Paralympics-Athletin aus Stuttgart Anja Wicker holt vier Medaillen – und ist trotzdem enttäuscht

Anja Wicker holte bei den Paralympics im italienischen Val di Fiemme vier Medaillen – und war über diese sportliche Ausbeute sehr glücklich. Foto: Imago/Beautiful Sports International, NurPhoto

Anja Wicker ist eine der besten Para-Sportlerinnen der Welt – und weiter voll motiviert: Das Fernziel der Stuttgarterin sind die Paralympics 2030 in Frankreich. Dafür arbeitet sie hart.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Wer im Winter gewinnen will, muss im Sommer hart arbeiten. Diese Regel gilt für alle Athletinnen und Athleten, die auf Eis und Schnee unterwegs sind – auch für Anja Wicker (34). Weshalb die Biathletin und Langläuferin nach ihren vier Medaillen bei den Paralympics in Italien nur kurz durchgeatmet hat. Seit 1. Mai ist sie wieder unterwegs auf den Feldwegen zwischen Stuttgart-Stammheim, wo sie lebt, und Ludwigsburg, spult Kilometer für Kilometer ab. „Es fühlt sich an, als wäre dort mein zweites Wohnzimmer“, sagt sie, „die Grundlagen für Erfolge werden im Sommer gelegt. In dieser Zeit muss man sich am Limit bewegen.“

 

Anja Wicker kam mit dem kaudalen Regressionssyndrom zur Welt, sie ist seither auf den Rollstuhl angewiesen. Und wurde zu einer der besten Para-Athletinnen der Welt. Sie startete bei vier Paralympischen Spielen, holte 2014 in Sotschi (1x Gold, 1x Silber), 2022 in Peking (1x Bronze) und 2026 in Tesero (2x Silber, 2x Bronze) sieben Medaillen. Doch der Ehrgeiz der zweimaligen Weltmeisterin und achtmaligen Gesamtweltcupsiegerin ist weiterhin groß. Ihr Fernziel sind die Spiele 2030 in den französischen Alpen, die sie jetzt schon motivieren, zwölf Trainingseinheiten pro Woche auf Skirollern oder mit dem Handbike abzuspulen und sich im Kraftraum zu schinden. „Die Weltspitze wird immer breiter“, erklärt Anja Wicker, die sich über die starke Konkurrenz freut: „Es ist superschön, dass es schwieriger wird, etwas zu gewinnen.“ Weil es keinen besseren Antrieb gibt.

Die erste Medaille war wie eine Erlösung für Anja Wicker

Auch im italienischen Val di Fiemme gehörte Anja Wicker zu den Athletinnen, die das Tempo bestimmten. Ihr Anspruch war, es bei den Paralympics 2026 einmal aufs Treppchen zu schaffen. Dies gelang ihr schon im ersten Rennen: im Biathlon-Sprint holte sie Bronze. „Das war wie eine Erlösung“, sagt sie, „es ging dabei weniger um Druck, sondern um die Erfüllung von Träumen.“

Auf dem Weg zur nächsten Medaille: Anja Wicker. Foto: Imago/Laci Perenyi

Es folgte gleich am nächsten Tag mit 19 Treffern bei 20 Schüssen Rang zwei im Biathlon-Einzel, anschließend gab es noch Bronze in der Verfolgung und zum Abschluss, im siebten Rennen innerhalb von neun Tagen, Silber im Marathon: „Es war meine erste Paralympics-Medaille im Langlauf und ein geniales Ende. Sportlich ist es einfach top gelaufen, darauf bin ich sehr stolz.“ Die Spiele im sonnigen Fleimstal hatten allerdings auch ihre Schattenseiten.

Anja Wicker: „Es war lieblos“

Anja Wicker war, wie alle im deutschen Team, mit hohen Erwartungen zu ihren ersten Paralympics in den Alpen gereist. Doch schon die Eröffnungsfeier sorgte für Ernüchterung („Sie war nicht für die Athleten gemacht, sondern nur fürs TV“), und auch ansonsten vermisste die Stuttgarterin das Flair. Die Wettkampforte waren weit voneinander entfernt, im Dorf und bei den Wettkämpfen kam nur selten Stimmung auf. „Es war lieblos“, sagt Anja Wicker, „ich hatte auf eine andere Atmosphäre gehofft.“ Und dazu kamen noch selbst verursachte Diskussionen.

Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) hatte – anders als die Olympia-Macher vom IOC – die Sanktionen gegen Russland aufgehoben, russische Athletinnen und Athleten durften ohne Einschränkungen teilnehmen. Die Flagge wurde gezeigt, die Hymne gespielt, ungeachtet der Frage, welche Sportler den Angriffskrieg gegen die Ukraine unterstützt haben, und im Wissen, dass es in Russland viel weniger Dopingkontrollen als anderswo gegeben hat. „Ich war geschockt, als die Rückkehr Russlands verkündet wurde, das war unvorstellbar und schlimm“, erklärt Anja Wicker, „es gibt bei uns ein sehr großes ukrainisches Team, die Athleten kennen wir seit 15 Jahren. Sie haben schreckliche Geschichten über den Krieg erzählt.“ Auch deshalb sagt die Biathletin und Langläuferin: „Es waren die am wenigsten schönen Spiele, die ich erlebt habe. Wir mussten uns zu positiven Gefühlen zwingen.“ Und trotzdem, oder gerade deshalb, will sie weitermachen.

Sport, erklärt Anja Wicker, sei ihre „große Leidenschaft“. Dazu kommt, dass sie sich sportlich derzeit „so gut wie nie zuvor“ fühlt. Und auch die Rahmenbedingungen stimmen. Seit August 2023 ist die Stuttgarterin Teil des Zoll-Skiteams und Beamtin. Sie kann sich voll auf den Sport konzentrieren, ist finanziell abgesichert und hat für die Zeit nach der Karriere eine berufliche Perspektive. „Das alles ist ziemlich perfekt“, sagt sie, „ich konnte das, was ich am liebsten tue, zu meinem Beruf machen. Das will ich nun noch möglichst lange genießen.“

Auf jeden Fall bis zu den Paralympics 2030. In den französischen Alpen hofft Anja Wicker auf die Stimmung, die es zuletzt in Italien nur selten zu erleben gab. „Frankreich wird anders“, sagt sie mit einem Lachen, „auch wenn das schon wieder ziemlich hohe Erwartungen sind.“ Die aber helfen, sich zu motivieren. Zum Beispiel für die harte Arbeit im Sommer.

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