Bis zur Coronapandemie hat Thorsten Alxneit als Unternehmensberater gearbeitet. Dann veränderte sich sein Fokus. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Der Stuttgarter Thorsten Alxneit hatte in Obertürkheim ein Start-up für Pflanzenkohle aufgebaut. Nun wirft er der Stadt „Innovationsfeindlichkeit“ vor und zieht weg. Was ist passiert – und was sagt die Stadt dazu?
Er war nicht lange da, nun ist er schon wieder am Zusammenpacken: Der ehemalige Unternehmensberater Thorsten Alxneit hatte seit November 2022 in Stuttgart-Obertürkheim eine Anlage für die Herstellung von Pflanzenkohle aufgebaut. Nach nicht einmal zwei Jahren läuft nun der Rückbau. Allerdings nicht, weil sein Start-up SCS (Sustainable Century Stuttgart) schlechte Erfolgschancen hat – eine Finanzierung von einer Bank hat er bekommen –, sondern weil er mit der Stadt keine guten Erfahrungen gemacht hat. Kurz nach der Veröffentlichung eines Berichts stand die Gewerbeaufsicht bei ihm vor der Tür.
Kritik der „Innovationsfeindlichkeit“
Was ist passiert? Ist die Skepsis berechtigt? Und was sagt die Stadtverwaltung dazu?
Mit Pflanzenkohle sollen Bäume klimaresilienter und das Klima verbessert werden. Hergestellt werden sie durch ein Verfahren namens Pyrolyse. Thorsten Alxneit stellte die Kohlen auf einer 900 Quadratmeter großen Freifläche zwischen Bahngleisen und Industriebauten her. „Seine“ Kohlen wurden danach vor allem unter Bäumen und Weinreben in Stuttgart und der Region in die Erde eingebracht. Der 44-Jährige hatte unter anderem eine Stuttgarter Gartenbaufirma beliefert, einen Tiny Forest in Sindelfingen, aber auch die Stadt Stuttgart für Pflanzungen im öffentlichen Raum.
Das ist nun vorbei. „Ich habe bestimmte Verwaltungsbereiche in Stuttgart leider als sehr innovationsfeindlich kennengelernt“, begründet Alxneit seinen Rückzug. Er sei bereits in Gesprächen mit anderen Kommunen, „für die Pyrolyse ein Bestandteil der nachhaltigen Wärmeplanung ist“. Dort wolle er dann eine Anlage aufbauen, die nahe gelegene Quartiere mit Wärme versorge.
Stadt Stuttgart widerspricht Vorwürfen des Gründers
Ein Sprecher der Stadt Stuttgart bestätigt zwar, dass die Gewerbeaufsicht (die zum Amt für Umweltschutz gehört) „aufgrund von Medienberichten eine Routineüberprüfung vorgenommen hat, da das Unternehmen zum Zeitpunkt der Berichterstattung weder beim Amt für Umweltschutz noch bei der Baurechtsbehörde bekannt war“. Den Vorwürfen von Thorsten Alxneit widerspricht der Sprecher jedoch vehement: „Dem Amt für Umweltschutz wegen der pflichtgemäßen Prüfung Innovationsfeindlichkeit zu unterstellen, entbehrt jeder Grundlage.“ Auch bei innovativen Anlagen gälten die gesetzlichen Anforderungen. Und ob ein Betrieb genehmigungsfähig sei, bedeute keine Bewertung des Innovationsgrads.
„Der Gesetzgeber hat aus guten Gründen im Immissionsschutzrecht einen Genehmigungsvorbehalt für die Verwertung und Beseitigung von Abfällen vorgesehen“, sagt der Sprecher. Dieser Genehmigungsvorbehalt stelle sicher, dass durch das Errichten und Betreiben von Anlagen keine Gefahren, erheblichen Nachteile oder Belästigungen für die Allgemeinheit beziehungsweise die direkte Nachbarschaft entstünden.
Zwei große Bedenken gibt es bei Pflanzenkohle
Letztlich gebe es zwei große Bedenken bei Pflanzenkohle, sagt die Klimafolgenforscherin Claudia Kammann der Hochschule Geisenheim. Zum einen sei da die Sorge vor kontaminierter Kohle, etwa wenn das Ausgangsmaterial schadstoffbelastet wäre oder die Pyrolyse nicht ordnungsgemäß ablaufe. Doch bereits seit 2012 existiere ein freiwilliger Industriestandard, der sich nach den Werten der Bodenschutz- und Düngeverordnung richtet, an den sich „alle ernst zu nehmenden Produzenten von Pflanzenkohle in Europa halten“. Für diese Zertifizierung ist eine Produktprüfung durch akkreditierte, unabhängige Labore vorgeschrieben.
So sieht die fertige Pflanzenkohle aus. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Zum anderen sei da die Konkurrenz um Biomasse; also Holz. Diese Angst um Holzreserven sei verständlich, sagt Kammann. Es sei nicht sinnvoll, einen Wald abzuholzen, um daraus Kohle zu machen, da stehende Bäume einen größeren CO2-Speicher böten als die daraus hergestellte Pflanzenkohle. Allerdings könne man auch dies durch eine staatliche Regelung lösen, sagt sie – indem man nur eine nachhaltige Herstellung von Pflanzenkohle erlaube.
In anderen Ländern wird mehr experimentiert
Generell seien viele Sorgen aber unberechtigt. „Manche Menschen bringen heute immer noch die gleichen Bedenken vor wie vor 15 Jahren, obwohl es große Entwicklungen in dem Bereich gibt“, sagt Kammann. Das sagt auch Michael Jantzer, ehemaliger SPD-Stadtrat und Ingenieur: „Das Problem ist, dass ältere, ökologisch bewegte Menschen sich noch gut daran erinnern, dass früher bei Pyrolyse Schindluder getrieben wurde.“ Er ist überzeugt, dass ohne die Absenkung von CO2 im Stadtgebiet Stuttgart das Ziel der Klimaneutralität 2035 nicht zu schaffen sei.
Andere Länder arbeiten teils schon viel länger und intensiver mit Pflanzenkohle. In den USA werde in großem Umfang Pflanzenkohle aus Totholz und Durchforstungsbiomasse erzeugt, sagt Claudia Kammann. Auch China sei weiter, weil dort „gigantische Rückstände aus der Lebensmittelproduktion – etwa Stroh und Spelzen – anfallen“. In vielen schwedischen Städten werde Pflanzenkohle standardmäßig bei Baumpflanzungen oder Grünflächenerneuerungen verwendet. In Dänemark und Schweden ist es – im Gegensatz zu Deutschland – auch erlaubt, unbelasteten Klärschlamm zu Pflanzenkohle zu machen. Das sei eine gute Sache, weil durch die starke Erhitzung Antibiotikarückstände, infektiöse Keime oder organische Chemikalien thermisch zersetzt würden, ohne dass fossile Energie nötig sei, sagt Kammann.
Was bringt Pflanzenkohle dem Klima?
Pflanzenkohle Die Kohlen entstehen durch eine Weiterverarbeitung von Pflanzenrückschnitt oder der Überreste von Obst und Gemüse – wie etwa Schalen und Blätter. Anstatt dass dieses Material verbrannt oder verwest, wandelt man es mittels sogenannter Pyrolyse zu Pflanzenkohle um. Dabei werden die Pflanzabfälle in einem Behälter mit Brennkammer, Rohr und Schornstein erhitzt, bis das Ganze „ausgast“ und Kohle geerntet werden kann.
Bäume Pflanzenkohle speichert wie eine Art Schwamm Wasser, wovon Bäume nach einem Regen länger zehren können. Dadurch werden sie klimaresilienter und Jungbäume sterben seltener ab. Zudem trägt Pflanzenkohle in Kombination mit Humus in der Regel zu einem besseren Nährstoff- und Wasserhaushalt sowie zur Bodendurchlüftung bei. „Nicht bei jedem Boden klappt das, aber im Schnitt führt das Einbringen von Pflanzenkohle zu einer Reduktion von Treibhausgasemissionen“, sagt Claudia Kammann, Klimafolgenforscherin an der Hochschule Geisenheim.
CO2-Speicher Durch Pflanzenkohle kann auch CO2 in der Luft reduziert werden. Denn wenn eine Pflanze abstirbt, setzt sie den zuvor bei der Fotosynthese aufgenommenen Kohlenstoff wieder als CO2 frei. Den Pflanzenabfällen wird der Kohlenstoff entzogen und gespeichert. Und zuletzt könnte die Wärme, die bei der Pyrolyse entsteht, perspektivisch auch für Wärmenetze genutzt werden.