Pippi Langstrumpf wird 80 Wie Schwedens Supergirl nach Deutschland kam

Da geht’s nach Deutschland: Kinderbuchautorin Astrid Lindgren mit der Pippi-Darstellerin Inger Nilsson bei Dreharbeiten 1968 auf Gotland. Der Erfolg der Verfilmungen ließ in Deutschland die Zahl der verkauften Pippi-Bücher nach oben schnellen. Foto: dpa/Weine Lexius

Micke Bayart zeigt in seinem neuen Buch auf, wie Astrid Lindgrens schwedisches Supergirl auch in Deutschland zur beliebten Kinderbuchheldin wurde.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Pippi Langstrumpf kam als eine Art Heilmittel gegen finstere Zeiten auf die Welt. Im dritten Kriegswinter war es auch im neutralen Schweden ungemütlich. Auf der einen Seite Hitler, auf der anderen Stalin, dazwischen Astrid Lindgren mit einer kranken Tochter. Die Mutter tröstete die Patientin mit Geschichten von einem starken Mädchen, das Autoritäten herausforderte. Rund zwei Jahre später schrieb Lindgren das Erzählte auf – als Geschenk für Tochter Karin zum zehnten Geburtstag am 21. Mai 1944. Noch ein Jahr dauerte es, bis ein Verlag für die ungezähmte Widerspenstige gefunden war.

 

Und so feiert dieser Tage ganz Schweden den 80. Geburtstag seiner rothaarigen Nationalheldin. In Deutschland, wo Pippi mit 9,5 Millionen verkaufter Bücher fast ebenso beliebt ist wie in ihrer Heimat, wird kräftig mitgejubelt – auch wenn die erste Übersetzung erst 1949 im Oetinger-Verlag erschien. Zum Jubiläum legt der Verlag ein Buch des in Stuttgart geborenen Deutsch-Schweden Micke Bayart vor: „Als Pippi nach Deutschland kam“ heißt es; der Titel erinnert an ein ähnliches Werk Bayarts über den schwedischen Pop-Export Abba.

Micke Bayart am Schreibtisch von Astrid Lindgren Foto: Marie Linghoff-Lehnert

„Während viele Erwachsene Pippi als respektlos empfanden, war sie für Kinder eine inspirierende, befreiende Figur – ein rebellisches Vorbild“, sagt Bayart, der als Kind in Stuttgart unter einem autoritären Großvater litt, über seine Beziehung zu Pippi und fügt an: „Bis heute bleibt sie eine Ikone, auch wenn Werte wie Individualität, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung inzwischen selbstverständlicher sein sollten. Dennoch müssen sie weiterhin verteidigt werden.“

Pippis Aufstieg: Ein starkes Mädchen gegen die Dunkelheit

Spannend erzählt Bayart von Pippis Literaturwerdung und ihrem Weg in den Süden. NS-Diktatur und Verfolgung hatten auch Astrid Lindgren in Stockholm besorgt. „Und als Reaktion darauf überließ sie es einem starken Mädchen, die Welt wieder in ihre Angeln zurückzuheben, die von Männern mittleren Alters gründlich zerstört worden war“, erklärt Bayart den Erfolg Pippis auch im Nachkriegsdeutschland. „Wer stark ist, muss auch gut sein“, lässt Lindgren ihr Supergirl sagen. Wie es lebt, mit einer toten Mutter und einem zuerst verschollenen Vater, greife das Schicksal vieler Überlebender nach dem verheerenden Krieg auf, so Bayart.

Oetingers entscheidende Reise

Bevor Pippi nach Deutschland kam, reiste der Verleger Friedrich Oetinger nach Stockholm – auf Einladung von Kurt Heinig, der als SPD-Abgeordneter im Reichstag nach Hitlers Machtergreifung über Dänemark nach Schweden geflohen war und 1949 den alten Freund einlud, sich im Ausland Impulse für ein vielfältiges Verlagsprogramm zu holen.

So kam es, dass Oetinger und Lindgren sich im Frühjahr 1949 kennenlernten. Fünf deutsche Verlage hatten ihrer in Schweden so erfolgreichen Heldin bereits eine Abfuhr erteilt. Nun wollte ein deutscher Verleger sie persönlich sprechen? „Etwas Derartiges hatte ich noch nie erlebt und ich wartete neugierig“, erinnerte sich Astrid Lindgren 1996 in ihrem Grußwort zum 50. Geburtstag des Oetinger-Verlags. Das Treffen war nicht nur der Beginn einer erfolgreichen Zusammenarbeit; Astrid Lindgren blieb zeitlebens freundschaftlich mit der Familie ihres deutschen Verlegers verbunden. Oetingers Frau Heidi, damals noch seine Sekretärin, hatte ein Jahr lang auf Teile ihres Gehalts verzichtet, um Pippis Erscheinen in Deutschland zu ermöglichen. Die beiden Frauen telefonierten wöchentlich miteinander; wenn Lindgren nach Hamburg reiste, wohnte sie bei den Oetingers.

Finanzrisiko vor dem Hintergrund der Währungsreform

Nachdem Oetinger von Kurt Heinigs Frau Cäcilie, die dann auch zu Pippis erster deutscher Übersetzerin werden sollte, in deren Abenteuer eingeführt wurde, entschloss er sich spontan zur Veröffentlichung. Am 29. April 1949 kündigte er Astrid Lindgren einen entsprechenden Vertrag an. Oetingers wirtschaftliches Risiko war vor dem Hintergrund der Währungsreform groß, wie Micke Bayart anmerkt. Völlig ungewiss war zudem, wie Pippi bei der jungen Leserschaft in Deutschland ankommen würde.

Das Happy End ist hinlänglich bekannt: Astrid Lindgrens Kinderbuch-Revolutionärin steht für Bayart auch für eine pädagogische Zäsur, nach dem Erziehungsmuff der NS-Zeit lüftete sie gründlich durch. „Kinder waren für Astrid die Zukunft, die Hoffnung nach der schlimmen Vergangenheit“, schreibt er.

Überraschende Begegnungen mit Pippis Vorbild

Vieles von Pippis Reise nach Deutschland ist bekannt. Doch Micke Bayart fügt die Teile zum Ganzen, stellt Zusammenhänge her – und sorgt für überraschende Begegnungen. Zum Beispiel mit Sonja Mellis, der unbändigen Freundin von Lindgrens Tochter, die zum Vorbild für Pippi Langstrumpf wurde. Oder mit Louise Hartung, die sich in den 1950er Jahren mit ihren Lesekreisen für Pippi engagierte, den Grundstein zur Leseförderung legte und in einem umfangreichen Briefwechsel mit Astrid Lindgren ein Stück Zeitgeschichte festhielt.

Info

Buch
Micke Bayart: „Als Pippi nach Deutschland kam“. Oetinger-Verlag. 255 Seiten. 20 Euro. Zum Jubiläum sind bei Oetinger zudem ein Postkartenbuch mit Pippi-Zitaten, ein Comic sowie Hörspiele zu den Pippi-Filmen erschienen.

DDR
Unter Erich Honecker ermöglichte eine kurze Lockerung im DDR-Kulturleben 1975 den ersten Ost-Auftritt von Pippi. Astrid Lindgren hatte sich dafür stark gemacht und bat 1970 ihren Hamburger Verleger um Beistand: „Finden Sie nicht auch, dass die kleinen ostdeutschen Kinder – vielleicht mehr als andere – beispielsweise eine Dosis Pippi gebrauchen könnten?“

N-Wort
Der Veröffentlichung von Pippis Abenteuer in der DDR war ein Ringen um Änderungen mit der Autorin vorangegangen. Geeinigt hatte man sich bereits damals über die Tilgung des N-Worts; an ihrer Darstellung des Taka-Tuka-Lands im dritten Band hielt Astrid Lindgren aber fest, weshalb dieser in der DDR nicht erschien. „Unsere Positionen zu afrikanischen Nationen sind mit dieser bürgerlich-spießigen Interpretation nicht vertretbar“, hieß es im abschließenden Gutachten.

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