Perücken für fromme Frauen Die Sheitel-Macherin

Von Iris Mostegel 

Die Winerein Daniela Kaner ist erst 21 Jahre alt, aber sie hat schon einen floririerenden Salon: die orthodoxe Jüdin fertigt Perücken. Denn fromme Frauen schneiden nach der Heirat ihre Haare ab und tragen einen sogenannten Sheitel.

Daniela Kaner verarbeitet nur Haare, die auch das Zertifikat  koscher  haben. Foto: Mostegel
Daniela Kaner verarbeitet nur Haare, die auch das Zertifikat koscher haben. Foto: Mostegel

Wien - Vor zwei Jahren hatte sie nur ihre Geige und wenig Geld. Dafür ein Faible für Frisuren und eine zündende Idee: Die 19-jährige Wiener Musikstudentin Daniela Kaner wollte Perückenmacherin werden, genauer gesagt: Sheitel-Macherin, wie es im Jiddischen heißt. Ihre Mutter rümpfte zunächst die Nase, doch der Ehemann fand es gut und ihre deutsche Dogge Napoleon, die hatte nichts mitzureden. Kurz entschlossen reiste Kaner nach Israel, wo sie eine Sheitel-Schule aufsuchte. Dort studierte sie die Eigenheiten von Perückenhaar in Theorie und Praxis und lernte schneiden, legen und föhnen. Mit dem Ausbildungszertifikat kehrte sie nach Hause zurück. Dort machte das Wort rasch die Runde und seither geben sich Wiens orthodoxe Jüdinnen bei der jungen Sheitel-Macherin die Klinke in die Hand.

Heute sitzt die 21-Jährige in ihrem winzigen Studio in Wien-Leopoldstadt. Hier wohnen die meisten der knapp 4000 or­thodoxen Juden der österreichischen Metropole. Die Wände des Studios sind rosa getönt. In den Regalen, warten Perücken mit Namen wie Sabina, Lorella und Brenda auf ihre Käuferinnen. Die günstigste kostet 700 Euro, die teuerste einen Tausender mehr. „Auch Perückenhaar“, sagt die Sheitel-Macherin, „kann splissen oder ausfallen. Die Pflege ist komplizierter als für normales Kopfhaar.“

Kaner trägt selber eine Perücke

Kaner selbst trägt auch einen Sheitel und folgt damit einer Vorschrift, die auf der Thora begründet ist. Nach der Heirat, muss eine fromme Jüdin ihr Haar in der Öffentlichkeit bedecken, ein Signal an die Außenwelt, nicht mehr verfügbar zu sein. Es zeigt eine klare Grenzziehung zwischen Öffentlichem und Privaten: der Anblick des Frauenhaars ist nur dem Ehemann vorbehalten. „Außerdem“, sagt Kaner, „geht es darum, unauffällig für andere Männer zu sein.

Das alles hat mit dem übergeordneten Konzept der Zniut zu tun.“ Zniut – übersetzt Bescheidenheit – ist ein Schlüsselbegriff im Judentum: ein umfassendes Lebensgebot, wonach die Gläubigen in Worten und Taten und eben auch in der Bekleidung anständig, unauffällig und zurückhaltend durch die Welt gehen mögen. Bei Frauen beinhaltet das neben gewissen Kleidungsvorschriften – Röcke statt Hosen und bis zum Ellbogen reichende Ärmel – eben auch die Haarbedeckung. „Das nimmt nichts von mir, es gibt mir etwas dazu“, sagt die 21-Jährige, die sich selbst als modern-orthodox bezeichnet. Kaner sucht nach den richtigen Worten. Dann lächelt sie. „Man kann es mit einer Königin vergleichen. Die ist edel und nobel und hat es nicht nötig, alles von sich preiszugeben.“

Musliminnen mit Kopftuch fallen immer auf

 Doch entspricht ein Sheitel überhaupt dem Geist des Gebots? An dieser Frage scheiden sich die Meinungen. Sephardische Juden sagen, eine Perücke verfehle den Sinn der Sache. Sie propagierendas Tragen eines „Tichels“, also eines Kopftuchs oder eines Huts. Auf der anderen Seite argumentieren die aschkenasischen Juden vor allem damit, dass eine Perücke weniger auffalle und damit eine Frau vor möglichen Anfeindungen besser schütze. „Ich sehe das ja hier bei Musliminnen mit Kopftuch. Die werden sofort anders behandelt“, sagt Kaner. Ihr geblümter Rock wippt im Takt des Sprechens. „Mit einer Perücke habe ich meine Ruhe, gleichzeitig achte ich die Religion.“ Doch in einem sind sich alle Orthodoxen einig: das Bedecken des Haars ist für strenggläubige Jüdinnen eine Pflicht, eine Pflicht, die bis heute auch die junge Generation nicht in Frage stellt.

Sheitel ist nicht gleich Sheitel: Ist das Haar lang, ist es dicht? Handelt es sich um billiges Kunst- oder um teures Echthaar? Fall es es echt ist, wo stammt es her? Diese Faktoren bestimmen den Preis. Unbemerkt von der Öffentlichkeit floriert das Geschäft mit den echten Haaren, weltweit konkurrieren Firmen um den Markt. Es ist ein krisensicheres Gewerbe; denn neben orthodoxen Jüdinnen als fixe Klientel haben auch Frauen, die durch eine Chemotherapie ihre Haare verloren haben, großen Bedarf. Echthaar aus Brasilien, aber auch aus Russland ist besonders beliebt.

Das Haar braucht ein Koscher-Zertifikat

Was einen Sheitel angeht, ist eines entscheidend: Das Haar muss koscher sein. Indische Haare zum Beispiel gelten als problematisch. Es könnte nämlich sein, dass sie ursprünglich eine religiöse Opfergabe in einem Hindu-Tempel waren. Das aber fällt unter den Begriff „Götzendienst“ und ist für fromme Juden verboten. Um sicherzugehen, werden Haarfabriken kontrolliert und nach erfolgter Kontrolle Koscher-Zertifikate ausgestellt. „Sehen Sie“, sagt Kaner und zeigt auf die Innenseite einer Perücke, „hier ist das Koscher-Label“.

Von der Wand lächelt ein Frisuren-Model. Die zierliche Sheitel-Macherin zupft am Haar einer Perücke. Sie redet gerne. Über ihren Lieblingskomponisten Tschaikowsky, über die Perücke der Conchita Wurst, aber auch wie es dazu gekommen ist, dass Religion in ihrem Leben eine wichtige Rolle spielt, obwohl sie aus einem nicht-orthodoxen Elternhaus kommt. Wenn sie spricht, klingt sie älter; ihr dunkelblondes Haar fällt über die Schultern, kaum erkennbar, dass es eine Perücke ist. Auf Facebook, manchmal auch auf Youtube, erzählt sie, halte sie sich über die neuesten Trends auf dem Laufenden. Sei sie sich unsicher, schicke sie ihrer Perücken-Lehrerin in Jerusalem eine E-Mail. „Mein Arbeit ist nicht ohne“, sagt sie. „Ich habe nämlich nur einen Versuch. Verschneide ich mich, wandert der Sheitel und damit mehrere hundert Euro in den Mülleimer.“