Petition gestartet „Unglaublich, was da abgeht“: Esslinger Familie protestiert gegen Gebühren
Die Kitagebühren in Esslingen sind viel zu hoch, finden viele Familien in der Stadt. Der Esslinger Vater Mikail Doganay geht deshalb in die Offensive.
Die Kitagebühren in Esslingen sind viel zu hoch, finden viele Familien in der Stadt. Der Esslinger Vater Mikail Doganay geht deshalb in die Offensive.
Familie Doganay ist 2022 nach Esslingen gezogen. Heute spricht Vater Mikail das aus, was viele Familien in der Stadt denken: „Als wir das erste Mal mit den Kitagebühren konfrontiert wurden, ist uns schier die Kinnlade runtergefallen“, sagt er unserer Redaktion. Zwei Kinder hat Doganay, er arbeitet als Wirtschaftsinformatiker, seine Frau als Chemie-Ingenieurin. Da beide berufstätig sind, ist die Familie auf Ganztagsbetreuung angewiesen.
Rund 1100 Euro zahlt das Paar für seine beiden Kinder (zwei und fünf Jahre alt) an Kitagebühren im Monat – inklusive Essensgeld. „Wenn wir so einen hohen Betrag zahlen müssen, haben wir ernsthaft überlegt, ob meine Frau noch arbeiten gehen sollte“, sagt Doganay und ergänzt schnaubend: „Glücklicherweise bleibt uns trotz der hohen Beträge noch etwas übrig vom Gehalt meiner Frau.“
Die Kitagebühren in Esslingen sind ein Thema, das seit Jahren immer wieder hochkocht. In den Kitas der Stadt gibt es unterschiedliche Angebote: Regelöffnungszeiten, verlängerte Öffnungszeiten (VÖ) mit sechs Stunden Betreuung am Tag, VÖ mit sieben Stunden Betreuung am Tag und Ganztagsbetreuung, bei der Kinder acht Stunden am Tag betreut werden. Für großes Unverständnis sorgt nicht nur bei Familie Doganay der Gebührenunterschied zwischen Ganztagsbetreuung und den Betreuungsformen mit VÖ.
„Die Gebühren bei den Betreuungsformen mit verlängerten Öffnungszeiten schätzen wir als moderat ein“, sagt Romina Barth, Vorsitzende des Gesamtelternbeirats in Esslingen (GEB). „Ganz anders jedoch im Ganztagsbereich.“ Die Gebühren richten sich nur in diesem Fall nach dem Einkommen der Eltern. Beispiel: Eine Familie mit einem Kind im Alter von drei bis sechs Jahren zahlt laut Stadt bei VÖ fest 156 Euro für sechs Stunden Betreuung und 182 Euro für sieben Stunden Betreuung im Monat. Für eine achtstündige Ganztagsbetreuung zahlt die Familie (ohne Essensgeld), wenn sie zwischen 100 000 Euro und 120 000 Euro verdient, durchschnittlich 334 Euro im Monat. Verdient die Familie zwischen 70 000 und 80 000 Euro, sind es durchschnittlich 234 Euro im Monat. Erst ab einem Gehalt von maximal 60 000 Euro fällt der Betrag im Schnitt unter den genannten Festbetrag für sieben Stunden Betreuung. Ist das Kind jünger als drei Jahre, sind die Beträge noch einmal deutlich höher.
„Die Kitagebühren im Ganztagsbereich in Esslingen streben eine sozial gerechte Staffelung an, die es Familien mit geringen Einkommen möglich machen soll, die Kinder im Ganztag betreuen zu lassen“, sagt Barth. „So zumindest in der Theorie.“ Die Beträge träfen in dieser Form aber besonders stark Familien mit mittlerem Einkommen, betont die GEB-Vorsitzende. Dabei seien diese wegen der stark gestiegenen Lebenshaltungskosten bereits genug belastet. Mikail Doganay sieht das auch so: „Die Lebenshaltungskosten sind massiv gestiegen – da wird Urlaub zu einem Thema, jeder Ausflug oder wenn mal die Waschmaschine kaputt geht.“ Die Familie bewegt sich in der Einkommensstufe 120 000 bis 140 000 Euro.
Die Stadt Esslingen erklärt auf Nachfrage: „Die einkommensabhängige Erhebung der Elternentgelte für Ganztagsplätze wurde bereits 2001 in Esslingen eingeführt und beruht auf der Grundannahme, dass die Inanspruchnahme eines Ganztagsplatzes in der Regel eine vollumfängliche oder zusätzliche Berufstätigkeit beider Elternteile ermöglicht.“ Mehr Gehalt, mehr Zahlkraft: „Vor diesem Hintergrund wird ein gestaffeltes und einkommensabhängiges Entgelt als angemessen angesehen.“ Doch warum kostet die Stunde mehr Betreuung zwischen VÖ (sieben Stunden) und Ganztag (acht Stunden) teilweise deutlich mehr? „Ganztagsplätze erfordern einen deutlich höheren personellen und organisatorischen Aufwand“, heißt es von der Stadt. Kostentreiber seien unter anderem die längeren Arbeitsstunden der Betreuer, Bildungsangebote am Nachmittag oder auch ein zusätzlicher Aufwand für Mittagessen, Ruhezeiten und Pflege.
Mikail Doganay hat inzwischen mit vielen Esslinger Eltern aus unterschiedlichen Einkommensstufen gesprochen. Die einhellige Meinung laut ihm: Die Kitagebühren gerade im Ganztagsbereich sind zu hoch. „Wenn wir unseren Freunden aus anderen Städten erzählen, dass wir, Essensgeld eingerechnet, ab März 2026 rund 1500 Euro im Monat zahlen, zeigen die uns den Vogel“, sagt Doganay. Der Gesamtelternbeirat hat die Gebühren der Kommunen im Umkreis verglichen. Esslingen steche besonders heraus. „Mit Abstand haben wir die höchsten Gebühren zu verzeichnen“, sagt Romina Barth.
Ein weiterer Kritikpunkt: Da die Kitagebühren in der Ganztagsbetreuung an das Einkommen gekoppelt sind, kann es bei Gehaltserhöhungen im laufenden Jahr zu teils hohen Nachzahlungen kommen. Hat die Familie im August eine höhere Gehaltsstufe erreicht, wird eine Nachzahlung gemäß der höheren Stufe für die Monate Januar bis Juli fällig. Bei Familie Doganay bedeutete das für einen Monat Anfang 2025 einen zusätzlichen Betrag von 490 Euro. „Diese Nachzahlung halten wir für absolut nicht zulässig“, sagt Barth. In den Monaten vor der Gehaltserhöhung profitierten die Familien ja nicht von selbiger.
Nachzahlungen, Betreuungsformen, einkommensabhängig: Für den Laien ist nicht immer einfach zu verstehen, wie sich die Kitakosten zusammensetzen. Zwischen bis zu 50 000 Euro Gehalt und mehr als 160 000 Euro Gehalt im Jahr gibt es zehn verschiedene Einkommensstufen, einen großen Unterschied in den zu zahlenden Gebühren macht auch das Alter der Kinder. Für Mikail Doganay ist trotz Gesprächen mit der Stadt und dem Durchforsten des Internets noch immer nicht klar, wie genau sich die höheren Kosten für die Ganztagsbetreuung zusammensetzen. „Und dann hab ich gedacht: Irgendwas muss ich jetzt machen. Es ist unglaublich, was da abgeht.“ Im Netz hat der Familienvater eine Petition gestartet: „Faire Beiträge für alle – Stoppt die finanzielle Überforderung von Eltern in Esslingen!“ – 476 Unterschriften hat sie bislang erhalten.
Der Gesamtelternbeirat stimmt Doganay in vielen Punkten zu, schränkt jedoch ein: „Fehlende Transparenz seitens der Stadt können wir nicht bestätigen.“ Dem Beirat gegenüber seien die Gebühren immer wieder aufgeschlüsselt worden. Und auch die Stadt beteuert, unter anderem online transparent mit dem Thema umzugehen. „Fachverbände empfehlen, dass Eltern etwa 20 Prozent der Platzkosten als Eigenanteil tragen“, teilt die Stadt mit. „Die Esslinger Praxis folgt diesen rechtlichen Vorgaben und Empfehlungen.“ Im Jahr 2024 deckten Eltern mit ihren Beiträgen in Esslingen 10,8 Prozent der Kosten ab. Ab dem 1. März 2026 ist laut Stadt eine erneute Erhöhung entsprechend der Landesempfehlung von Städtetag, Gemeindetag und der Vier-Kirchen-Konferenz um 7,3 Prozent geplant.
Erhöhungen
In den vergangenen Jahren sind die Kitagebühren in Esslingen kontinuierlich gestiegen. Anfang 2022 erhöhte sich das Entgelt bei den Regelöffnungszeiten und VÖ um fünf Prozent, in der Ganztagsbetreuung um drei Prozent. Die Erhöhung im darauffolgenden Jahr fiel exakt gleich aus. Im März 2024 verteuerten sich die Kitakosten in allen Betreuungsformen um 8,5 Prozent, im März 2025 um 7,5 Prozent.
GEB
Der Gesamtelternbeirat (GEB) vertritt die Interessen von Esslinger Familien gegenüber den städtischen, kirchlichen und weiteren Trägern von Kindertagesstätten. Jedes Jahr hält der GEB eine Vollversammlung ab, zu der alle gewählten Elternbeiräte aller Kitas in Esslingen eingeladen werden. Kontaktmöglichkeiten zum GEB gibt es unter https://geb-kita-es.de/.