Pfarrerstochter wird zum Pfarrerssohn Jesus liebt Trans
Die Pfarrerstocher schneidet sich die Haare ab, trägt Jungenkleidung und nennt sich plötzlich James. Danach steht in einer Kleinstadt im Schwarzwald die pietistische Welt kopf.
Die Pfarrerstocher schneidet sich die Haare ab, trägt Jungenkleidung und nennt sich plötzlich James. Danach steht in einer Kleinstadt im Schwarzwald die pietistische Welt kopf.
Altensteig - Weithin erhebt sich der weiße Turm mit dem Kreuz auf der Spitze über die Altstadt. Wie eine Burg thront die Kirche über Fachwerkhäuschen, die sich an den Hang drängen. Im Tal fließt träge die Nagold. Altensteig, eine Kleinstadt im Nordschwarzwald, bietet eine Kulisse wie von einem Modelleisenbahnbauer erdacht. Die Pfarrer hier heißen Sabine und Klaus-Peter Lüdke. Sie teilen sich die Stelle. Mit ihrer Familie leben sie in einem Pfarrhaus, nur ein paar Schritte über das Kopfsteinpflaster vom Gotteshaus entfernt. Ein schöner Ort.
Doch seit etwas mehr als einem Jahr fragen sich die Pfarrer öfter, was die Leute wohl tuscheln. Seitdem angelt Klaus-Peter Lüdke manchmal einen hassgetränkten Brief aus der Post, atmet einmal tief durch und weiß, dass er sich abends an seinen Schreibtisch setzen und in ruhigen Sätzen antworten wird. „Wir sind zum Stein des Anstoßes geworden“, sagt er. Das liegt daran, dass sich Lüdkes geirrt haben.
Sie glauben immer noch fest an einen liebenden Gott. Daran, dass er seinen eigenen Sohn sterben ließ, um die Menschen zu retten. Sie sind auch noch überzeugt, dass Gott ihnen drei wunderbare Kinder geschenkt hat. Nur wissen sie nun, dass sie keine drei Mädchen großgezogen haben. Das jüngste, das Nesthäkchen wurde im falschen Körper geboren. Es ist und war schon immer ein Junge.
Auf dem Land, in einer tiefprotestantischen Kleinstadt, so scheint es den Lüdkes nach Gesprächen mit anderen Betroffenen, tun sich Menschen besonders schwer mit Transkindern. Vor allem, wenn die Eltern auch noch als Pfarrer unter ständiger Beobachtung stehen.
Der Pfarrerssohn sitzt zwischen seinen Eltern auf einer Bank im Garten. Hinter ihm rankt Wein über eine Mauer, von einem Busch weht Fliederduft herüber. Die kurzen blonden Haare mit einem leichten Stich ins Rot hat James, 14, hochgegelt, die blauen Augen blitzen spitzbübisch. Vor zwei Jahren fiel ihm die blonde Mähne noch bis zur Hüfte. Und anders als heute zuckte er nicht zusammen, wenn man ihm beim Taufnamen rief.
Inzwischen ist der Mädchenname, den ihm die Eltern gaben, tabu. Nicht mal lesen will James ihn. Als er der Mutter im Gespräch herausrutscht, stöhnt er auf: „Igitt, hör auf.“ Aus dem Pfarrhaus wurden das Bikini-Urlaubsfoto und andere Bilder der Tochter verbannt. Die Erinnerung an sie quält den Jungen zu sehr. So haben sich die Eltern entschlossen, alles wegzusperren. Bis zu dem Tag, an dem James so selbstsicher sein neues Ich lebt, dass er sich mit dem alten versöhnen kann.
Ein Junge also. Im Nachhinein wundern sich die Eltern, warum ihnen das nicht früher klar wurde. „Wir hätten es ahnen können.“ Das sagt sich so leicht. Im Kindergarten spielte ihr Jüngstes nur mit Jungs, im Krippenspiel gab es den Josef. Folgte dem Vater zum Klamottenkauf in die Männerabteilung. Rosa? Bitte nicht. Mädchenbücher wie die Wilde-Hühner-Bande? Doof. Der Grundschullehrer nannte den wilden Blondschopf „Rockerbraut“. Ein cooles Mädchen eben, dachte die Mutter. Dann kam die Pubertät. Ihr Kind schottete sich ab. Verkroch sich im Zimmer. Mied die alten Freunde. Band sich die Brust ab. „Mein Kind so unglücklich zu sehen war schlimmer als alles andere.“
Er war anders. Irgendwie. James spürte das. „Die Gefühle waren schon lange da, ich hatte nur keine Worte, um sie zu beschreiben.“ Im Herbst 2016, da war er gerade 13 geworden, lernte er beim Chatten im Internet einen Transjugendlichen kennen. Von Transidentität hatte er bis dahin noch nie gehört. Den Begriff musste er googeln. Transidentität heißt: Man steckt im Körper eines Mannes oder einer Frau, fühlt sich aber dem anderen Geschlecht zugehörig. James verstand: „Ich will kein Junge sein, ich bin einer.“
Als Erstes fielen die Haare. Der Friseur protestierte – „dann siehst du ja aus wie ein Junge“. Vor dem Spiegel fuhr James sich durch das blonde Stoppelfeld und war seit Langem wieder glücklich. Das geschnittene Mädchenhaar klaubte er vom Boden auf und spendete es für Perücken krebskranker Kinder. Auch, damit die Eltern keine Fragen stellten. Er schrieb ihnen einen Brief und wollte seine Gefühle erklären. Mittendrin brach er ab. Noch fehlten die Worte.
Irgendwann in den folgenden Wochen, ohne dass er oder seine Eltern ein bestimmtes Datum oder Ereignis damit verbinden, war es doch heraus. Kein Mädchen, sondern ein Junge. Keine Tochter, ein Sohn. Ein neuer Name. James. So wie der Vater von Harry Potter in den Büchern, der war cool, dachte James. Seine Internetfreunde nannten ihn längst so. Die Mutter dachte an den trotteligen Butler aus dem Silvester-Klassiker „Dinner for one“. „James, das klang schrecklich.“ Sie hätte gerne ein Wörtchen mitgeredet.
In den ersten Monaten des neuen Jahres 2017 sprachen Lüdkes am Küchentisch über nichts anderes. War ihr Kind von der Pubertät verwirrt? Das Jungending eine Phase? Was hatte ihnen Gott da für eine Prüfung auferlegt?
Sabine und Klaus-Peter lernten sich kennen, lange bevor sie Pfarrer wurden. Gemeinsam gingen sie nach Tübingen, studierten Theologie, heirateten. Später wechselten sie sich ab: Kümmerte sich der eine als Prediger um das Seelenwohl der Gemeinde, half der andere daheim den Kindern bei den Hausaufgaben. Man kann sagen, sie waren als Paar wie als Pfarrer ein ziemlich gutes Team. Jetzt gab es Momente, in denen der Zweifel an ihnen nagte. Hatten sie in der Erziehung, im Glauben oder in beidem versagt?
Sie mühten sich, ihr Kind, das ihnen plötzlich so fremd geworden war, zu verstehen. Sie begleiteten James durch halb Deutschland, um andere Transfamilien zu treffen. Sie beteten, haderten, trauerten um ihre Tochter, beteten wieder und begannen schließlich zu akzeptieren, was inzwischen auch ein Jugendpsychiater bescheinigt hatte: Als Frau würde ihr Kind nie glücklich werden.
Als James am Morgen des 21. September 2017 zum Frühstück kam, lagen Luftschlangen auf dem Küchentisch. An seinem Platz stand ein Teller mit Muffins, Regenbogenkerzen brannten darauf. „Alles Gute zum James-Day“ riefen die Eltern. Klaus-Peter Lüdke hatte die alte Taufkerze aufgestellt – vorher die alten Buchstaben abgekratzt, neue aus Wachsplatten geschnitten und zu JAMES zusammengesetzt. Es war ein anderer Name, aber immer noch ihr Kind.
Im Pfarrgarten rollt Sabine Lüdke ein Jahr später eine Träne über die Wange. Die Familie hatte sich damals für den engen, den schwierigen Weg entschieden. James outete sich, ließ endlose Untersuchungen beim Psychiater, beim Endokrinologen – ein Spezialist für Hormone – und der Gynäkologin über sich ergehen. Seit Oktober darf er Hormone bekommen. Seine Brust wird aufhören zu wachsen, erste Barthaare werden sprießen. James sagt: „Das ist kein Weg, den man sich freiwillig aussuchen würde.“ Umso mehr verletzen die Vorwürfe der anderen.
Seit ihrem Entschluss kämpfen Lüdkes an drei Fronten. Sie müssen sich mit der Schule, ihren Verwandten und der Kirche auseinandersetzen. Anfangs schlagen sie sich ganz gut.
Zu Beginn des neuen Schuljahres im Herbst 2017 steht der Name „James“ wie selbstverständlich auf der Klassenliste, er wechselt beim Sport von der Mädchen- in die Jungengruppe und im Schulchor von der Frauenstimme Alt in den Tenor der Männer. Die Eltern weihen ihren Chef ein. Der Dekan sichert ihnen seine Unterstützung zu. Der Kirchengemeinderat wird informiert. Alle reagieren verständnisvoll. James’ Großmutter übt den neuen Namen. Das ist die eine Seite.
Die andere ist: Die meisten Verwandten fragen sich, was eigentlich in diese Familie gefahren ist. Den Lüdkes wird vorgeworfen, ihrem Kind zu schaden. Schlimmer noch – eine Sünde zu begehen. Durch die Hormone würden sie zulassen, dass sein Körper unumkehrbar verändert wird. Wo doch alles nur eine Episode sei, die wieder vorübergehe. Eine Bekannte mutmaßt gar, ein böser Geist namens James habe vom Kind Besitz ergriffen – sollte man sich besser einen Exorzisten bestellen?
In ihrer Gemeinde sprechen sie die wenigsten offen auf ihren Sohn an. „Die Leute reden nicht mit, sondern über uns“, sagt Sabine Lüdke. James’ Freundschaften in der Schule zerbrechen. Die einen wissen nicht recht, wie sie mit ihm umgehen sollen. Die anderen beäugen ihn skeptisch. Im Konfirmandenunterricht sitzt er zwischen den Stühlen, links von ihm die Mädchen, rechts die Jungs.
Im Mai dieses Jahres schlüpft er in Sakko und Anzughose, bindet sich eine Krawatte um und lässt sich von seinem Vater konfirmieren. Den Eltern zuliebe. Er selbst kann mit Gott nicht so viel anfangen. Auch, weil sich die Kirche mit Transidentität oft schwertut. Besonders in Württemberg. Klaus-Peter und Sabine Lüdke glauben, dass sich ihr Umfeld vor allem an dem Gedanken stört, ihr Kind könnte homosexuell sein. Gleichgeschlechtliche Paare – für viele Pietisten sind diese Verbindungen nicht von Gott gewollt. Eine öffentliche Segnung wie bei der Trauung von Mann und Frau hat die württembergische Kirche wiederholt abgelehnt. Die meisten Landeskirchen sehen das anders.
Wie ist das überhaupt: Liebt ein Transmann automatisch Frauen? Und ist das dann eine homosexuelle Beziehung? Klaus- Peter Lüdke hält andere Fragen für viel wichtiger: „Es geht doch darum, dass Mensehen in der Kirche Annahme erfahren und nicht Ablehnung.“
Auch deshalb begann er, als die Welt der Familie mal eben einen Kopfstand vollführte, seine Gedanken zu notieren. Seite um Seite füllte sich am Computer. Schließlich druckte er alles aus, klappte den Laptop zu, steckte die Seiten in ein Kuvert und schickte sie an den Kinzel-Verlag. Seit diesem März ist sein Buch „Jesus liebt Trans“ erhältlich. Darin schildert er persönliche Erfahrungen und ringt um einen theologischen Zugang zur Transidentität. Verständnis in Kirchenkreisen zu wecken, das wäre für ihn immerhin ein Anfang.
Jesus liebt Trans. Die Freikirche im Ort versteht das als Provokation. Mit ihr liefert sich Hans-Peter Lüdke regelmäßig einen Schlagabtausch. Aber auch ein Pfarrkollege trat schon an ihn heran: „Dein Buch kann ich nicht lesen, das passt nicht in mein Weltbild.“
Im Pfarrgarten rutscht James auf der Bank hin und her. Die goldenen Zeiger der Kirchenuhr sind zwei Stunden weitergerückt, ein paar Schläge lang übertönen die Glocken das Gespräch. Während seine Eltern erzählt haben, hat er ab und zu die Augen verdreht, wie nur Teenager es können. Als sei ihm das ganze Gewese um seine Person ein wenig peinlich.
Was sich Lüdkes eigentlich wünschen, ist Normalität. Bald werden sie zu dritt zum Campen fahren, raus aus Altensteig. Dann sind sie einfach eine Familie. Vater, Mutter und Sohn.