Die OPS wird der Schülermasse nicht Herr. Foto: Werner Kuhnle
Nach der Grundsatzentscheidung für die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium müssen viele Schulen Platz schaffen. Doch nirgendwo im Kreis Ludwigsburg ist die Situation so schwierig wie an der neugebauten Oscar-Paret-Schule in Freiberg – sie wurde für G8 geplant.
Draußen Klettergerüst, Teich und Grillstelle, drinnen viel Licht, viel Glas und gut gedämpfter Schülerlärm: die vor zwei Jahren eingeweihte Oscar-Paret-Schule (OPS) in Freiberg ist ein Schmuckstück und der modernste Schulbau im Kreis Ludwigsburg. Es gibt Raum für Gruppenarbeit, Projekte und die pädagogischen Konzepte der Zukunft. Nur für eines fehlt der Platz: für die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium.
Genau dies ist aber die neueste Entwicklung im baden-württembergischen Schulsystem. Eine Elterninitiative hat sie im Land durchgesetzt. Vieles ist noch unklar. Doch das Kultusministerium plant, dass schon die gegenwärtigen Fünftklässler zum kommenden Schuljahr in den G9-Zug wechseln, der dann an allen Gymnasien im Land G8 als Standardmodell ablöst. In dem so großzügig angelegten Neubau der OPS, unter deren Dach auch Real- und Gemeinschaftsschüler in sogenannten Lernhäusern unterrichtet werden, wird damit der Platz knapp.
Warum nicht für G9 geplant?
Das hat auch die Kommunalpolitik erkannt. „Natürlich reichen die Raumkapazitäten nicht aus, um G9 umzusetzen“, sagt der Bürgermeister Jan Hambach (SPD). Denn während an älteren Schulen noch Platz aus der G9-Zeit vorhanden sein dürfte, war in Freiberg von Anfang an für ein G8-Gymnasium geplant worden. Vor zehn Jahren sei man das Projekt angegangen. Damals sei eine Rückkehr zur neunjährigen Gymnasialzeit nicht absehbar gewesen. Und auch wenn sich in den folgenden Jahren die Kritik aus der Elternschaft an G8 immer stärker artikuliert habe, sei eine Umplanung nicht möglich gewesen, sagt Hambach. Nach den Förderrichtlinien sei nur das Raumprogramm für ein achtjähriges Gymnasium zuschussfähig gewesen. „Zusätzliche Räume hätte die Stadt Freiberg ganz alleine finanzieren müssen“, sagt Hambach.
Schulleiter Rene Coels vor der alten Oscar-Paret-Schule. Foto: Simon Granville/Simon Granville
Ohnehin war der Bau des 80 Millionen Euro teuren Schulhauses für die Stadt ein Kraftakt. Jetzt gebe es erneut Wünsche der Schule nach zusätzlichen Räumlichkeiten, doch für einen Anbau sieht Hambach keine Chance. Sein Plan ist es, zunächst alle Raumkapazitäten innerhalb des Gebäudes zu nutzen. Zwischen den Klassenzimmern befinden sich offene Hallen, so genannte Cluster. Sie stehen für Pausen zur Verfügung, aber auch fürs freie Arbeiten während der Schulstunden. Jetzt sollen sie abgetrennt und zu Klassenzimmern werden. „Wir prüfen gerade, wie viele Räume wir da herausbekommen können.“ Alternativ sei denkbar, Klassen ins Rathaus oder ins Veranstaltungsgebäude Prisma auszulagern.
Anderswo fehlt es an Fachräumen
Eine Sorge hat Hambach nicht: Die Fachräume würden auch für G9 ausreichen, sagt er. Das aber könnte an zahlreichen anderen Gymnasien im Kreisgebiet zum Problem werden. Bis der erste G9-Jahrgang die 13. Klassenstufe erreiche und damit erstmals tatsächlich zusätzliche Klassenräume nötig würden, vergingen sieben Jahre, rechnet der Leiter des Ernst-Sigle-Gymnasiums in Kornwestheim, Christoph Mühlthaler, vor. Bei G8 finde gegenwärtig aber ein guter Teil des Fachunterrichts am Nachmittag statt. Mit der Umstellung auf G9 und der damit einhergehenden Kürzung der Stundentafel für die einzelnen Klassenstufen, werde sich der Unterricht wieder auf den Vormittag konzentrieren. Durch die Stärkung des naturwissenschaftlichen Bereichs in den vergangenen Jahren „haben wir dort einen enormen Zuwachs beim Fachraumbedarf“, sagt Mühlthaler. Die Physiksäle könnten so zu einer großen Baustelle werden.
In der Oscar-Paret-Schule fehlen für G9 mindestens vier Klassenräume. Foto: Simon Granville/Simon Granville
Auch Jürgen Stolle vom Friedrich-List-Gymnasium in Asperg ist wegen des zusätzlichen Raumbedarfs bereits mit seinem Schulträger im Gespräch. Längst nutzen viele Schulen, die auf G9 ausgelegt waren, die freigewordenen Zimmer anderweitig. Veränderte Lernformate hätten zu einem größeren Bedarf geführt, sagt Nicole Stockmann von den Ellentalgymnasien in Bietigheim-Bissingen: Dort werden Klassenzimmer für Informatik, Naturwissenschaft und Technik oder die Schulküche gebraucht – „sie stehen nicht mehr zur Verfügung.“
Fast scheitert das Futurelab
Als Katja Kranich vom Stromberg-Gymnasium in Vaihingen/Enz ein Futurelab einrichten wollte, in dem Schüler Podcasts erstellen können, ließ die Stadt dies nur zu, weil es sich um einen kleinen Technikraum handelte. „Es gab die Ansage, dass wir keine Klassenräume mehr zweckentfremden dürfen, weil sie möglicherweise zukünftig wieder für Klassen gebraucht würden“, sagt Kranich. Eine zeitgemäße Weiterentwicklung des Unterrichts werde dadurch erschwert. Insofern hoffen manche auf die Folgen einer weiteren Reform. Künftig soll die Schulempfehlung der Grundschulen wieder verbindlich werden. Dadurch werde man weniger Schüler aufnehmen dürfen, sagt Nicole Stockmann: „Unter Umständen kann dies den zusätzlichen Jahrgang kompensieren.“
Immer mehr Gymnasiasten im Landkreis
Überblick Im Landkreis Ludwigsburg gibt es insgesamt 20 allgemeinbildende Gymnasien. Dazu zählen auch das evangelische Lichtenstern-Gymnasium in Sachsenheim und das Helene-Lange-Gymnasium in Markgröningen, das als so genanntes Aufbaugymnasium erst in Klasse 7 beginnt und in sieben Jahren zum Abitur führt. Grundständige G9-Züge gibt es bisher nur am Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marbach, dem größten Gymnasium im Land, und am Mörike-Gymnasium in Ludwigsburg.
Schülerzahl Für das Schuljahr 2024/25 wurden 2267 Fünftklässler an den öffentlichen Gymnasien im Kreis angemeldet. Das sind mehr als an den Gemeinschaftsschulen und Realschulen, wo es zusammen 1866 waren. Insgesamt besuchten im vergangenen Schuljahr 17 233 Schüler die 20 öffentlichen und privaten Gymnasien im Kreis. In den Schuljahren davor waren es erst 16 628 und dann 16 921 gewesen.