Christine Günther aus Bietigheim-Bissingen behandelt nicht nur menschliche Patienten. Bei Hunden gibt es allerdings einige Besonderheiten zu beachten.

Ludwigsburg: Anne Rheingans (afu)

Als die Klingel im Reihenhaus ertönt, bellt Enya aufgeregt und läuft zur Tür. Auf den ersten Blick wirkt die Hündin lebhaft und aktiv. Seit einem Sturz im Welpenalter ist der vierjährige Dackelmischling allerdings auf Physiotherapie angewiesen. Für Christine Günther aus Bietigheim-Bissingen ist Enya nicht nur ein Haustier, sondern sie war auch ihre erste tierische Patientin. Mittlerweile behandelt die Expertin auch fremde Vierbeiner.

 

Seit mehr als 20 Jahren ist die 45-Jährige schon im Dienst der menschlichen Gesundheit tätig. Nach ihrer dreijährigen Ausbildung hat Christine Günther viel Erfahrung auf dem Gebiet der Physiotherapie gesammelt. Vor vier Jahren zog Enya bei ihrer Familie ein und hat bei der Fachfrau auch das Interesse an der Behandlung von Hunden geweckt.

Die Nachfrage nach Hunde-Physiotherapie ist gewachsen

In den USA ist das Thema bereits länger als hierzulande bekannt. „Dort ist man in der Therapie schon etwas weiter“, erklärt Christine Günther. Aber in Deutschland hat es sich ebenfalls herumgesprochen, dass Physiotherapie bei Hunden sinnvoll sein kann. „Der Bedarf daran nimmt zu“, sagt die 45-Jährige. Das hänge auch damit zusammen, dass Haustiere jetzt einen höheren Stellenwert als früher hätten.

Im heimischen Wohnzimmer bekommt Enya also nicht nur Streicheleinheiten, sondern auch gezielte Behandlungen wie Massagen und Muskeldehnungen. Bei einem Sprung vom Schoß von Christine Günther hat sich der Dackel-Corgi-Mix als Welpe die Hüfte ausgekugelt. Mittlerweile zeigen sich bei der Hündin die ersten Symptome einer beginnenden Hüftarthrose.

Auch andere Patienten behandelt die mobile Therapeutin aus Bietigheim-Bissingen bei Hausbesuchen in deren vertrauter Umgebung. Dadurch spart sich Christine Günther nicht nur die Räume einer Praxis, sondern kann sich die Begebenheiten im normalen Umfeld der Tiere genauer anschauen. Gibt es viele Treppen zu bewältigen? Wo hat der Hund seinen Schlafplatz? Wie viel Platz steht ihm zur Verfügung? „Hunde sind in ihrer gewohnten Umgebung außerdem ruhiger“, sagt sie. Vor allem bei frisch operierten Tieren kommt hinzu, dass ein Transport oft mit Aufwand oder zusätzlichen Schmerzen verbunden wäre.

Bei Hunden ist mehr Fingerspitzengefühl gefragt

Momentan machen Hunde bereits etwa die Hälfte der Termine von Christine Günther aus. Worin bestehen die Unterschiede zwischen menschlichen und tierischen Patienten? „Beim Menschen führe ich vor allem die manuelle Therapie durch“, sagt die Expertin. Das heißt, sie versucht, Störungen im Bewegungsapparat, den Muskeln und Gelenken zu ertasten und durch Handgriffe zu lösen. Beim Hund hat sich die Therapeutin vor allem auf die Neurologie, also Krankheiten des Nervensystems, und insbesondere das Thema Gelenke spezialisiert.

Doch es gibt bei der Behandlung noch viel mehr Unterschiede zwischen Mensch und Tier. „Die Kommunikation ist mit Menschen in der Regel einfacher“, erklärt die Therapeutin. Sie können Anweisungen besser befolgen, mitteilen, wo und wann es schmerzt, und nehmen freiwillig teil. „Bei Hunden muss ich ganz besonders auf die Körpersprache achten und sensibler sein“, sagt Günther.

Viel Feingefühl ist bei der Behandlung von tierischen Patienten nötig. Foto: Simon Granville

Damit die Tiere Vertrauen fassen, nicht zuschnappen oder sich wehren, ist es wichtig, dass der Besitzer oder die Besitzerin Auskünfte erteilt und während der Behandlung assistiert. „Viele Hunde liegen nicht gerne auf der Seite“, weiß die Therapeutin. Durch Leckerli lassen sich die meisten aber zur friedlichen Mitarbeit überreden.

Die Ursachen der Schmerzen sind – wie beim Menschen – anfangs nicht immer eindeutig. Der häufigste Grund, warum Herrchen oder Frauchen die Hilfe der Therapeutin in Anspruch nehmen, ist ein auffälliges Gangbild oder die ungewöhnliche Trägheit des Tieres – eine zunächst unklare Diagnose. Dann gilt es herauszufinden, was genau dahintersteckt. Ein Hinweis kann die Rasse sein. Dackel leiden beispielsweise oft unter Rückenschmerzen.

Schmerzen sind nicht immer sofort ersichtlich

Anders als Menschen zeigen Hunde oft erst spät deutliche Anzeichen dafür, dass sie Schmerzen haben. „So etwas wie das Schlecken der Pfote ist nicht gleich ersichtlich“, erläutert Christine Günther. Bei Arthrose haben die Tiere zum Beispiel oft jahrelange Beschwerden, bevor die Therapie startet. Daher kann die Behandlung insgesamt länger dauern. Der Tipp der Expertin: Wer es sich leisten kann, sollte über eine Tierkrankenversicherung nachdenken, die solche Fälle abdeckt. Dann komme es nicht zu finanziellen Problemen, wenn das Leiden nicht innerhalb von wenigen Terminen behoben sei.

Nach ihrer Weiterbildung zur Hundephysiotherapeutin hört das Lernen für die 45-Jährige nicht auf. Regelmäßig nimmt sie an Seminaren und Vorträgen teil, um für ihre vierbeinigen Patienten auf dem aktuellen Stand zu bleiben. In ihrer Branche gibt es jedoch auch Anbieter, die nicht so umfangreich qualifiziert sind. „Die Berufsbezeichnung ‚Hundephysiotherapeut’ ist nicht geschützt“, sagt Christine Günther. Daher sei es nicht ganz leicht, kompetente von weniger kompetenten Kollegen zu unterscheiden.