Pippi Langstrumpf wird 75 Wie das stärkste Mädchen der Welt nach Deutschland kam

Eierkuchenbacken ohne Rücksicht auf Verluste: Pippi Langstrumpf darf das, nicht nur in der Villa Kunterbunt gibt sie den Ton an. Foto: Oetinger-Verlag/Katrin Engelking

In ihrer Heimat Schweden ist Pippi Langstrumpf eine Nationalheldin. Auch in Deutschland hat Astrid Lindgrens starke Figur, die vor genau 75 Jahren die Kinderbuchbühne betrat, Kultstatus.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Stuttgart - Zum Glück hat sie die Krummelus-Pille geschluckt, sonst würde Pippi Langstrumpf derzeit zu einer vom Coronavirus gefährdeten Risikogruppe gehören. „Liebe kleine Krummelus, niemals will ich werden grus“, lautete der Schwur, der das Mädchen mit der markanten Frisur sowie seine Freunde Annika und Tommy für immer jung hielt. Und weil Pippi Langstrumpf sich nicht nur vor nichts fürchtet, weder vor Einbrechern noch vor Feuersbrünsten, sondern grundsätzlich auch das letzte Wort behält, ist es genau so gekommen. Astrid Lindgrens stärkste Heldin hat zwar am 21. Mai 1945 als Geburtstagsgeschenk für ihre Tochter Karin das Licht der Welt erblickt und wird somit 75 Jahre alt, doch sie ist erfrischend frech und fröhlich wie immer.

 

Gefeiert wird Pippis 75. Geburtstag vor allem in ihrer Heimat Schweden. Eine Umfrage der größten Tageszeitung des Landes kürte 2014 das Erscheinen des ersten Pippi-Bandes zum Kulturereignis, welches das moderne Schweden am meisten geprägt hat. Aber auch in Deutschland hat das starke Mädchen Kultstatus. Von den 65 Millionen weltweit verkauften Pippi-Büchern landeten 8,6 Millionen in deutschen Regalen – ein Rekord. Inger Lison, die die von Professor Birgt Dankert erstellte Astrid-Lindgren-Datenbank seit vergangenem Jahr leitet und Kinder- und Jugendliteratur an der Universität Hannover unterrichtet, weiß aus der Arbeit mit angehenden Lehrern: „Pippi Langstrumpf ist allen ein Begriff.“ Manche ihrer Studenten hätten selbst das Buch gelesen, die meisten würden Astrid Lindgrens Heldin durch andere Medien wie Verfilmungen und Hörspiele kennen. „Auch Kinder wie meine siebenjährige Tochter sowie ihre Freunde und Freundinnen sind nach wie vor von Pippi begeistert.“

Friedrich Oetinger brachte Pippi nach Deutschland

Warum findet Astrid Lindgrens aufmüpfige Heldin gerade in Deutschland, wo sie 1949 dank der Vermittlung des Verlegers Friedrich Oetinger erstmals auftauchte, solchen Anklang? Es gibt viele Gründe, einer mag in der schwierigen deutschen Geschichte und ihrer Aufarbeitung liegen. „Jahrelang konnten die Menschen im Nationalsozialismus sich nicht so entfalten, wie sie wollten. Dann kam eine wie Pippi Langstrumpf, die sich gegenüber Autoritäten durchsetzt“, sagt Inger Lison.

Verständlich wird Pippis Aufbegehren, wenn man die Umstände ihrer Entstehung kennt. Es war eine auch im neutralen Schweden von Angst und zunehmender Verzweiflung geprägte Zeit, auf der einen Seite regierte Hitler, auf der anderen Stalin, als Astrid Lindgren im dritten Kriegswinter ihrer kranken Tochter Karin erstmals Geschichten von einem starken, widerspenstigen Mädchen erzählte. Dass Pippi Langstrumpf im Original ein Kleid trägt, dessen Farben an Supermans blauroten Dress erinnern, ging zwar in der deutschen Übersetzung verloren. Doch Episoden wie das Kräftemessen zwischen dem starken Adolf und dem stärksten Mädchen der Welt helfen zu verstehen, wie Pippi zur Vorbildfigur werden konnte. Auch dem Fuhrwerkskutscher Blomsterlund, der sein Pferd brutal quält, lässt sie Astrid Lindgren couragiert entgegentreten: „Nun wollen wir mal sehen, ob du genauso tüchtig im Tragen bist wie im Prügeln“, sagt Pippi, als sie dem Kutscher einen Sack aufpackt und zur Peitsche greift. „Eigentlich sollte ich dich ein bisschen damit verhauen, du hast die Peitscherei doch so gern. Aber die Peitsche ist wohl ein bisschen kaputt“, sagt Pippi und zerbricht sie in kleine Stücke. „Vollkommen kaputt, leider.“

Eine, die Autoritäten aushebelt

In Deutschland traf die aufrechte Pippi auf eine Generation von Kindern, die später gegen den tausendjährigen Mief unter Talaren wie in Köpfen auf die Straße zog und die Härte der autoritären Väter infrage stellte. „Wenn Pippi jemals eine Funktion gehabt hat, außer zu unterhalten“, erklärte Astrid Lindgren, „dann war es die, zu zeigen, dass man Macht haben kann und sie nicht missbraucht.“ Diese Haltung erklärt vielleicht auch, warum Pippi Langstrumpfs Abenteuer mit viel Verspätung erst 1975 in der DDR erscheinen durften.

Auch im Westen hatte Pippi keinen Traumstart. Ein Kind, das Autoritäten aushebelt, musste einer Elterngeneration, die auf Gehorsam setzte, verdächtig sein. „In Deutschland gab es nach Erscheinen sofort negative Besprechungen, auffällig dabei ist ein Nord-Süd-Gefälle, im Süden funktionierte der aufmüpfige Ton von Pippi Langstrumpf zunächst nicht“, bezieht sich Inger Lison auf Beobachtungen des Oetinger-Verlags. „Auch scheint es so, dass das innovative Potenzial dieser Figur in protestantisch geprägten Ländern wesentlich besser ankam als in katholischen.“ Das, so Inger Lison, habe die Pippi-Expertin Astrid Surmatz in ihrer Arbeit „Pippi Langstrump als Paradigma“ herausgearbeitet. Von Herzlosigkeit, grobem Radikalismus, kranker Fantasie, fehlender Moral war in den ersten Besprechungen des neuen Kinderbuchs die Rede; aber es gab auch viele hellsichtige Rezensenten, die Pippi „Unsterblichkeit und Weltruhm“ vorhersagten.

Fünf deutsche Verlage hatten Pippi abgelehnt

Einen nicht unbeträchtlichen Anteil am Erfolg von Pippi Langstrumpf, vermutet Inger Lison, hatte in Deutschland „die Mund-zu-Mund-Propaganda von Kindern“, die dank Bibliotheken und engagierter Buchhändler das mutige schwedische Mädchen in die meisten Kinderzimmer brachte. Die Eroberung Deutschlands konnte Astrid Lindgrens Heldin allerdings nur so gut und nachhaltig gelingen, da sie einen umsichtigen Verleger als Verbündeten hatte: Friedrich Oetinger. Auf Einladung eines Freundes, der 1933 mit seiner jüdischen Frau nach Schweden geflüchtet war, besuchte der junge Verleger nach dem Krieg Stockholm. Ein Buchhändler drückte ihm einen unscheinbaren Band in die Hand und sagte, wie sich Oetinger erinnerte, dass dieses Büchlein ein großer Erfolg sei, „von den Kindern geliebt und von den Pädagogen leidenschaftlich diskutiert. Er fragte mich, ob ich die Verfasserin kennenlernen möchte“. So kamen der Verleger und die Autorin zusammen, beide Newcomer auf ihrem Gebiet. Fünf deutschen Verlagen hatte Astrid Lindgren damals bereits ihr Buch angeboten, alle hatten es abgelehnt. Später notierte die Autorin zu dem spontanen Treffen: „Bücher haben ihre Schicksale, und für Pippi Langstrumpf war es ein glückliches Schicksal, in diesem kleinen Verlag in Hamburg zu landen. Friedrich Oetinger glaubte inbrünstig an das Buch, und er kämpfte um die Existenz seines Verlags. Die beiden Umstände verlangten einen Einsatz, den kein anderer Verleger irgendwann für ein einziges Buch aufgewendet hätte.“

Übersetzer greifen massiv ein

So durfte Pippi in Deutschland annähernd so bleiben, wie sie Astrid Lindgren sich ausgedacht hatte: Ein Mädchen mit übernatürlichen Kräften, das unabhängig von Erwachsenen das Leben führt, das ihm gefällt. Zwar habe auch die deutsche Übersetzerin Cäcilie Heinig absurde Komik und Gesellschaftskritik reduziert sowie erotische Andeutungen getilgt. „In anderen Ländern aber wurde sehr viel massiver eingegriffen, um Astrid Lindgrens Buch für den jeweiligen Rezensionsraum und seine Diskurse passend zu machen“, sagt die Lindgren-Expertin und nennt die französische Ausgabe als Beispiel. Ein Mädchen, das nach einem Ausscheidungsprodukt heißt, ein Pferd stemmen kann und hemmungslos flunkert? Zu eklig, zu weltfremd, pädagogisch zweifelhaft. So sollte das Pferd zum Pony, Pippi zu Fifi, ihr smarter Wortwitz, mit dem sie das Verhältnis von Realität und Fantasie einem Stresstest unterzieht, in der französischen Übersetzung pädagogisch-korrekt zurechtgestutzt werden. Mit dem Resultat, dass Fifi heute in Frankreich bei weitem nicht so präsent ist wie Pippi in Deutschland.

Aus unserem Plus-Angebot: Kirsten Boie im Interview

Welch Glück! Das große innovative Potenzial von Pippi Langstrumpf, ist sich Inger Lison sicher, habe in der Kinderliteratur viel angestoßen. „Neu war damals vor allem die solidarische Erzählform, die Kinder wirklich ernst nimmt sowie die Neubewertung der Mädchenrolle.“ Das Moralisierende, der erhobene Zeigefinger ist Astrid Lindgren fremd, vielmehr ließ sie moderne erzieherische Ansätze in ihr Schreiben einfließen. „So forderte Astrid Lindgren zum Beispiel auch in ihrer Rede, die sie bei der Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1978 gehalten hat, eine antiautoritäre Erziehung ohne Gewalt – und das in einer Zeit, in der in Deutschland noch das Züchtigungsrecht galt“, sagt Inger Lison. Auch das mag Pippis Bleiberecht in Deutschland erleichtert haben, reformpädagogische Ideen sind hier stark verwurzelt. Für Freude sorgt da nach wie vor, wie sie frech Erziehungskonzepte über den Haufen wirft. Auf Annikas Frage, wer ihr denn sage, wann sie ins Bett gehen soll, antwortet Pippi: „Das mache ich selbst“, und entlarvt spitzfindig die Tricks der Großen: „Erst sage ich es ganz freundlich, und wenn ich nicht gehorche, dann sage ich es nochmal streng, und wenn ich dann immer noch nicht hören will, dann gibt es Haue.“

Abschied von Rollenklischees

Ein engagierter Verleger, der Pippi Langstrumpf zur richtigen Zeit ins richtige Land brachte: Das waren die Voraussetzungen für eine bis heute währende Erfolgsgeschichte, in der das starke Mädchen immer wieder aufs Neue zum Vorbild taugt. Etwa für die Frauenbewegung, die mit dem Slogan „Sei Pippi, nicht Annika!“ dazu ermuntert, von Rollenklischees Abschied zu nehmen. „Heute ist Pippi Langstrumpf zum Klassiker avanciert“, unterstreicht auch Inger Lison. „Aber als sie erstmals erschien, war es neu, dass eine weibliche Protagonistin in einem Kinderbuch Abenteuer erleben durfte. Das war Jungen vorbehalten. Mädchenbücher waren dazu da, um ihre Leserinnen auf ein tradiertes Rollenbild vorzubereiten.“ Die Schaufenster damals standen voll mit Büchern, deren Deckel brave Mädchen wie das „Nesthäkchen“ zierten. „Pippi wurde zur Blaupause für weibliche Kinderbuchhelden“, sagt Inger Lison. „Pippi Langstrumpf war das erste emanzipierte Mädchen in meinem Leben“, sagt die Kinderbuchautorin Kirsten Boie. „Sie hat uns schon als kleine Mädchen beigebracht, dass Frauen einfach alles können“, meint Cornelia Funke. Oder mit den Worten von Pippi selbst. „Glaubst du nicht, dass man Seeräuber und Eine-Wirklich-Feine-Dame gleichzeitig werden kann?“

Aus unserem Plus-Angebot: Neue Kinderbücher zum Thema Klimawandel

Es ist also nicht nur die Krummelus-Pille, die Pippi Langstrumpf jung hält. Die Lektüre von Astrid Lindgrens Bestseller wird auch zukünftige Generationen inspirieren, da gibt es viel Potenzial. Schulstreik? Gerade versucht wieder ein schwedisches Mädchen mit Zöpfen, die Welt besser zu machen. Stark sein? Die Kampagne „Pippi of today“ nimmt den Mut und die Menschlichkeit von Astrid Lindgrens Heldin, die übers Meer in die „kleine, kleine Stadt kam“, um auf die Situation geflüchteter Mädchen aufmerksam zu machen. Nachhaltigkeit? „Die ganze Welt ist voll von Sachen, und es ist wirklich notwendig, dass jemand sie findet“, erklärt die Sachensucherin Pippi. Social Distancing? Sogar vom Coronavirus Geprüfte werden bei Pippi Langstrumpf fündig. „Jetzt könnt ihr nach Hause gehen“, sagt Pippi nach der ersten Begegnung zu den neuen Freunden Annika und Tommy, „damit ihr morgen wiederkommen könnt. Denn wenn ihr nicht nach Hause geht, könnt ihr nicht wiederkommen. Und das wäre schade.“

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Astrid Lindgren