An manchen Tagen spielt Abdul Rahman Alali sechs Stunden lang mit Pausen am Open Piano in der Haltestelle Charlottenplatz. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Seit ein paar Monaten spielt scheinbar zu jeder Tages- und Nachtzeit ein junger Mann am öffentlichen Klavier am Stuttgarter Charlottenplatz und hält Flaneure wie Fahrgäste in Bann. Wir haben ihn getroffen.
Vergangenen Sommer war er plötzlich da. Seither webt sich sein Klavierspiel in den Sound des Charlottenplatzes, ins Zischen der Stadtbahnen, das Schweigen der Wartenden, die Durchsagen im Sekundentakt. „Achtung – U 15 – nach Heumaden – fährt ein.“ Büropendler empfängt er morgens um 7, Eltern mit Kindern im Schlepptau nachmittags um drei. Um halb neun abends oder kurz nach Mittagnacht hören ihn jene, die noch in die Nacht ziehen.
Er sitzt dann am öffentlichen Klavier, zwischen einem Briefkasten und dem Aufzugschacht. Ohne Notenblätter, die Augen geschlossen, Kopf nach unten geneigt, Rücken zum Publikum. Ein junger Typ im grauen oder schwarzen Jogger, seine Finger fliegen über die Klaviatur des bunt bemalten Instruments. Pachelbels „Kanon in D Dur“, die Filmmelodie aus „Die fabelhafte Welt der Amelie“, „Passacaglia“ von Händel. Neben ihm steht meist eine junge Frau und blickt in Richtung der Gleise, aufrecht, wie eine Tempelwächterin. „Den hab ich auch schon gesehen!“, sagen die Leute, wenn man von ihm erzählt. Es gibt ja diese Stadtfiguren, die fast jeder kennt, aber von denen keiner mehr weiß.
Manchmal spielt er sechs Stunden lang
Also mal nachgefragt: Wer ist der Mann am Klavier? Ein Treffen mit ihm im Café des Stadtpalais. Von hier sind es nur ein paar Rolltreppenstufen hinunter in diesen labyrinthischen Verkehrsknotenpunkt, den er täglich bespielt. Vor einem sitzt nun Abdul Rahman Alali, 20 Jahre alt, freundlich-wacher Blick. Neben ihm seine Freundin Ana, mit der er sich während des Gesprächs oft fest an den Händen hält. Er freut sich ehrlich, dass so viele ihn mittlerweile kennen, dass man wissen will, wer er ist.
Sein Plan war das nicht, sagt er. Er suchte halt ein Klavier, an dem er üben kann. Im vergangenen August entdeckte er das Open Piano. Seither fährt er fast täglich von seinem Heimatort Kirchheim/Teck in den Stuttgarter Untergrund. Mal spielt er eine Stunde, mal sechs mit Pausen dazwischen. In diesen spazieren Ana und er durch die Stadt im Takt der wechselnden Jahreszeiten. Wenn er sich mal wieder in der Musik verliert, kann er bei einem Stuttgarter Freund übernachten. Der macht ihm auch um zwei Uhr morgens noch die Türe auf.
Abdul sucht eine Lehrstelle im technischen Bereich
Tatsächlich hat sich Abdul das Klavierspielen selbst beigebracht. Vor fünf Jahren fing er am Flügel seiner Schule damit an. Zuvor kannte er klassische Musik von den CDs des Vaters, die Abdul schon hörte, als er noch ein Kind war, damals im Krieg, in Syriens Hauptstadt Damaskus.
Seit acht Jahren lebt Abdul in Deutschland. Der Vater, ein Vermessungsingenieur, kam 2015 hierher. 2016 konnten seine Frau und die drei Söhne nachziehen. Abdul lernt schnell Deutsch, geht ab der sechsten Klasse auf die Hauptschule. Vor drei Jahren macht er seinen Abschluss mit 1,8. Seither sei er auf der Suche nach einem beruflichen Weg. Im Gesundheitsbereich hat er es versucht, aber das war nichts für ihn. Derzeit bewirbt er sich für eine Ausbildung. Kfz-Mechatroniker oder Vermessungstechniker, das könnte was sein, findet er. Aber noch hat er keine Lehrstelle gefunden.
Die Stunden am Klavier füllen solange seine Tage. Seit kurzem steht zwar ein Piano im Wohnzimmer der Eltern, über eine Kleinanzeige gekauft. „Mechanisch, nicht elektrisch“, sagt er stolz. Aber immer nur allein für sich daheim – das ist zu einsam.
Inspiriert haben ihn diese Videos auf Youtube. Sie zeigen Menschen, die auf der Straße Klavier spielen oder in einer Shopping Mall – und die Menschen hören ihnen zu. „Das will ich auch können“, denkt er als 15-Jähriger. Sein erstes Stück ist „Für Elise“ von Ludwig van Beethoven. Takt für Takt hört er es, hunderte Male wahrscheinlich, versucht erst die rechte Hand nachzuspielen, dann die linke, dann beide zusammen. Er nutzt eine App, die Klaviertasten auf sein Smartphone projiziert. So lernt er das Stück, ohne Noten lesen zu können.
Er übt mit einer Klavier-App auf dem Handy
Für „Elise“ braucht er mehrere Wochen. Heute hat er ein neues Werk innerhalb weniger Tage drauf. Wenn er sich ranhält, geht es auch an einem Tag. „Früher waren meine Hände Holz, heute sind sie Gummi“, sagt Abdul. Auf ihren Spaziergängen hören Ana und er neue Stücke, jeder einen Stöpsel im Ohr. Im Kopf sieht er schon seine Finger über die Tasten fliegen, „wie auf Treppenstufen auf und ab“. Wenn er mal eine Melodie im Kopf habe, könne er sie bald nachspielen.
Mittlerweile hat er auch ein Klavier daheim, trotzdem spielt er fast täglich am Open Piano am Charlottenplatz. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Ortswechsel mit ihm und Ana in den Untergrund. Der Charlottenplatz ist im Feierabendbetrieb. Menschen drängen aneinander vorbei. Stehen, warten, steigen Treppen auf und ab, kämpfen sich in Waggons hinein und aus ihnen heraus, fahren weiter. In ihren schwarzen Daunenjacken sehen sie ein bisschen aus wie übergewichtige Ameisen.
Abdul zieht seinen Anorak aus und setzt sich auf den Klavierschemel wie auf einen vertrauten Küchenstuhl. Ohne Umschweife legt er los, „Für Elise“ für alle. Erste Wintergesichter unter Mützen schauen von den Smartphones auf. Eine Mutter mit drei quengelnden Kindern macht kurz Pause, ein Paar mit Hund tritt näher, drei Sicherheitsmänner blicken rauchend vom Mülleimer herüber. Plötzlich umarmt einer, der hier oft sein Lager aufschlägt, den jungen Mann von hinten. „Maestro!“ ruft er und Abdul grinst.
Manche Zuhörer lächeln, manche weinen
Meist bekommt er nicht mit, wie die Leute in seinem Rücken reagieren. Aber Ana, die fast immer neben ihm steht, sieht sie. „Saure Gesichter“, die plötzlich lächeln, betrunkene Pöbler, die ruhig werden. Menschen, die vom gegenüberliegenden Bahnsteig herüberkommen, um eine Weile zuzuhören. „Manche weinen“, sagt Ana. Nicht nur in Stuttgart. Auch in Berlin, am Potsdamer Platz, hat er schon auf einem öffentlichen Piano musiziert. Oder unter einer Spreebrücke. „Das war schön, das Wasser hat die Töne so weit getragen.“
Wenn er spielt, sei er über den Wolken, sagt Abdul. Ist er wütend, beruhigt er sich mit der „Passacaglia“. Manchmal spielt er „ein glückliches Lied in traurig“, umgekehrt gehe das nicht. Ohnehin nimmt er sich seine Freiheiten. Nicht jede Note muss stimmen, meist fängt er partiturgetreu an, um dann zu improvisieren, ein Barockstück mit Passagen aus Hip-Hop-Songs von Snoop Dogg zu kombinieren. „Du spielst es auf deine Weise“, sagt Ana, die angefangen hat, Videos von ihm auf Insta und Tiktok zu posten. Manche sagen, er solle doch die Musik zu seinem Beruf machen. „Ich weiß nicht“, sagt Abdul, „in einer Band zu spielen, wäre vielleicht ein Anfang.“
An diesem Tag hat er nicht so viel Zeit. Er spielt seine Klassiker: „Interstellar“, „Das Phantom der Oper“. Dann müssen Ana und er weiter. Aber morgen ist er ja wieder da.
Abdul Rahman Alali sucht eine Ausbildungsstelle als Kfz-Mechatroniker oder Vermessungstechniker. Wer zu ihm Kontakt aufnehmen will, schreibt an: familie@stzn.de