Neustart nach der Abfindung Pizzen produzieren statt Autos bei Mercedes: „Ich musste was verändern“

, aktualisiert am 05.08.2025 - 14:28 Uhr
Pizza statt S-Klasse, Küche statt Werkstatt: Chrisostomos Vernarlis hat Mercedes-Benz verlassen. Foto: Ferdinando Iannone

Chrisostomos Vernarlis hat 24 Jahre lang bei Mercedes-Benz gearbeitet. Nachdem er krank wurde, will er sein Leben verändern – und nimmt die Abfindung an, um Pizzen auszuliefern.

Digital Desk: Chiara Sterk (chi)

Seit dem Beginn seiner Ausbildung zum Fertigungsmechaniker vor 24 Jahren war Chrisostomos Vernarlis bei Mercedes-Benz angestellt. Ende Juni ist er zum letzten Mal an seinen Schreibtisch im Sindelfinger Werk zurückgekehrt. Wie viele andere auch, hat er im Rahmen des großen Stellenabbaus beim Sindelfinger Automobilkonzern die Abfindung angenommen.

 

Dass er etwas verändern wolle in seinem Leben, hat der 41-Jährige schon Ende vergangenen Jahres gewusst. „Ich bin seit letztem Jahr alleinerziehender Vater“, erzählt Chrisostomos Vernarlis. Zu der Zeit sei er sehr krank geworden, habe Gürtelrose gehabt – „das kam vom Stress, da war alles zu viel“, ist er sich sicher.

Als er dann im Frühjahr von den Abfindungsprogrammen im Konzern erfahren hat, zögerte er nicht lang und hat im Mai seinen Aufhebungsvertrag unterschrieben. Die Summen, die in diesen Verträgen aufgeführt sind, bewegen sich in der Regel im sechsstelligen Bereich – abhängig vom Alter, der Betriebszugehörigkeit und der Position. Vernarlis nutzt die Abfindungssumme, um sich als Betreiber einer Pizzalieferdienst-Filiale einzukaufen.

Neuanfang in der Selbstständigkeit: Chrisostomos Vernarlis übernimmt für sich selbst Verantwortung – und seine Tübinger Pizza-Filiale. Foto: Ferdinando Iannone

Dabei war Mercedes lange sein berufliches Zuhause – mit vielen Stationen im Konzern. Nach seiner Ausbildung war Vernarlis zuerst in der Logistik der E-Klassen-Produktion, dann wechselte er als Mechaniker in die Entwicklung. Damals flog er als Testfahrer um die Welt und begleitete Ingenieure nach Schweden, in die USA oder nach Spanien, um die Autos stetig weiterzuentwickeln. Danach wechselte er in die Crash-Abteilung. „Das hat gut gepasst, weil ich ein großer Perfektionist bin“, sagt Vernarlis. Aber irgendwann habe er mehr machen wollen.

„Private Situation hat Unzufriedenheit verstärkt“

Er bildete sich zum Techniker weiter koordinierte und plante die Umbauten der S-Klasse in der Entwicklungswerkstatt. Nach den vielen Jahren im Konzern hatte er sich ein großes Netzwerk aufgebaut, kannte fast überall jemanden – und empfand seinen Job dennoch irgendwann nicht mehr als fordernd genug. „Ich habe mich teilweise gelangweilt, aber ohne Studium kam ich nicht mehr weiter.“ Seine private Situation mit seiner Familie und seiner Krankheit haben damals verstärkt, dass er unzufrieden wurde. Dabei habe er schon immer gerne viel gearbeitet.


Abrechnungen bis spät in die Nacht

Denn kürzer werden seine Tage in Zukunft eher nicht werden, wenn er die Tübinger Filiale eines Pizza-Lieferdienstes übernimmt. Oft sitzt er noch bis spätabends an Abrechnungen, erzählt er. „Das ist aber ein anderer Stress, ein positiver.“ Wochenenden und Feiertage gibts künftig nicht mehr, „da wird das Geld verdient.“ Das Franchise-Unternehmen des Pizza-Lieferdienstes, in den er nun einsteigt, kennt er schon länger. Ein guter Freund von ihm habe das in den vergangenen Jahren hier in der Region aufgebaut. Neben der Filiale in Tübingen gebe es auch eine in Stuttgart, Esslingen und viele mehr. Wenn es gut laufe, wolle die Kette nach und nach ganz Deutschland abdecken.

"Komisches Gefühl, ein letztes Mal durch die Mercedes-Werkstore zu laufen"

„Was ich hier mag, ist dass ich für alles zuständig bin – vom Einkauf, dem Vertrieb und dem Marketing, das Personal betreuen bis hin zum Pizza backen und Ausliefern“, sagt Vernarlis. Dass er gerne Verantwortung übernehme, habe er schon in der Jugend im Fußball gemerkt, wo er stets die Kapitänsbinde getragen habe. Und auch die Idee, sich selbstständig zu machen, habe schon immer in ihm geschlummert, „aber ich habe immer eher an eine Bar oder ein Restaurant gedacht, weil ich auch gerne koche.“ Doch ganz allein bekomme er das nicht hin, ist Vernarlis wichtig zu erwähnen. Hinter ihm stehe ein Team von 35 Menschen, angefangen von den Fahrern und den Küchenhilfen, die im Schichtdienst arbeiten.

Bei aller Freude, an dem was er jetzt macht, sei es schon komisch gewesen, ein letztes Mal durch die Werkstore zu laufen. Über die vielen Jahre habe er mehrere hundert Menschen im Konzern kennengelernt, viele Kollegen seien gute Freunde geworden.

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