Das Ende einer Ära: Darbietungen mit Pferden wie hier von Giulia Giona wird es künftig in Stuttgart nicht mehr geben. Foto: Lichtgut
Der Weltweihnachtscircus verzichtet künftig vollständig auf Tiere. Dies kündigt Zirkusgründer Henk van der Meijden im Interview mit unserer Zeitung an – und nennt die Gründe.
Mit stürmischem Beifall und Ovationen im Stehen hat das Publikum den 31. Weltweihnachtscircus auf dem Cannstatter Wasen verabschiedet. Wir sprachen mit Zirkusgründer Henk van der Meijden, 88, über die Aufregung um die Tierdarbietungen und die Konsequenzen, die er daraus zieht.
Herr van der Meijden, Sie haben im Gespräch mit unserer Zeitung vor Weihnachten gesagt, Sie würden die Argumente der Tierschützer genau prüfen. Wie ist die Entscheidung ausgefallen?
Nach intensiver Überlegung haben wir entschieden, künftig auf Tiere im Weltweihnachtscircus Stuttgart zu verzichten. Das Wohl der Tiere liegt uns sehr am Herzen, und ein tierfreier Zirkus ist nach heutiger Sicht zeitgemäß und eine Weiterentwicklung unseres Programms.
Bedeutet dies, dass Tiere in der Vergangenheit leiden mussten?
Keineswegs. Wir haben immer darauf geachtet, dass unsere Pferde und die anderen Tiere artgerecht gehalten und betreut werden. Besonders die Acts von Circus Knie, Fredy Knie jr. und Alex Giona erhielten viel Lob, ohne dass Proteste aufkamen. Natürlich wurde der Zirkus mit Pferden geboren, doch die Zeiten ändern sich, und seit Beginn unseres – von Kritikern übrigens bejubelten – Rekordprogramms mit 118 Artisten erreichten uns zahlreiche Proteste, insbesondere gegen das Auftreten von Pferden in der Manege. Heute fragen viele Besucher, ob Tiere in einem modernen Zirkus noch notwendig sind.
„Proteste bezogen sich auf das Anbinden der Pferdeköpfe“
Mehrfach wurde vor und einmal auch im Zirkus demonstriert.
Die Kritik richtete sich insbesondere gegen den Auftritt von Angelina Richter mit ihrer Ungarischen Post. Diese Nummer ist in einer Woche zum prestigeträchtigen Zirkusfestival von Monte Carlo eingeladen. Angelina und ihre 20 Pferde sind dort sogar als einzige groß auf dem offiziellen Monte-Carlo-Plakat abgebildet. Die Proteste bezogen sich vor allem auf das angeblich zu enge Anbinden der Pferdeköpfe. Daraufhin haben wir umgehend reagiert und entsprechende Anpassungen vorgenommen. Das Veterinäramt der Stadt Stuttgart kontrollierte diese neue Vorgehensweise mehrfach und stellte wiederholt fest, dass keinerlei Tierleid vorlag.
Das grüne Licht der Behörden hat die Tierrechtsaktivisten dann aber nicht sehr beeindruckt.
Die Proteste ließen nicht nach, obwohl sich das Veterinäramt hinter uns gestellt hat. Ein Influencer hat in den sozialen Medien bewusst manipulierte Bildern verbreitet, wofür er inzwischen strafrechtlich verfolgt wird.
Foto: Lichtgut
Rein rechtlich müssten Sie die Pferdenummern, die im Zirkus eine lange Tradition haben, nicht aus dem Programm nehmen. In Stuttgart besteht nur ein Wildtierverbot. Warum verbannen Sie nun alle Tiere aus dem Weltweihnachtscircus, nicht nur Wildtiere?
Wir wollen unsere Augen nicht vor den vielen Protesten verschließen, von denen zahlreiche von echten Pferdeliebhabern und Pferdekennern stammten, die schockiert über die Pferde in der Manege waren. Auffällig war, dass viele dieser Zuschriften respektvoll formuliert waren und voller Lob für das übrige Programm. Man stellte sich jedoch ausschließlich die Frage, ob Tiere in einem modernen Zirkus wie dem Weltweihnachtscircus noch Teil des Programms sein müssen.
Was stand in diesen „respektvollen Zuschriften“?
Eine Besucherin schrieb: „Ein tierfreier Weltweihnachtscircus wäre nicht nur zeitgemäß, sondern auch eine klare Weiterentwicklung des ohnehin starken Programms.“ Ein anderer meinte: „Ein großartiger Zirkus wie der Weltweihnachtscircus kann auch ohne Tiere auskommen. Die menschlichen Darbietungen allein sollen die Show tragen.“ Diese Rückmeldungen haben unsere Entscheidung stark beeinflusst.
Ein Dank an das Publikum für kritische Anmerkungen
Daraufhin haben Sie beschlossen, keine Tiere mehr in die Stuttgarter Manege zu bringen?
Das Wohl der Tiere liegt auch uns sehr am Herzen. Ja, wir werden in Zukunft im Weltweihnachtscircus auf Tiere vollständig verzichten. Wir danken unserem treuen Publikum für seine kritischen Anmerkungen. Ich bin nun 88 Jahre alt und präsentiere seit fast 50 Jahren erfolgreich große Zirkusproduktionen. Doch ich bestätige, dass man nie zu alt ist, um zu lernen, und dass in dieser Zeit andere Normen und Visionen gelten. Der Weltweihnachtscircus soll auch ohne Tiere ein erfolgreicher Zirkus bleiben.
Sie werden Ihre Spitzenpositionen, davon sind viele Fans ihrer 31. Show überzeugt, auch ohne Tiere in der Manege behalten.
Das hoffen wir sehr. Die „CircusZeitung“ lobte unser neues Chapiteau und die vielseitigen Darbietungen und bestätigte erneut, dass wir der größte Weihnachtscircus der Welt sind. Unser Ziel ist es, uns immer weiter zu entwickeln und Innovationen mit Tradition zu verbinden, damit alle Generationen ihren Spaß bei uns haben.
„Wir sind erleichtert, dass alles glimpflich ausgegangen ist“
Wie geht es den verletzten Artisten Dmytro und Daria nach ihrem Absturz beim Goldenen-Clown-Act?
Wie durch ein Wunder wurden beide zum Glück nicht schwer verletzt. Bei Daria zeigte die MRT-Untersuchung keinerlei ernsthafte Folgen, und Dmytros gebrochene Füße werden sich nach der ersten erfolgreichen Operation und weiterer Behandlung vollständig erholen. Wir sind sehr erleichtert, dass alles glimpflich ausgegangen ist.
Was möchten Sie Ihrem Publikum abschließend sagen?
Ich danke unseren Besucherinnen und Besuchern für ihre kritischen, aber konstruktiven Rückmeldungen. Sie haben uns geholfen, den Zirkus weiterzuentwickeln – für die Tiere, die Artisten und das Publikum gleichermaßen. Wir freuen uns, im Dezember mit dem 32. Weihnachtscircus zurückzukehren. 80 Prozent der Darbietungen stehen schon fest.
Der Erfinder des Weltweihnachtscircus
Vita Henk van der Meijden wurde im Juni 1937 in Den Haag geboren. Er hat zunächst als Journalist gearbeitet, unter anderem für „De Telegraaf“. Besonders gern berichtete er über den Zirkus und beschloss, eigene Zirkusshows zu veranstalten,