Pilotprojekt in München Kulturhäuser sollen soziale Treffpunkte werden
Gemeinsam mit namhaften Einrichtungen treibt die Beisheim-Stiftung in München die Öffnung großer Kultureinrichtungen für alle Bürger voran. Ein Modell auch für Stuttgart?
Gemeinsam mit namhaften Einrichtungen treibt die Beisheim-Stiftung in München die Öffnung großer Kultureinrichtungen für alle Bürger voran. Ein Modell auch für Stuttgart?
Wie bringt man Kultur zu den Menschen, die Menschen zur Kultur und die Menschen ihrerseits zueinander? Mit diesen Fragen gehen aktuell viele Kultureinrichtungen und Kommunen um. Es geht darum, wie man Kulturräume mit Stadtleben füllen, Möglichkeiten der Begegnung schaffen und damit gesellschaftlichen Zusammenhalt bewirken kann.
In München münden diese Überlegungen nun in einen weitgefassten Plan. Urheber ist die dort ansässige Beisheim-Stiftung, die unter anderem Projekte im Bereich Kunst und Kultur fördert. Ihr Ziel ist es, zunächst drei Münchner Kultureinrichtungen zu sogenannten Dritten Orten zu entwickeln.
Der Begriff stammt von dem amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg. Als „Ersten Ort“ definiert er die eigenen vier Wände, der „Zweite Ort“ ist der Arbeitsplatz oder der Platz, an dem man sich zum Studium aufhält. Der „Dritte Ort“ schließlich ist Oldenburg zufolge ein „neutraler öffentlicher Treffpunkt, an dem Menschen freiwillig zusammenkommen“. Das können Cafés sein, Plätze, Sportstätten, Biergärten – oder kulturelle Einrichtungen. Hier setzt die Beisheim-Stiftung mit ihrem Geschäftsführer Max Wagner an. Wagner war ehemals Geschäftsführer des Münchner Kulturzentrums Gasteig, das genau diese Treffpunktfunktion hatte und vor der Generalsanierung steht. Er ist davon überzeugt, dass in dicht besiedelten Städten wie München ein großer Bedarf an solchen „Dritten Orten“ besteht. Ihnen ist gemeinsam, dass sie gut erreichbar sind und möglichst niederschwellig genutzt werden können, also barriere- und kostenfrei sind.
Die Sympathie für solche einladenden Orte sozialen Miteinanders jenseits des offiziellen Veranstaltungsprogramms ist prinzipiell groß. Auch bei der Stadt München und der bayerischen Staatsregierung. Konkret machen sich dort jetzt drei namhafte Kultureinrichtungen an die Umsetzung: die Bayerische Staatsoper, das Haus der Kunst und die Schauburg – Theater für junges Publikum. Das erfordert zusätzliches Personal und bauliche Veränderungen. Die Beisheim-Stiftung unterstützt das im Herbst gestartete Vorhaben drei Jahre lang mit einem insgesamt siebenstelligen Betrag. Fest steht schon mal, dass die Bayerische Staatsoper ihre Prunksäle öffentlich zugänglich machen wird – den Königssaal und die Ionischen Säle. Unter dem Motto „Apollon Foyers“ will sie dort von Januar 2026 an einmal pro Woche zum Dialog einladen. Außerdem wird das Vorderhaus des Nationaltheaters zugänglicher gemacht.
Das Haus der Kunst will noch offener werden; es erweitert sein sogenanntes Open Haus und startet Mitmachprogramme für Kinder und Jugendliche. Die Schauburg wiederum will mehr denn je ein „Abbild der Münchner Stadtgesellschaft“ sein. Gespräche führt die Bensheim-Stiftung auch mit der Pinakothek der Moderne. Dort entsteht mit der Plattform „Flux“ für die Dauer von fünf Jahren ein multifunktionaler „Dritter Ort“. Eröffnet wird die Fläche bereits am 26. Juni im Rahmen des Kunstarealfestes. Auch der Gasteig HP8, die Gasteig-Interimspielstätte, soll in das Konzept aufgenommen werden.
Max Wagner erhofft sich von den „Dritten Orten“, dass sie wie ein Türöffner in die Kultur hinein funktionieren und auch in interkultureller Hinsicht etwas bewirken – nämlich zu natürlichen Treffpunkten in den jeweiligen Stadtvierteln werden. Es gehe darum, Begegnungen zu ermöglichen, Beziehungen zu fördern und unsichtbare Barrieren abzubauen erklärt er: „Wenn sich mehr Menschen in ,ihren‘ Einrichtungen wiederfinden, entsteht Nähe, wo sonst Distanz herrscht, und die Häuser werden zu lebendigen Orten der gesamten Gesellschaft.“
Solche sozialen Knotenpunkte könnten auch helfen, dem Phänomen der Einsamkeit entgegenzuwirken, das in Großstädten ein wachsendes Problem darstellt. Dabei sollen Max Wagner zufolge sogenannte Community Builder behilflich sein. Sie bieten sich Menschen als Begleiter an, die bisher keine Berührungspunkte mit Kultureinrichtungen haben.
Die Hoffnung ist auch, dass das Pilotprojekt über München hinaus ausstrahlt – etwa nach Stuttgart. Hier werden seit längerem ähnliche Diskussionen um die Öffnung von Kultureinrichtungen geführt.
Mustergültig ist dies bereits mit dem multifunktionalen Dürnitz-Foyer des Landesmuseums im Alten Schloss gelungen. Auch das Foyer des Stadtpalais erfüllt die Voraussetzungen eines „Dritten Ortes“, mit Abstrichen auch das Schauspielhaus.
Sollte es jemals zu einer Sanierung der Oper kommen, liegt der Gedanke eines Foyers für alle dort ebenfalls nahe.