Pferdemarkt in Leonberg Zwischen Wiehern, Wurstduft und Witz – der Pferdehandel in Leonberg

Ist es nicht schön? – Darüber entscheiden die Preisrichter in der Schloßstraße. Foto: Simon Granville

70 Pferde stehen an diesem Dienstag in der Leonberger Altstadt traditionell zum Verkauf, Preisrichter verteilen Noten – in der Regel nur gute. Aber es gibt Ausnahmen.

In den frühen Morgenstunden sind die ersten Händler schon eingetroffen, sie haben ihre zum Verkauf stehenden Pferde in Reih und Glied positioniert. Die Tiere sind für den Freizeitbereich geeignet, leistungsfähige Sportpferde sind hier nicht zu finden. Das herzhafte Aroma von gebratenen Würstchen und Pommes liegt in der Luft. Es ist die Ruhe vor dem großen Ansturm auf den historischen Marktplatz, wenn dort in der Schloßstraße etwas später der traditionelle Pferdehandel stattfindet.

 

Oben im Alten Rathaus treffen sich die Preisrichter derweil zur obligatorischen Einstimmung auf den Pferdemarkt-Dienstag. Sie sind mit ihrer Meinung nicht nur in der Altstadt gefragt, sondern auch bei der Pferdeprämierung im Reiterstadion. Einer von ihnen ist Christian Ziegler. Der 42-Jährige zählt hier in diesem erfahrenen Kreis zum Nachwuchs – ist allerdings auch schon seit 2006 Preisrichter in der Altstadt. „Das ist eine schöne Tradition, man muss schauen, dass sie fortgesetzt wird.“

Ziegler ist selbst erfahrener Springreiter bis zur schweren Klasse S, er wuchs mit Pferden und dem Pferdemarkt auf. Sein Vater Gerhard Ziegler ist seit vielen Jahren der Mitorganisator dieser Traditionsveranstaltung. Wie wird man eigentlich Preisrichter? „Eine Prüfung muss man nicht absolvieren, aber was von Pferden verstehen“, sagt Christian Ziegler und schmunzelt: Denn das frühe Gläschen Schnaps zur Einstimmung auf den Tag sollte man auch vertragen können.

Zur Einstimmung auf den Pferdemarkt gibt’s am Morgen einen Schnaps

Bestnote für ein Pferd: Christian Ziegler (links) und Frieder Breining (ganz rechts) Foto: Simon Granville

Am Ende bekommt so gut wie jedes Pferd die Bestnote. Das ist Teil der Show. „Wir haben aber auch schon schlechtere Noten gegeben und die Händler aufgefordert, die Defizite zu beheben“, sagt Christian Ziegler.

Einem Gaul schaut der Preisrichter auch mal ins Maul

Ab und an schauen die Preisrichter den Pferden ins Maul. „Daran können wir erkennen, wie alt es ist“, sagt Frieder Breining. Er erklärt dem Publikum auch: „Ein Wallach ist einer, der einmal konnte, aber jetzt nicht mehr.“ Er stellt mal das norwegische Fjordpferd vor, eine robuste Rasse. Oder das Kaltblut aus dem Schwarzwald. „Es heißt nicht, dass es kaltes Blut hat, sondern einen ruhigen Charakter, es eignet sich beispielsweise, um Baumstämme aus dem Wald zu ziehen.“ Nervös zwischen den Menschenmassen ist der amerikanische Traber, ein geschecktes Pferd. „Man sieht, es ist eher feinfühlig, für mich wäre es aber nichts, weil die hellen Stellen schwer zu putzen sind“, scherzt Helmut Kayser, der Breining als Moderator zur Seite steht.

Was im Jahr 1684 als wirtschaftlicher Rettungsversuch begann, ist nun eines der ältesten und beliebtesten Traditionsfeste der Region: der Leonberger Pferdemarkt. Nach dem Dreißigjährigen Krieg und abseits großer Handelsrouten gelegen suchte die Stadt nach neuen Impulsen. Der Herzog Friedrich Karl genehmigte schließlich einen zweiten Jahrmarkt – samt Ross- und Viehhandel. Eine Entscheidung mit nachhaltiger Wirkung. Denn schon bald entwickelte sich der Markt zu einem überregionalen Treffpunkt.

Zunächst wechselten vor allem Arbeitspferde den Besitzer, die Zahlen stiegen rasant an: Waren es um 1840 rund 200 Pferde, wurden vor dem Ersten Weltkrieg in Spitzenjahren mehr als 1000 Tiere in Leonberg gehandelt. Seit 1871 ist der Termin fest im Kalender verankert. Auch wenn inzwischen fünf Tage lang gefeiert wird und die Veranstaltung längst Volksfestcharakter hat – der Höhepunkt des Pferdemarkts ist und bleibt der zweite Dienstag im Februar.

Für die Händler gibt es beim Pferdemarkt finanzielle Anreize

Und der Pferdehandel, der Kern des Ganzen? Der ist nie ganz verschwunden. Mit einer Aufwandsentschädigung wurde er ab 1976 bewusst gestärkt. Auch jetzt gibt es noch kleine finanzielle Anreize, wie Fahrtgeld, für die Händler. Bis zu 100 Pferde gehören auf dem Marktplatz in der Regel fest dazu. An diesem Dienstag sind es etwa 70, die zum Verkauf stehen. Doch die Geschäfte liefen auf diese Weise nicht mehr gut, das sagt der Pferdehändler Robert Maier, der seit mehr als 50 Jahren nach Leonberg kommt. Mit elf Pferden ist er aus Riedlingen auf der Schwäbischen Alb gekommen, drei hat er an diesem Morgen verkauft. Der Pferdehandel spiele sich mittlerweile „zu 80 Prozent“ auf speziellen Plattformen im Internet ab, sagt Maier.

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