Einen Hüttenhund gibt es auch schon: Spax wird die beiden Pächter Luis Schneider (links) und Peter Weiger auf die Siegerlandhütte begleiten. Foto: Katja Weiger-Schick, Christine Weber, KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle
Peter und Luis, beide gebürtige Schwaben, suchen ein anderes Leben – nun haben sie eine Alpenhütte auf 2710 Metern Höhe gepachtet. Ein Wagnis, aber sie sind alles andere als Tagträumer.
Gerade mal 20 – und schon Aussteiger? Da lachen Peter Weiger und Luis Schneider nur. So viel wie in den vergangenen Monaten hätten sie noch nie gearbeitet in ihrem Leben, meinen sie: „Selbst wenn wir mal zum Entspannen ausgehen, schauen wir uns im Restaurant genau die Speisekarte oder das Geschirr an, ob wir daraus eine Inspiration mitnehmen könnten“, meint Peter. Das junge schwule Paar ist fokussiert: Im Juni geht es los, dann übernehmen sie als vielleicht jüngste Hüttenpächter der gesamten Alpen die Siegerlandhütte bei Sölden auf gewaltigen 2710 Metern Höhe. Und es gibt noch so viel zu tun.
Bei den meisten Menschen beginnt das Kopfkino zu surren, wenn sie sich vorstellen, sie würden einen ganzen Sommer oben in den Bergen verbringen. Erhebende Momente, wenn früh am Morgen die Sonne über die Gipfeln steigt. Fels und Schnee und blauer Himmel. Heilige Stille. Innerer Frieden. Und große Freiheit. Aber davon sprechen Peter und Luis kein einziges Mal, als wir uns in Nusplingen, einem kleinen Albdorf bei Balingen im Zollernalbkreis, treffen. Dort ist Peter aufgewachsen. Luis stammt aus Ehningen im Kreis Böblingen, lebt aber jetzt bei Peter. Der Dritte im Bunde ist der junge Golden Retriever Spax; er wird mit auf die Hütte kommen. Was also treibt sie an, sich für fünf Jahre auf eine Berghütte zu verpflichten?
Auf der Suche nach Erfüllung: Vom Studium zum Hüttenleben
Die Siegerlandhütte liegt oberhalb von Sölden auf 2710 Metern Höhe. Foto: Christine Weber
Luis Schneider hat ebenfalls viel Auslandserfahrung. Mit seiner Familie lebte er drei Jahre in Kalifornien. Was sein bisheriges Leben bestimmt hat, und Achtung, da geraten jetzt die Berge ins Blickfeld, war aber das Klettern: Als „Ball-Legastheniker“, wie Luis selbst sagt, sei er schon mit sechs Jahren beim Sportklettern gelandet. Mit 17 betrieb er sogar Leistungssport. Die Wettkämpfe mit viel Publikum gefielen ihm aber nie wirklich: „Ich fühle mich nicht wohl im Rampenlicht“, bekennt Luis ganz offen.
Neustart mit 20 Jahren
Im Roccadion, einer Kletterhalle in Böblingen, hat er schon während der Schulzeit Kletterrouten umgebaut. Nach dem Abitur stieg er dort als „Routesetter“ richtig ein und koordinierte zusätzlich die Dienstpläne der Mitarbeiter. Daneben begann er in Reutlingen, Wirtschaftsinformatik zu studieren: „Aber nach einem Semester wusste ich, wo ich lieber bin: draußen beim Klettern.“
Jetzt also sind sie beide 20 und wollen neu starten. Peter hat sich dabei auf Luis’ Leidenschaft eingelassen und klettert oft mit ihm – das Obere Donautal rund um Beuron mit seinen herrlichen Kletterfelsen liegt um die Ecke. Umgekehrt kultiviert Peter nun stärker ein eigenes Hobby, das ihnen auf der Siegerlandhütte nutzen wird: das Kochen. Schon seit er 14 gewesen sei, koche er gerne und oft. Diese Leidenschaft entfaltet er nun.
Peter und Luis können durch Erfahrung punkten
Aber was sagen die Eltern dazu, dass die beiden vorerst nicht studieren und keine Ausbildung machen, sondern sich auf das Wagnis einlassen, jahrelang eine Hütte zu führen? Ist dann der Zug für eine „ordentliche“ Berufsausbildung nicht abgefahren? „Im ersten Moment musste ich schon kräftig durchatmen“, erzählt Katja Weiger-Schick, die Mutter von Peter. Aber sie habe schnell gemerkt, mit wie viel Herzblut und mit wie viel kühlem Kopf die beiden ihren Traum verfolgten. Sie habe erkannt, dass ihr Sohn und Luis als Hüttenpächter keine Aussteiger und Träumer sein wollen, sondern sich als selbstständige Unternehmer betrachten. „Am Ende haben mir ihr Mut und ihre Unerschrockenheit imponiert“, so die Mutter. Sie habe nach dem Studium vorgehabt, ins Ausland zu gehen, es aber nie getan: „Das bereue ich heute.“
Tatsächlich ist es schnell vorbei mit der Bergromantik, wenn man sich die Dinge von nahem besieht. So muss man sich um eine Hütte wie auf einen normalen Arbeitsplatz bewerben. Peter und Luis haben ein Motivationsschreiben verfasst, ihre Lebensläufe beigelegt und eine Vision entworfen, wie sie die Hütte führen würden. Wichtig für die Sektionen ist natürlich Erfahrung, und da konnten Peter und Luis punkten: Luis war schon zwei Jahre, Peter ein Jahr für jeweils mehrere Wochen zum Arbeiten auf der Neuen Reichenberger Hütte in Osttirol. Zufällig hatte Luis 2024 die Ausschreibung entdeckt – es war ein Zeitvertreib gewesen, erst langsam wurde mehr daraus. So still führt einen das Schicksal in ein neues Leben.
Bei der Sektion gibt es keine Vorbehalte gegen das junge Paar
Die Sektion Siegerland im Deutschen Alpenverein hat Peter und Luis nach einem persönlichen Vorstellungsgespräch den Vorzug vor neun anderen Bewerbern gegeben. Man sei sofort auf der gleichen Wellenlänge geschwommen, erzählt Peter, und niemand habe Vorbehalte gehabt, weil sie so jung oder weil sie schwul seien. Das gab den beiden enormen Auftrieb.
Mittlerweile haben sie ein eigenes Unternehmen gegründet, damit zwischen ihnen beiden, aber auch steuerlich und rechtlich alles geregelt ist. Sie machen Kurse, wie die Hygiene in der Küche aussehen muss, wie man sich in den Matratzenlagern vor Bettwanzen schützt und wie man die Kläranlage der Hütte betreibt. Sie haben kalkuliert, wie viele Übernachtungen sie benötigen, um über die Runden zu kommen – 1800 müssten es sein, schon jetzt haben sie 2000, weil sie sich gut vernetzt haben mit den Wandervereinen. Und sie haben ein eigenes Bewerbungsverfahren gestartet und vier Helfer angestellt. „Wir tun alles, um als Anfänger nicht in jedes Fettnäpfchen zu treten“, sagt Peter: „Aber es wird trotzdem noch genügend geben, an die wir nicht gedacht haben.“
Luis Schneider (links) und Peter Weiger mit Spax. Foto: Katja Weiger-Schick
Vor allem versuchen sie sich immer selbst wieder zu erden: Es wird harte Arbeit werden auf der Hütte, das wissen sie, und zum Klettern und Wandern werden sie wenig Zeit haben. Trotzdem schwingt im Hintergrund die Sehnsucht mit, die die Berge hervorrufen und zugleich stillen. Peter fasst seine und Luis’ Motivation in diese Worte: „Die Arbeit auf einer Berghütte ist trotz aller Intensität etwas ganz Besonderes. Man arbeitet ein Stück weit abgeschieden von der Außenwelt, in einem außergewöhnlichen Panorama, übernimmt sehr unterschiedliche Aufgaben und erlebt dabei einen Arbeitsalltag, der unglaublich vielseitig und sinnstiftend ist. Genau diese Mischung macht es für uns so besonders.“ Am Ende also doch: Bergromantik verbindet sich mit einem Businessplan. Wen übrigens jetzt auch die Sehnsucht packt: Auf den Seiten des Alpenvereins werden derzeit für acht Hütten noch Pächter gesucht.
Die Siegerlandhütte liegt östlich des Ötztals oberhalb von Sölden, fernab der Skigebiete und fernab berühmter Wanderrouten. Wegen der Höhe hat die Unterkunft mit ihren 55 Betten nur von Ende Juni bis Mitte September geöffnet. Vom Trubel einer Unterkunft wie etwa der Kemptener Hütte bei Oberstdorf, wo der Fernwanderweg E 5 vorbeiführt und wo es 290 Schlafplätze gibt, ist die Siegerlandhütte weit entfernt.
Tagesgäste wird es wohl eher weniger geben
Eine entlegene Hütte ist es auch wegen des Zustiegs: Von Sölden sind es durch das Windachtal sechs Stunden Gehzeit und 1500 Höhenmeter – das schaffen nur Wanderer mit sehr guter Kondition. Mit einem allerdings nicht immer verkehrenden Bus kann man bis zu Fiegls Ausflugsgaststätte fahren, dann sind es „nur“ vier Stunden und 800 Höhenmeter. Der Wanderweg ist von seiner Schwierigkeit her aber rot markiert, also nur mittelschwer, grundsätzlich könnten schon Grundschulkinder die kürzere Variante schaffen. Aber wegen der Tourenlänge dürfte es auf der Siegerlandhütte kaum Tagesgäste geben, die auf einen Kaiserschmarren hereinschneien und dann wieder absteigen. „Aber für alle Wanderer, die sich heraufgemüht haben, wird diese Hütte etwas Besonderes sein“, ist Luis überzeugt.
Tatsächlich reizt viele Wanderer das Gebiet, gerade weil es noch relativ unbekannt ist. Wer hat schon mal vom vergletscherten Zuckerhüttl (3507 Meter) oder vom eher leichten Scheiblehnkogel (3060 Meter) gehört? Es gibt auch eine mehrtägige Wanderung durch „Söldens stille Seite“. Ein Schmankerl ist auch, dass die Hütte viele Zweibettzimmer hat; immer mehr Wanderer haben doch genug von miefigen Matratzenlagern mit ihren Schnarchgeistern und Raschelterroristen.
Die Hütte kann nur per Helikopter versorgt werden
Daneben entwickeln Peter und Luis gerade eine Schnitzeljagd für Kinder, damit die Hütte für Familien attraktiver wird. Und sie knüpfen Kontakte zu örtlichen Bauern, um möglichst viele regionale Produkte verwenden zu können. Ihr Anspruch ist es, fast alles frisch zu kochen, Knödel, Brot und Kuchen, abends soll es ein schlichtes viergängiges Menü geben. Dabei wird die Hütte ausschließlich über den Helikopter versorgt. Wenn alles gut geht, und danach sieht es aufgrund der Vorbuchungen aus, reichen die Einnahmen bei bescheidenem Lebensstil als Grunddeckel für das ganze Jahr.
So haben sie im übrigen Jahr Zeit, anderes auszuprobieren. Luis will weiter im Roccadion tätig sein, aber es gibt noch andere, unbestimmte Ideen: „Wir sind beide nicht so gestrickt, dass wir neun Monate nur herumhängen können“, sagt Peter. Welche Ideen genau in ihren Köpfen herumspuken, wollen sie jedoch noch nicht verraten.
„Wir funktionieren als Team – auch unter Stress“
Ein Wagnis ist die Pacht aber nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern auch wegen ihrer Beziehung. Seit vier Jahren kennen sie sich, und sie wirken wie ein gut eingespieltes Team, das sehr auf Augenhöhe und Respekt setzt. Aber hält das auch unter Stress und Anspannung? Peter und Luis glauben schon. Luis meint: „Wir haben auf der Hütte letztes Jahr und jetzt bei den Vorbereitungen gemerkt, dass wir als Team sehr gut funktionieren und uns auch in herausfordernden Situationen aufeinander verlassen können.“
Wie es dann irgendwann weitergeht in ihrem Leben, das lassen sie bewusst offen. Ein Studium oder eine Ausbildung sei nicht vom Tisch. Aber sie sind sich sicher, dass das Leben auf der Hütte so vielfältig sein wird, dass sie später genau wissen, in welche Richtung sie gehen wollen. Oben am Berg müssen sie kalkulieren und organisieren, kochen und Zimmer machen, reparieren und improvisieren, Chef und Vorbild sein und vor allem für alles die Verantwortung übernehmen. Sie sind überzeugt, der Berg wird sie reifer machen – und ihnen die Einsicht schenken, wo der Sinn ihres Lebens liegt.
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