Paukenschlag in Kornwestheim Wegen NS-Vergangenheit: Neuer Name für Ernst-Sigle-Gymnasium

Ernst Sigle ist Ehrenbürger in Kornwestheim und Namensgeber des Gymnasiums. Ein Gutachten legt der Stadt nahe, die Schule umzubenennen. Foto: Stadt Kornwestheim/Anne Rheingans

Ein Gutachten zur Rolle Ernst Sigles in der Nazi-Zeit schlägt Wellen in Kornwestheim (Kreis Ludwigsburg). Der Ehrenbürger und Salamander-Macher war beteiligt an NS-Unrecht.

Ludwigsburg: Frank Ruppert (rup)

Mit vielen Jahrzehnten Verspätung hat sich Kornwestheim aufgemacht, die NS-Vergangenheit des Ehrenbürgers und Salamander-Lenkers Ernst Sigle professionell untersuchen zu lassen. Das Ergebnis ist so klar, dass es die Verwaltung und den Gemeinderat zum Handeln zwingt.

 

Aber der Reihe nach: Fragen, unter anderem aus der Schülerschaft des Ernst-Sigle-Gymnasiums, zur Historie des Namensgebers haben das Rathaus um Oberbürgermeister Nico Lauxmann 2025 dazu veranlasst, die Historikerin Anne Sudrow zu einem Gutachten über den 1960 verstorbenen Sigle zu beauftragen. Seit längerem ist bekannt, dass das Unternehmen Salamander während der Nazi-Diktatur Zwangsarbeiter einsetzte.

Ernst Sigle wurde 1872 geboren. Sein elf Jahre älterer Bruder Jakob gründete 1891 gemeinsam mit Max Levi eine Schuhfabrik aus der Salamander hervorging. Das Unternehmen prägte die Stadt Kornwestheim, weil es über die Jahrzehnte tausenden Menschen Arbeit gab und viele wegen ihm überhaupt erst nach Kornwestheim zogen.

Salamander-Erfolg zentral

Der wirtschaftliche Aufstieg von Salamander ist eng mit dem Wachstum der Stadt verbunden und so wurde Ernst Sigle bereits 1927 zum Ehrenbürger Kornwestheims. Er hatte als Teilhaber und Technischer Leiter maßgeblichen Anteil am Erfolg Salamanders. Anders als bei seinem Bruder Jakob, der 1935 starb, und bei seinem Bruder Christof, der 1930 starb, war Ernst Sigle auch während der Nazi-Zeit unter anderem als Aufsichtsratsvorsitzender zentral in die Unternehmensführung eingebunden.

Historikerin Sudrow kommt nach ihren Untersuchungen zu einem deutlichen Urteil: Das Ernst-Sigle-Gymnasium sollte einen neuen Namen erhalten und auch die Ehrenbürgerwürde sollte aberkannt werden.

Das Salamander-Areal am Personenbahnhof prägt bis heute Kornwestheim städtebaulich. Foto: Werner Kuhnle

Die Unternehmensleitung der Salamander AG habe sich schon früh an das nationalsozialistische Regime angepasst, heißt es in dem 122-Seiten langen Werk Sudrow, das auf der städtischen Homepage abgerufen werden kann. Das Unternehmen zog aus den politischen Veränderungen nach 1933 bereitwillig Vorteile. So wurden politische Gegner des Regimes aus dem Betrieb gedrängt, Mitbestimmungsstrukturen der Beschäftigten beseitigt und das Vermögen der zerschlagenen Gewerkschaft dem Einflussbereich des Unternehmens zugeführt.

Von „Entjudung“ profitiert

Ein weiterer zentraler Befund betrifft die sogenannte „Entjudung“ des Unternehmens. Das Gutachten beschreibt, wie jüdische Personen aus der Firmenleitung und aus dem Unternehmen verdrängt wurden und dass die Nachfahren der Mitgründerfamilien Levi und Rothschild ihre Anteile unter den Bedingungen nationalsozialistischer Verfolgung zu für sie nachteiligen Konditionen veräußern mussten.

Von besonderem Gewicht ist die Einschätzung der Historikerin zur Rolle Ernst Sigles innerhalb des Unternehmens. Sudrow beschreibt ihn nicht als Randfigur oder rein repräsentativen Senior, sondern als einen wichtigen Entscheidungsträger der Salamander AG. Als Aufsichtsratsvorsitzender und technischer Oberleiter ohne erkennbare Distanz zur NS-Ideologie war er eng in organisatorische, wirtschaftliche und technische Abläufe eingebunden.

Menschenversuche für Schuhe

Das Gutachten zeigt außerdem, dass das Unternehmen in erheblichem Umfang von Zwangsarbeit profitierte und dass die Unternehmensleitung bestehende Möglichkeiten, die Lebensbedingungen der Betroffenen zu verbessern, nicht ausgeschöpft hat. Erheblich belastend ist nach den Feststellungen der Historikerin die Rolle der Salamander AG im Zusammenhang mit der Schuhprüfstrecke im Konzentrationslager Sachsenhausen.

Dort wurden KZ-Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen gezwungen, neue Materialien und Schuhmodelle zu testen. Sudrow beschreibt die Salamander AG als ein Unternehmen, das bei Gründung, Nutzung und Verwertung der dortigen Menschenversuche eine führende Rolle spielte. Die Historikerin geht davon aus, dass Ernst Sigle über diese Vorgänge informiert und in die Planung und Nutzung dieser Versuche eingebunden war.

Schwierige Recherche

Ebenso stellt das Gutachten fest, dass das Bild Ernst Sigles nach 1945 über Jahrzehnte hinweg von Auslassungen, Verharmlosungen und Beschönigungen geprägt war. In der Nachkriegszeit habe sich ein positives, teils heroisierendes Bild seiner Person verfestigt. Gleichzeitig hat Sudrow herausgefunden, dass Sigle nach dem Krieg wohl mit dafür sorgte, dass zwei durch die Nazi-Zeit belastete Männer Führungspositionen bei Salamander bekamen.

Sudrows Recherchen waren wohl nicht einfach. Bei Salamander finden sich keine Unterlagen über die NS-Zeit. Offensichtlich, sagt Sudrow, wurden diese vernichtet oder beiseite geschafft. Auch deswegen sei es schwer etwa mit direkten Schriftstücken von Ernst Sigle dessen Mittäterschaft zu belegen. Für die Historikerin ergibt sich die Belastung daher aus seiner Rolle im Unternehmen.

Das ganze Thema ist für Kornwestheim auch nach so vielen Jahren kein einfaches. Zu sehr gehört das Unternehmen zur DNA der Stadt und ist der Name Sigle noch in der Stadt allgegenwärtig, auch wenn es keine direkten Nachfahren Ernst Sigles mehr in Kornwestheim gibt. Dennoch herrscht auch bei den Fraktionsvorsitzenden aus dem Gemeinderat einhellig die Ansicht, dass die Aufarbeitung notwendig war, auch wenn dies viel zu spät geschieht.

Nun wird wahrscheinlich die Ehrenbürgerwürde entzogen und auch das Gymnasium soll einen neuen Namen erhalten, nach Öffentlichkeitsbeteiligung und Gemeinderatsbeschluss. Historikerin Sudrow hat auch schon einen persönlichen Favoriten als neuen Namen: Vera Friedländer. Die hat es von der Zwangsarbeiterin bei Salamander bis zur Professorin gebracht.

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