Olympia 2026 Das Wehklagen und die Wirklichkeit
Nach der Bronzemedaille in der Mixed-Staffel warten viele schon auf weiteres Edelmetall der deutschen Biathleten. Die Chance gibt es. Doch dazu braucht es schon einen perfekten Tag.
Nach der Bronzemedaille in der Mixed-Staffel warten viele schon auf weiteres Edelmetall der deutschen Biathleten. Die Chance gibt es. Doch dazu braucht es schon einen perfekten Tag.
Sie sind nicht mehr die Jüngsten, bei dem einen oder anderen lichtet sich das Haar, oder es ergraut, wie beim Österreicher Christoph Sumann, wo das deutlich oberhalb des Stirnbands zu sehen war. Doch dass sie noch richtig fit sind, das sah man beim Sprung aufs Siegerpodest: Die deutschen Goldmedaillen-Gewinner Simon Schempp, Arnd Peiffer, Daniel Böhm und Erik Lesser, die für ihr Staffelrennen in Sotchi 2014 nachträglich geehrt wurden. Sie waren wegen der Dopingsperre eines Russen auf den ersten Platz vorgerückt, vor den Österreichern und Norwegern.
Feierlich wurde es im Stadion, als die deutsche Flagge gehisst wurde. War es das einzige Mal, dass die deutsche Hymne bei den Spielen in Antholz erklingt? Bronze in der Mixed-Staffel zum Auftakt steht bisher zu Buche, in den Einzelrennen vordere Platzierungen von Philipp Nawrath und Franziska Preuß. Die Medaillen, auf die bei Olympia jeder schaut, holten andere, vor allem Franzosen und Norweger.
Das Wehklagen über die Krise des deutschen Biathlons hat schon eingesetzt. Da ist vor allem die Erwartungshaltung von außen zu hoch, jetzt, wo alle nach Antholz schauen. Die Realität in diesem Winter ist: Es gab bisher drei Podestplätze in Einzelrennen, einen dritten Rang von Philipp Horn im Weltcup-Sprint von Hochfilzen, einen zweiten von Philipp Nawrath im Sprint von Oberhof, einen dritten von Franziska Preuß im Kurz-Einzel von Nove Mesto, dazu aber auch einige Top-Ten-Platzierungen.
Von daher entsprechen die Leistungen bei Olympia der Wirklichkeit im deutschen Biathlon. Schon die vergangene Saison wurde durch die überragend performende Gesamtweltcup-Siegerin Preuß überdeckt. Es gibt die Chance, unter die Top 3 zu kommen. Aber es ist kein Team wie bei Norwegern oder Franzosen, von denen jeder Sportler das Potenzial hat, Olympiasieger zu werden.
Die vier deutschen Gold-Männer hatten eine lange Medienrunde zu absolvieren, fast länger, als es die aktiven Athleten in diesen Tagen nach ihren Rennen machen müssen. Und die Fragen, die sie beantworten mussten, gingen weniger über ihre verspätete Ehrung, sondern immer wieder zum bisherigen Abschneiden der derzeitigen DSV-Biathleten.
Lesser wollte in den Chor, der von Krise spricht, erst gar nicht einstimmen. „Ich konzentriere mich auf den Sport der nächsten Tage“, meinte er. Er zog aber dann doch den Vergleich zu 2014. Auch da sei einiges vom deutschen Team erwartet worden. „Wir sind den Erwartungen hinterhergerannt und wir sind als Sieger vom Platz gegangen.“ Vielleicht gebe es ja auch zwölf Jahre später eine ähnliche Geschichte. „Ich glaube, dass die Jungs wirklich gut drauf sind. Es wurden zu viele Fehler am Schießstand gemacht, aber die Form ist jetzt nicht so schlecht wie es aussah“, fügte Böhm hinzu, der in der Männerstaffel seinen Nachfolgern viel zutraut.
„Wir brauchen einfach einen perfekten Tag, um mal aufs Podium zu springen“, sagte Schempp. „In der Staffel hat man eine gute Chance auf eine Medaille“, ist er zuversichtlich. Auch der Massenstart komme dieser Mannschaft eher entgegen, wo man auch mal mitlaufen kann, wenn vorne die Post abgeht. Selbst bei der SZ Uhingen zum Biathlon gekommen, schaut er sehr gerne nach Frankreich. Sowohl im Weltcup, als auch im zweitklassigen IBU-Cup oder im Juniorenbereich ist das Nachbarland in breiter Masse vorne vertreten. „Die machen unheimlich viel richtig gerade, geben den Ton an“. In Norwegen ist es ähnlich.
Deutschland habe 50 Sportler im Juniorenbereich, Norwegen 200, stellte auch David Zobel eher verärgert auf die Frage fest, warum die einstige Biathlon-Vorzeigenation derzeit hinterherlaufe. „Warum sind wir im Fußball besser als Norwegen? Weil wir mehr Fußballer haben.“ Um einzelne Toptalente zu finden, brauche man Glück.
Die gibt es ja sogar: Mit Julia Tannheimer (20) vom DAV Ulm und Selina Grotian (21) vom SC Mittenwald sind zwei bei den Spielen dabei, im Weltcup hat zuletzt Leonhard Pfund (22) vom SC Bad Tölz mit zwei Top-15-Platzierungen auf sich aufmerksam gemacht. Hinter Pfund haben weitere im IBU-Cup überzeugt. Doch die benötigen noch Zeit, um sich auf Topniveau zu stabilisieren.
So sind die Favoriten andere. Doch das Schöne am Biathlon ist: Auch das jetzige deutsche Team hat seine Chancen auf Medaillen, wenn es gelingt, „reibungslos am Schießstand durchzukommen“, wie Schempp sagt. Die nächste Möglichkeit hat die Männerstaffel an diesem Dienstag (14.30 Uhr/ARD und Eurosport) in der Besetzung Strelow, Nawrath, Zobel, Horn. Übrigens: Ein junger Simon Schempp hätte es heute schwer, eine solch glanzvolle Sportlerkarriere zu starten, wie er es getan hat. Denn Biathlon gibt es nicht mehr bei der SZ Uhingen.