eines der unsäglichsten und verhängnisvollsten Bücher der Geschichte neu zu übersetzen?

Ich übersetze seit fast 40 Jahren Bücher über Nationalsozialismus und Totalitarismus, darunter Quellentexte von Joseph Goebbels oder Alfred Rosenberg, immer unter sehr strengen Bedingungen und in Zusammenarbeit mit Historikern. Eine wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Ausgabe hat im Französischen bisher gefehlt.

Anti-Trump-Proteste in New York gegen die autoritäre Unterwanderung der Demokratie Foto: Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire

Aber die Arbeit an diesem Projekt hat Ihnen so zugesetzt, dass Sie darüber ein eigenes Buch geschrieben haben: „Hitler übersetzen“. Warum?

Ich wollte darlegen, warum und wie ich es gemacht hatte, außerdem die Sprache analysieren: diese unverständlichen Sätze, die sehr langen Absätze mit sehr banalen Botschaften. „Mein Kampf“ ist furchtbar schlecht geschrieben. Es gibt darin keine Logik, nur furchtbare Tautologien, groteske Brüche und Denkfehler.

Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit an einem solchen Machwerk von der Arbeit mit anderen Texten?

Zunächst ging ich vor, wie sonst auch, versuchte mich auf die Intention des Autors einzulassen, um sie in einer anderen Sprache zu rekonstruieren. Doch dann wies mich der Herausgeber, Florent Brayard, darauf hin, dass für eine korrekte Übersetzung der Text im Französischen genauso unlesbar sein müsse wie das Original in seiner scheußlichen Sprache, den unzähligen Adjektiven, Adverbien, Füllwörtern und verschwurbelten Sätzen. Stellen Sie sich einen Satz vor wie „Ich bin jetzt hier in meinem Büro, trotzdem regnet es draußen“. Er stammt nicht aus „Mein Kampf“, aber illustriert eine typische Struktur, die sich durch den ganzen Text zieht: Zwei Teile, die überhaupt keine Beziehung zueinander haben, werden völlig willkürlich und sinnfrei durch eine Konjunktion verbunden.

Sie beschreiben, wie die Nationalsozialisten den Nuancenreichtum und die Vieldeutigkeit der deutschen Sprache pervertiert haben in einem Sagen, das zugleich ein Vertuschen war.

Das gesamte Vokabular des Nationalsozialismus hatte einen verharmlosenden Charakter. In ihrem inneren Kreis wussten sie genau, was sie taten, aber für das deutsche und internationale Publikum brauchten sie eine doppeldeutige Sprache. Es gibt eine ganze Reihe von Wörtern, die am Anfang im Zusammenhang mit den Juden verwendet wurden, „entfernen“ zum Beispiel, etwas, das man über Schmutz am Kleid sagt – unausgesprochen bleibt das damit eigentlich gemeinte „vernichten“.

Die historisch-kritische Studienausgabe Ihrer Übersetzung trägt im Französischen den Titel „Historiciser le mal“ – „das Böse historisieren“. Aber das Beunruhigende an dieser Historisierung ist ja das gegenwärtige Echo, das aus den rhetorischen Strategien des Populismus zurückschallt.

Nach der Erfahrung mit der Übersetzung von „Mein Kampf“ habe ich mich gefragt, welche Rolle dieser Wortschatz – wenn man überhaupt von Schatz sprechen kann – heute noch spielt. Und ich stellte fest, dass diese Sprache keineswegs tot war. Oder wenn sie tot war, gerade überall wiederaufzuerstehen schien. Die Neue Rechte in Frankreich und Deutschland verbreitet die Theorie des „Großen Austauschs“, dass eine von dunklen Mächten gesteuerte Zuwanderung die Ersetzung der einheimischen Bevölkerung zum Ziel habe. Das stammt direkt aus dem elften Kapitel des ersten Teils von „Mein Kampf“, dort natürlich nicht auf Muslime gemünzt, sondern auf Juden. Oder „Remigration“, was natürlich eine Umschreibung für Deportation ist. Die Nazis hatten dafür eine ganze Reihe von Wörtern, zum Beispiel „Evakuierung“. Es klingt harmlos und verschleiert, worum es eigentlich geht. Man muss nur Juden durch Muslime ersetzen, um in gegenwärtigen Hetzreden zu landen.

Der amerikanische Präsident erteilt darin täglich Anschauungsunterricht.

Wenn er sagt, dass Migranten das Blut Amerikas vergifteten, oder wenn er seine politischen Gegner als Ungeziefer bezeichnet und davon spricht, sie „ausrotten“ zu wollen – „root out“ –, sind das exakt die Worte, die Hitler von Anfang bis Ende verwendete. Und man sieht ja, welche Politik gerade daraus entsteht. Es gibt eine Logik der Wörter, die sehr konkrete Konsequenzen hat.

Sie sprechen im Zusammenhang mit Donald Trump geradezu von einem strategischen Einsatz sprachlicher Inkompetenz. Wenn ich Sie richtig verstehe, bedeutet das, dass dieses verkürzte, zugespitzte und stark vulgarisierte Sprachmuster nicht einfach ein Unvermögen ist, sondern programmatisch eingesetzt wird?

Ob dies im Fall von Hitler oder Trump von Anfang an gewollt war, ist natürlich ungeklärt. Sicher ist, dass Hitler in seinen Reden genau wusste, dass diese Sprechweise gut funktionierte. Die Zuhörer hatten entweder den Eindruck, etwas sehr Intelligentes zu hören, oder sagten sich: „Dieser Mensch ist so intelligent, dass ich überhaupt nichts verstehe – das muss wirklich ein Genie sein.“ Dieses Chaos und diese Verwirrung in der Sprache passen hervorragend zur populistischen Rede. Donald Trump hat seine Methode explizit gemacht und gesagt: „Ich wähle meine Worte bewusst, glauben Sie nicht, dass ich sie einfach so herausplappere.“

Dazu zählt, dass er jeden Tag das Gegenteil vom Vortag behauptet.

Hitler hat auch anfangs erklärt, Pazifist zu sein. In vielen Gesprächen, etwa mit der ausländischen Presse, sagte er, Deutschland wolle nie mehr Krieg führen. Ein Jahr nach seiner Wahl sagte er das Gegenteil. Ähnliches erlebt man gerade in den USA. Diese konfuse Sprache erlaubt viel Spielraum für späteres Handeln.

Was bedeutet die sich immer weiter in den Diskurs hineinfressende pervertierte Sprache des Populismus für die Demokratie?

Hinter einem Gewirr von Wörtern und Sätzen lässt sich die inhaltliche Leere und Vagheit eines politischen Programms gut verstecken. Um in einer Demokratie leben zu können, bedarf es des gemeinsamen Verständnisses der Bedeutung von Wörtern. Außerdem müssen wir sicher sein, dass unser Gesprächspartner uns nicht beschimpfen oder gar töten will, nur weil wir anderer Meinung sind. Diese beiden Bedingungen werden heute vom postfaktischen und aggressiven Sprachgebrauch des Populismus aufs äußerste bedroht.

Olivier Mannoni kommt nach Stuttgart

Übersetzer
Olivier Mannoni, geboren 1960 in Tours, lebt in den Pyrenäen. Er gehört zu den renommiertesten Übersetzern aus dem Deutschen ins Französische. Zu den von ihm übersetzten Autoren zählen unter anderen Franz Kafka, Sigmund Freud, Stefan Zweig und Peter Sloterdijk. Zudem hat er zahlreiche Werke zum Nationalsozialismus übersetzt, darunter Ernst Klees „Deutsche Medizin im Dritten Reich“ und Joachim Fests „Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli“.

Autor
Mannoni verfasste Biografien über Günter Grass und Manès Sperber. Über seine Erfahrungen mit der Übersetzung von „Mein Kampf“ für die historisch-kritische französische Studienausgabe schrieb er den Essay „Hitler übersetzen“ (Harper Collins, 22 Euro). Das Buch war 2022 für den Prix Femina nominiert und gewann 2023 den Charles-Oulmont-Preis. 2024 erschien sein Buch „Coulée brune. Comment le fascisme inonde notre langue“ (Brauner Schlamm. Wie der Faschismus unsere Sprache überschwemmt).

Termin
Bei den Französischen Wochen in Stuttgart stellt Olivier Mannoni am 29. April, 19 Uhr, im Stadtarchiv Stuttgart sein Buch „Hitler übersetzen“ vor.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Mein Kampf Sprache Interview Stuttgart