Partnerschaft Beziehungskiller Kritik – Auf Nörgeln folgt selten Zuwendung
Keiner mag es, wenn ständig an einem herumgenörgelt wird. Trotzdem fällt das vielen Paaren leichter, als sich gegenseitig für Positives zu loben. Warum eigentlich?
Keiner mag es, wenn ständig an einem herumgenörgelt wird. Trotzdem fällt das vielen Paaren leichter, als sich gegenseitig für Positives zu loben. Warum eigentlich?
Ein Paar trifft sich abends in der Küche. Der Mann kocht und erzählt nebenbei etwas. Die Frau hat ihr Handy in der Hand. Plötzlich wird er sauer: „Immer starrst du auf dein Telefon, nie hörst du mir zu!“ Und schon ist der schönste Streit in Gange. Hätte er besser nichts gesagt? Wäre der Abend dann friedlicher verlaufen?
„Das vielleicht schon“, sagt Paartherapeutin Natascha Schumann-Beck. Trotzdem sei es wichtig, auf Dinge hinzuweisen, die einem in einer Beziehung nicht gefallen oder nicht gut tun. Die Frage sei nur, wie man das tut. „Gut sind wir alle in der Regel im Kritisieren“, erklärt Schumann-Beck. Das komme daher, dass in der Gesellschaft verbreitet der Glaube herrsche, nur wenn man auf die Defizite hinweise, ist der Ansporn groß genug, etwas zu verändern.
„In Beziehungen bekommen wir langfristig vom anderen aber nie das, was wir kritisieren. Denn Kritik führt immer zu einer Abwehrhaltung und zu einem ,ja, aber...‘“, sagt Paartherapeut Eric Hegmann. Das Nervensystem nehme den kritisierenden Partner als Bedrohung wahr. „Und um uns davor zu schützen, sind Verteidigung oder ein Gegenangriff eben wirksamer als Zuwendung“, so Hegmann, von dem kürzlich auch ein Buch zu eben diesem Thema erschienen ist („Das Buch von dem du dir wünschst, du hättest es vor deiner Trennung gelesen“, Hoffmann und Campe).
Im anfangs beschriebenen Beispiel wird die Frau also vermutlich entweder ihr Verhalten rechtfertigen („Ich musste aber noch kurz ein Geburtstagsgeschenk bestellen“) oder kontern („Aber du hängst doch auch ständig am Handy“). Was der Mann eigentlich erreichen wollte, nämlich Aufmerksamkeit von seiner Partnerin, endet in gegenseitigen Vorwürfen. Der Grund: „Sobald ich kritisiere, bin ich nicht mehr auf der Sachebene (Das Handy stört die Aufmerksamkeit), sondern auf der emotionalen Ebene und da greifen dann eben unsere Abwehr-Mechanismen“, so Hegmann.
Wie aber schafft man es, negative Äußerungen des Partners auf der Sachebene annehmen zu können? „Dazu muss ich mein Nervensystem trainieren und das gelingt am besten, indem wir den Partner viel mehr loben und damit abrüsten“, sagt Eric Hegmann. Würde man im täglichen Umgang merken, dass der andere durchaus wahrnimmt, was alles gut läuft, wo man sich Mühe gibt, sich in die Partnerschaft einbringt, dann würde bei einem kritischen Wort nicht gleich der Abwehrmechanismus einsetzen, weil man wüsste: das stellt jetzt nicht die grundsätzliche Wertschätzung oder gar die komplette Beziehung infrage, das ist keine generelle Abrechnung mit meiner Person (Kritik), sondern ein konstruktives Feedback. „Beim Feedback bleibt man bei der konkreten Situation und stellt weniger das in den Mittelpunkt, was der andere falsch macht, sondern vielmehr das, was es bei einem selbst auslöst“, erklärt Natascha Schumann-Beck. Um das zu üben, empfiehlt sie Paaren beispielsweise regelmäßig, sogenannte Zwiegespräche zu vereinbaren.
Dazu könne man auch Gesprächsregeln festlegen wie: Jeder bekommt eine gewisse Redezeit, in der er nicht unterbrochen wird. Man äußert keine Vorwürfe, sondern benennt die eigenen Gefühle (Was fehlt mir? Was bräuchte ich?). „So staut sich erst gar nicht so viel an, was in einer konkreten Situation dann zu einer Generalabrechnung in kritischem Tonfall geäußert werden könnte“, sagt Natascha Schumann-Beck.
Eric Hegmann zufolge kann jedoch schon allein der Vorschlag für ein solches Zwiegespräch beim Partner Ablehnung erzeugen, nach dem Motto: Das wird sowieso nicht funktionieren, dafür haben wir gar keine Zeit. „Wenn ich das gleich vorwegnehme und sage: Meine Vermutung ist, du hast hier folgende Bedenken...“, dann nehme ich die Abwehr des Partners als Schutzstrategie ernst und ihm damit auch den Wind aus den Segeln“, so Hegmann.
Eine ähnliche „Ja, aber“-Haltung würden auch viele einnehmen, wenn er vorschlage, den Partner mehr zu loben. „Das fällt uns ja auch oft deswegen so schwer, weil es sich unfair anfühlt, beim anderen positiv hervorzuheben, dass er den Abwasch gemacht hat, obwohl man das selbst auch ständig macht, ohne dass es entsprechend gewürdigt wird“, sagt Eric Hegmann.
Dennoch lohne es sich, aktiv selbst in solche Experimente für die Beziehung zu investieren – statt darauf zu warten, dass der andere sich schon von sich aus ändern wird. „Das muss scheitern. Die einzige Person, die wir ändern können, sind wir selbst“, so Hegmann. Beziehungen würden sich nie durch Forderungen ändern, sondern nur durch Selbstverantwortung. Im Idealfall ziehe der Partner dann mit. „Und wenn ich merke, es bin immer nur ich, der investiert, dann kann ich immer noch gehen“, sagt Eric Hegmann.
Der amerikanische Psychologe John Gottman hat den Schlüssel für eine glückliche Beziehung auf eine sehr einfache Formel heruntergebrochen: Auf jede negative Interaktion sollten mindestens fünf positive folgen. Denn positive Gesten und Interaktionen können dabei helfen, Spannungen abzubauen, Empathie zu zeigen und eine wertschätzende Atmosphäre zu schaffen. Als Anregungen nennt er: Lachen, interessiertes Zuhören, Komplimente, liebevolle Blicke, Entschuldigungen, das Betonen von Gemeinsamkeiten wie das Akzeptieren von unterschiedlichen Perspektiven sowie die bewusste Wertschätzung positiver Eigenschaften.