Das Problem ist nicht die Therapie: Denn diese Form der Leukämie kann gut behandelt werden – sofern die Medikamente frühzeitig gegeben werden. Doch der Jugendliche will sich partout nicht therapieren lassen. Er fühle sich nicht krank, also brauche er auch keine Behandlung. Und seine Eltern lassen ihm seinen Willen. Was also tun? „Ich kann ihn ja schwerlich ans Bett fesseln“, sagt Blattmann.
Immer mehr Kinder überleben eine Krebserkrankung
Es ist eine Situation, mit der Claudia Blattmann schwer zu kämpfen hat: Seit drei Jahren leitet sie mittlerweile die Kinderonkologie am Olgahospital des Klinikums Stuttgart, in der nahezu 3000 junge Menschen mit Krebserkrankungen jedes Jahr stationär oder in der spezialisierten Tagesklinik behandelt werden – und zwar mit dem Ziel, alle zu heilen. In den allermeisten Fällen gelingt dies auch: Starben vor 30 Jahren noch 80 Prozent aller Kinder mit einer Tumorerkrankung, so können heute mehr als 80 Prozent geheilt werden.
„Krebs zu bekämpfen, gelingt nur im Team“, sagt Blattmann. Alle müssen mitziehen – Ärztinnen und Ärzte, das Pflegepersonal und natürlich auch die Familie des Patienten. „Stellt sich da einer quer, wird’s schwer“, sagt die 50-Jährige und greift nach dem Telefon. Es gilt, die Eltern zu erreichen und davon zu überzeugen, mit dem Sohn in die Klinik zu kommen. Doch niemand hebt ab. Der Anruf bleibt unbeantwortet.
Fachärzte aus Deutschland und Europa beraten über Krebs
Claudia Blattmann ist eine zierliche Frau, deren rotbraunes Haar zum Pferdeschwanz zurückgebunden ist. Sie hat einen schnellen Schritt und kommt zügig zum Punkt. Anders geht es nicht: Der Terminkalender an diesem Tag ist voll, die Zeit für Besprechungen knapp bemessen. Kollegen brauchen ihren Rat – etwa in der Tumorkonferenz, zu der Ärzte aus Unikliniken und aus dem europäischen Ausland zugeschaltet sind.
Akte für Akte werden Fälle von jungen Krebspatienten besprochen, die medizinisch gesehen zu den Extremen gehören: der 17-Jährige aus Italien etwa, dessen Metastasen trotz Chemo nicht schrumpfen wollen. Bleibt die Frage wie eine weitere Therapie mit einer Bestrahlung kombiniert werden kann. Beratschlagt wird auch über den Fall eines 13-jährigen Jungen aus Jordanien, der in Kiel behandelt wird. Der Tumor hat dem Schienbeinknochen des Jungen schwer zugesetzt. Hier geht es um die Frage, ob ihm trotz der palliativen Behandlung das Bein abgenommen werden sollte. Blattmann liest den Fallbericht, lässt sich die Röntgenbilder aufzeigen und rät den Behandlern zu einer Amputation: „Ansonsten werden die Schmerzen zunehmen und unerträglich für das Kind“, lautet ihre Begründung.
Blattmann ist Expertin für Sarkome
Claudia Blattmann ist eine deutschlandweit anerkannte Spezialistin für Sarkome. Schon im Medizinstudium und in ihrer Zeit als Fachärztin in der Onkologie am Uniklinikum Heidelberg hat sie zu den Tumorerkrankungen geforscht, die in den Weichteilen entstehen oder vom Knochen ausgehen. Der Wechsel nach Stuttgart im Jahr 2012 fühlte sich richtig an: Im Klinikum konnte sie maßgeblich dazu beitragen, das Südwestdeutsche Sarkomzentrum für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu gründen – dazu auch zwei große, internationale Studienzentralen für Weichteil- und Knochensarkome.
„Medizinisch sind Sarkome schwer zu fassen“, sagt Blattmann. Weil sie in allen Bereichen des Körpers auftreten können. Häufig sind die Extremitäten betroffen, es gibt aber auch Sarkome im Bauch oder Brustraum. Die Suche nach einer geeigneten Behandlung ist daher komplex. „Das macht die Therapie zu einer großen Herausforderung für die Behandler, aber zugleich auch sehr spannend.“ Noch mehr als bei anderen Krebsarten braucht es dabei eine gute Zusammenarbeit zwischen Ärzten aus verschiedenen Fachrichtungen. „Es treibt mich an und erfüllt mich, wenn wir gemeinsam die bestmögliche Lösung für die erkrankten Kinder finden“, sagt Blattmann.
Sie hat schon viel Dank für ihre Arbeit erfahren dürfen: In ihrem Büro gibt es ein Regalfach, das beinahe überquillt an Kärtchen und Briefen mit Aufnahmen von lachenden Mädchen und Jungen, mit denen Eltern sich bedanken für die große Zuwendung, der Ehrlichkeit und Fürsorge, die Claudia Blattmann ihren Kindern während ihrer Zeit in der Kinderkrebsstation zuteil werden ließ. Sie stehen neben Bechern mit der Aufschrift „Beste Ärztin der Welt“ und kleinen Schutzengeln.
Nun ist auch das Bundesverdienstkreuz am Bandehinzugekommen – „als kleines Dankeschön der Gesellschaft für große Verdienste“, wie es Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper bei der Verleihung formulierte. Sie habe viel mehr getan, als es ihre Pflicht als Ärztin wäre.
Wenig Forschung zu Krebs bei Kindern
Die Ehrung hat sie gefreut. Keine Frage. Sie hofft, diese künftig nutzen zu können, um die Aufmerksamkeit auch der Gesundheitspolitik stärker auf die Kinderonkologie lenken zu können: Die Fördermittel für neue Studien fließen nur spärlich. Auch braucht es neue Konzepte in der klinischen Versorgung: Denn anders als bei vielen anderen Krankheiten betrifft Krebs bei Kindern die ganze Familie: „Wir therapieren hier nicht nur Kinder, sondern versuchen, in dieser Zeit auch den Eltern und Geschwistern Halt und Zuversicht zu geben“, sagt Blattmann. Um diesen emotionalen Ausnahmezustand auszuhalten, erhalten die Familien Hilfe von Mitarbeitern auf der Station, etwa dem psychoonkologischen Dienst. Aber auch die Pflegekräfte versuchen, in ihrer Schicht Zeitfenster zu schaffen, um sich einige Minuten zu den Eltern zu setzen.
Auch krebskranke Kinder brauchen Platz zum Spielen
Das Telefon klingelt. Die Eltern eines vierjährigen Jungen, der auf Station vergeblich wegen seiner Leukämie behandelt worden ist, wollen sich von Claudia Blattmann verabschieden. Hier hat die Krankheit die Grenzen der Behandlung aufgezeigt. Die Eltern wollen die letzten Tage mit ihrem Kind zu Hause verbringen. Blattmann setzt sich an den Computer und druckt eine Bevollmächtigung für den Notfall aus: Sollte der Notarzt eintreffen, wird er darüber informiert, dass keine lebenserhaltenden Maßnahmen mehr ergriffen werden sollen. Blattmann setzt schweigend ihre Unterschrift auf das Papier und geht zu der Familie.
Wer die Krebstherapie überstanden hat, läutet die Glocke
Neben ihrem Schreibtisch auf der Fensterbank liegt ein Fahrradhelm. Jeden Tag versucht Claudia Blattmann mit dem Rad zur Arbeit zu fahren. Sie brauche die Bewegung nach Feierabend, sagt sie. Auch, um die Arbeit hinter sich lassen zu können. Zuhause wartet ihre Familie – zwei Kinder, ihr Mann. Auf die will sie sich dann einlassen können, ohne an Krebs zu denken.
Dennoch, sagt sie, verbinde sie mit dem Wort „Krebs“ sehr viele schöne Momente. Im Dienstzimmer der Ärzte und Pflegekräfte weist sie auf eine Kuhglocke und erzählt, wie fröhlich es hier immer zugehe, wenn die Patienten ihre letzte Chemotherapie durchlaufen haben. „Dann dürfen sie auf der Station die Glocke läuten“, sagt Blattmann – wie die Olympiasieger im Stadion in Paris. Und das ganze Team steht dabei und klatscht Beifall.