Die Webseite ist hell, bunt und freundlich gestaltet, Fotos zeigen spielende Kinder, die Ärztin bei der Untersuchung. An einer Stelle heißt es: „Ich freue mich auf Sie und Ihre Kinder!“ Seit Neuestem folgt darauf ein rot unterlegter Text anderen Inhalts: Aus „gesundheitlichen Gründen“ habe sie sich „schweren Herzens dazu entschlossen, meinen kassenärztlichen Versorgungsauftrag zurückzugeben“, schreibt Kathrin Remshardt nun. Sie sei „sehr traurig, diesen Schritt gehen zu müssen“, dieser sei aber „leider alternativlos“, erklärt die Kinderärztin.
Die Nachricht der ehemaligen Obfrau der niedergelassenen Kinderärzte in Stuttgart sorgt für Wirbel, sowohl bei den Eltern ihrer rund 1200 kleinen Patienten, die sie im Quartal versorgt, als auch bei Kolleginnen und Kollegen. Der Mangel an Kinderärzten ist schon jetzt enorm – und wird sich durch den Schritt Kathrin Remshardts weiter verschärfen.
Mehr als 60 Stunden pro Woche
Zehneinhalb Jahre hat die 45 Jahre alte Kinderärztin die Praxis in Vaihingen nun betrieben, mit Leidenschaft, viel Engagement – und wachsender Belastung. Dass ihr der Abschied von der Kassenpraxis nicht leicht fällt, merkt man ihr an. Der Schritt sei aber „der einzige Weg, kurzfristig meine Arbeitsbelastung zu reduzieren, die in den letzten Jahren bei mehr als 60 Stunden pro Woche lag“, erklärt sie den Eltern. „Das steht auf keinem Schild, das ist aber die Realität“, betont die Medizinerin im Gespräch.
Ihr geliebter Beruf hat Kathrin Remshardt krank gemacht. Aufgebaut hat sich das Problem seit Längerem. Fünf Jahre hatte sie eine angestellte Ärztin, die in die Praxis einsteigen wollte, dann aber unerwartet ging, als sie selbst schwanger war. Also hat Remshardt bald nach der Geburt ihres heute vier Jahre alten Sohnes alleine weitergemacht. Auch danach fanden sich keine Kollegen, die länger geblieben wären. So habe sie sich weiter durchschlagen müssen, sagt Kathrin Remshardt. Konkret hieß das: jeden Morgen um 5.20 Uhr aufstehen, um 6 Uhr in der Praxis, das eigene Kind sah sie an zwei Nachmittagen nach 16 Uhr und am Wochenende.
Der zurückliegende Infektwinter: das Quantum zuviel
Als ob das nicht genug gewesen wäre, kam die Pandemie, die Zeit als Schwerpunktpraxis mit zusätzlichen Corona-Abstrichen in Vollmontur auf dem Parkplatz, mit Impfaktionen, stark verunsicherten Eltern. Das habe „bei allen Spuren hinterlassen“, betont die Fachärztin für Kinderheilkunde, Jugendmedizin und Neonatologie. „Das hat mehr Energie gekostet als gedacht.“ Der zurückliegende, in der Folge von Corona alles Bisherige übersteigende „Infektwinter“ hat die Medizinerin dann über das erträgliche Maß hinaus belastet.
Mitte Februar wurde die 45-Jährige krank, fiel einige Wochen aus, machte aber weiter, so gut es ging. Auch der Osterurlaub brachte nicht die erhoffte Erholung. „Es wurde nicht wieder“, stellt Kathrin Remshardt resigniert fest. Bis heute ist sie schwer angeschlagen, hat ständig Fieber, trotz aller Behandlungen. Nach umfassenden Untersuchungen ohne klare Diagnose, nach Hoffnungen, einem Prozess des Abwägens und der Suche nach Lösungen zieht sie die Notbremse. Vom 1. Juli an wird sie nur noch Privatpatienten behandeln, etwa ein Fünftel ihres Patientenstamms, auch wenn sie sich dadurch wirtschaftlich deutlich schlechter stellt.
Absage sorgt für größere Probleme
Dass ihre Patienten jetzt unversorgt sind, war nicht geplant und belastet die Kinderärztin selbst. Bis vorige Woche standen die Chancen gut, dass ein Kollege in nicht allzu großer räumlicher Distanz den Kassensitz und damit die Patienten übernehmen würde. Dann kam doch eine Absage.
Warum alles so kam, darüber hat Kathrin Remshardt sich viele Gedanken gemacht. Sie nennt die überbordende Bürokratie, mit der die niedergelassenen Ärzte sich herumschlagen müssen, die Allzuständigkeit von der Hygiene über die Arbeitssicherheit bis hin zur IT. „Die Einzelpraxis funktioniert nicht mehr“, stellt sie fest.
Es kommen immer neue Probleme dazu
Auch die mangelnde Kleinkindbetreuung wegen fehlender Kitaplätze, die sich negativ auf die Entwicklung vieler Kinder auswirke, und die vielen komplizierten psychosozialen Probleme, mit denen Familien heute kommen, erhöhten die Zahl der Arztbesuche und ließen den Beratungsbedarf weiter steigen. „Das alles landet beim Kinderarzt“, sagt Remshardt, obwohl für viele Probleme andere Stellen zuständig wären. Auch der Medikamentenmangel führe dazu, dass man häufig „zuerst mit einer Handvoll Apotheken telefonieren muss“, um zu erfahren, welches Ersatzprodukt infrage kommt. Das brauche zusätzlich viel Zeit, „die man nicht hat“.
Für ein großes Problem hält die Kinderärztin auch „die riesige Nachfrage der Eltern und den Druck durch Vorstellungswünsche“. Diese seien durch Corona nachhaltig verstärkt worden. Vielen Eltern wäre nicht mehr bewusst, „dass es einfach dazugehört, dass ein Kind auch mal krank ist, Fieber hat und man es nicht sofort bei jedem Symptom schon ärztlich vorstellen muss“, beschreibt die Kinderärztin die Entwicklung. Dieses Verhalten habe sich „massiv verändert, so dass es fast nicht mehr leistbar ist“, betont Kathrin Remshardt.
Auswirkungen auf den Alltag
Auch andere Kinderärzte in Stuttgart kennen diese Probleme – die sich jetzt noch verschärfen werden. Das „kurzfristige Ausscheiden“ der Kollegin aus der kassenärztlichen Versorgung bedeute „eine drastische Zuspitzung der sowieso schon angespannten Versorgungslage“, sagt Kristina Heyt, die zum neuen Obleuteteam der Stuttgarter Kinder- und Jugendärzte gehört. „Viele Kassenpatienten sind aus dem Nichts ohne Kinderarzt.“ Das wirkt sich auch in ihrem Alltag in der Gemeinschaftspraxis im Stuttgarter Süden aus. „Die Patienten wissen nicht wohin und rufen alle Praxen an“, sagt Kristina Heyt. Alleine am Vortag seien in ihrer Praxis 30 Anrufe eingegangen, mit entsprechenden Folgen für den Betrieb. Einen konkreten Plan, wie die Patienten unter den Kollegen verteilt werden sollen, gebe es nicht. Man arbeite aber an einem Konzept.
Die Probleme der Kinderarztpraxen sieht Kristina Heyt ebenso wie Kathrin Remshardt: Die Beratungen würden „zeitintensiver“, es gehe vermehrt um pädagogische und soziale Probleme und um „Förderthemen“, die Unsicherheit der Eltern sei groß. Vom Mobbing in der Schule bis zur Frage nach dem richtigen Kindersitz reichten heute die Fragen in der Praxis, illustriert die Ärztin die Lage. „Der medizinische Aspekt gerät immer mehr in den Hintergrund, weil die Fachkräfte an anderer Stelle fehlen.“ Dadurch werde „die Versorgungssituation immer schlechter“, in der Folge fehle die Kapazität für neue Patienten.
Stärkerer Andrang in den anderen Praxen
Auch an die Adresse der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) ist Heyts Forderung nach einem Konzept für die Verteilung der Patienten gerichtet und die Frage, was aus dem freien Kassensitz wird. Man habe im vorigen Jahr, als der Kinderarzt Thomas Jansen nach Jahren erfolgloser Nachfolgesuche aus Altersgründen in Neugereut seine Praxis geschlossen hat, „Hunderte von Patienten übernommen“, betont die Medizinerin. Aber das müsse koordiniert werden.
Auch bei der KV bedauert man den Verlust einer Kassenkinderarztpraxis. Man bemühe sich aber bereits „um die Nachbesetzung des vakanten Praxissitzes“, erklärt Björn Weiße, der Leiter Zulassung und Sicherstellung bei der KV. Man habe auch schon einiges unternommen zur Entspannung der Lage. So sei erst im März „die Entbudgetierung der Kinder- und Jugendmedizin beschlossen worden“, sagt Weiße. Dadurch könnten Kinderarztpraxen „mehr Angestellte über die Begrenzung des Honorarvolumens hinaus beschäftigen“.
Auf dem Papier ist die Lage in Stuttgart nicht schlecht
Der Bereichsleiter macht aber auch deutlich, dass man insbesondere bei den Kinderärzten „eine zunehmende Nachwuchsproblematik“ beobachte. Insgesamt gebe es zwar sogar „einen Zuwachs an Ärztinnen und Ärzten pro Jahr“, erklärt Björn Weiße. Allerdings nehme „die Anzahl der Versorgungsaufträge ab“. Es sei „eine Herausforderung“, junge Nachwuchsmediziner „für die Selbstständigkeit zu gewinnen“. Weiß nennt es deshalb „eine bittere Gewissheit, dass nicht alle kinder- und jugendärztlichen Praxen eins zu eins nachbesetzt werden können“.
Immerhin auf dem Papier und auf der Basis einer Festlegung aus den frühen 1990er Jahren ist Stuttgart mit Kinderärzten sogar etwas überversorgt, mit 51,75 Kinderarztsitzen liegt der Versorgungsgrad bei 114,4 Prozent. „Dies entspricht aber nicht der Realität“, betont Stefan Ehehalt, der Leiter des Gesundheitsamts der Stadt Stuttgart. „Wir haben keinen offenen Sitz, aber einen Mangel“, beschreibt er die Lage.
Gesundheitsamt plant Gegenmaßnahmen
Er ist mit der Sache befasst, seit Thomas Jansen seine Praxis altershalber aufgegeben hat und viele Kinder unversorgt waren. Darauf hat die Stadt einen Runden Tisch einberufen, bei dem neben der ärztlichen Seite auch Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit vertreten sind. Auch Ehehalt sieht in der Bürokratie und in zusätzlichen Aufgaben Hauptprobleme für die Lage der Kinderheilkunde. Es werde für die Praxen aber auch immer schwerer, medizinische Fachangestellte zu finden, weil diese in relevanter Zahl „in andere Bereiche“ abwandern.
Was die Stadt tun kann, soll schon bald im Rat erörtert werden. Man arbeite an einem „umfassenden Paket“ zur Verbesserung der Verhältnisse, das schon bald vorgelegt werden soll, verspricht Ehehalt. Sein Ziel ist, in den Stadtbezirken ein einigermaßen vergleichbares Angebot zu erreichen. „Wir brauchen eine wohnortnahe Versorgung“, macht Stefan Ehehalt deutlich. Um dies zu schaffen, hält der Gesundheitsamtsleiter zusätzliche Kinderarztsitze durch eine „Sonderbedarfszulassung“ für wichtig.