Pfingstjugendtreffen Aidlingen Der kritische Blick kann etwas anstoßen

Für viele Jugendliche ist das Pfingstjugendtreffen ein tief spirituelles Event. Foto: Eibner-Pressefoto

Die Referentenliste des Aidlinger Pfingstjugendtreffens hat Kontroversen ausgelöst. Auch eine Traditionsveranstaltung muss sich kritisch beäugen lassen, meint Martin Dudenhöffer.

Böblingen: Martin Dudenhöffer (dud)

Seit Jahrzehnten ist das Pfingstjugendtreffen in Aidlingen ein Highlight im Kalender von jungen Menschen christlichen Glaubens. Generationen von Jugendlichen haben auf dem Gelände der Diakonissen am Rande Aidlingens Wochenenden voller Spiritualität verbracht. Generationen von jungen Menschen erinnern sich gerne an die Tage, als sie mit Tausenden anderen Jugendlichen gemeinsam gebetet und reflektiert haben über Gott und das Leben.

 

Reflexion ist aber auch bei den Verantwortlichen dieses Events geboten. Wer vor Menschen, die sich in einer herausfordernden Phase ihres noch jungen Lebens befinden und nicht selten vor inneren Konflikten stehen, referiert, trägt eine große Verantwortung. Wie Ehemalige des Pfingstjugendtreffens erzählen und wie sich in Social Media-Profilen zeigt, vertreten einige Rednerinnen und Redner der Gegenwart und der Vergangenheit fragwürdige Inhalte – Inhalte, die gerade junge Menschen negativ prägen, befremden, verunsichern und verletzen können. Gerade bei Themen wie Sexualität, die heute mehr als früher durch Internetpornografie präsent ist, haben junge Menschen Erklärungsbedarf. Auch der christliche Glauben hat da seine Ansätze. Nicht alle dieser Glaubensinhalte halten aber heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen stand oder respektieren die Entscheidungsfreiheit junger Menschen: Wenn Homosexualität und die eigene Sexualität als etwas Sündhaftes gesehen, anachronistische Frauenbilder von Unterordnung propagiert, persönliche Schicksalsentscheidungen wie Schwangerschaftsabbrüche gebrandmarkt werden, Referentinnen Dämonenaustreibungen anbieten und auf dem Pfingstjugendtreffen eine Plattform finden, sollte hingeschaut werden.

Sexualität ist ein sensibles Thema

Das gilt für die Organisatorinnen wie für Eltern, die oft keine Vorstellung haben, welches Menschen- und Weltbild manche christliche Influencer vermitteln und welchen Einfluss sie durch ihre direkte und mitreißende Art nehmen können.

Das hippe und medial perfekt in Szene gesetzte Erscheinungsbild vieler evangelikaler und freikirchlicher Gruppierungen und Personen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass einige Glaubenssätze gesellschaftliche Realitäten verkennen und soziale Freiheiten von Menschen einschränken wollen. Kirche, Glaube und religiöse Veranstaltungen müssen sich genauso einer kritischen Öffentlichkeit stellen, wie die Politik es tun muss. Das ist eine Errungenschaft moderner und liberaldemokratischer Gesellschaften.

Redakteur Martin Dudenhöffer sieht Aufklärungsbedarf. Foto: Schlecht

Wegschauen ist keine Option

In den vergangenen Jahren hat die Presse – dazu zählte auch unsere Zeitung – kein kritisches Auge auf die christliche Traditionsveranstaltung geworfen. Dieses Jahr war dies zum ersten Mal anders. Die Reaktionen könnten kaum unterschiedlicher sein: Während manche Leser einige der Seminare und deren Redner heute als hochproblematisch ansehen und dankbar sind über ein waches Auge, fühlen sich andere tief in ihren religiösen Gefühlen verletzt, waren sie doch selbst schon auf dem Treffen oder haben ihre eigenen Kinder dort guten Gewissens hingebracht und nie etwas Negatives erlebt.

Undenkbar und fast blasphemisch empfinden einige daher die kritische Berichterstattung. Der religiöse Unmut geht in einem Falle sogar so weit, dass im Autor der beiden Artikel der Teufel vermutet wird. Die Presse sollte, nein: sie muss die Rolle des unabhängigen, objektiven und kritischen Aufklärers einnehmen. Auch wenn das bedeutet, dass auf ein für viele leuchtendes Beispiel christlichen Zusammenseins ein dunkleres Licht fällt. Dem lobenswerten Grundgedanken dieses Treffens tut dies keinen Abbruch. Im Gegenteil: Es kann den Impuls geben, zukünftig sorgfältig auf die Positionen von PJT-Referentinnen und Referenten zu achten.

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