Eurythmie, Theater- und Tanzprojekte spielen an Waldorfschulen eine wichtige Rolle. Foto: UlrichBangert/imago-images
Schulen in freier Trägerschaft boomen vor allem im Grundschulbereich. Die Waldorfschulen in Stuttgart profitieren von diesem Trend nicht, halten sich aber wacker. Das sind die Gründe.
Der große Run auf die Waldorfschulen sei vorbei. Doch über mangelndes Interesse an der besonderen Schulart könne man nicht klagen, sagt Ellen Gaiser. Sie ist die Öffentlichkeitsbeauftragte der Michael-Bauer-Schule. Dort seien die Schülerzahlen stabil. Aktuell besuchten 585 Mädchen und Jungen die Freie Waldorfschule in Vaihingen.
Auch die Klassen für das kommende Schuljahr seien bereits gut gefüllt. An der Michael-Bauer-Schule gibt es eine sogenannte große Klasse mit 32 Kindern und eine kleine Klasse für maximal 16 Kinder mit Lernschwierigkeiten. Ein bisschen Platz ist noch in beiden. „Wir haben seit einigen Jahren meist keinen Überhang mehr an interessierten Familien“, sagt Ellen Gaiser.
Die Gründe dafür seien vielschichtig. Zum einen seien die Schülerzahlen insgesamt rückläufig, zum anderen gebe es gerade in Stuttgart ein gutes Angebot an privaten und öffentlichen Schulen. Womöglich habe es in den vergangenen Jahren auch eine gewisse Abkehr von der Waldorfpädagogik gegeben, zum Beispiel aufgrund schlechter Presse in den Jahren der Pandemie. Damals hatten zumindest einige Waldorfschulen den Ruf, einem Milieu aus Coronaleugnern und Querdenkern nahezustehen.
Existenzbedrohend sei das für die Michael-Bauer-Schule keinesfalls. Ganz im Gegenteil: „Wir machen unsere Arbeit genauso wie vor zehn Jahren“, betont Ellen Gaiser. Doch sei es damals manchmal Glückssache gewesen, ob man einen Platz an einer Waldorfschule bekomme, so habe in Stuttgart mittlerweile jedes Kind, das eine Waldorfschule besuchen wolle, die Möglichkeit dazu – auch wenn es nicht immer die Wunschschule sei. „Wir sprechen uns untereinander ab“, sagt Ellen Gaiser.
Die Freie Waldorfschule am Kräherwald gibt es seit 1948. Auch dort sei die Zeit der langen Wartelisten, wie es sie bis in die 80er-Jahre hinein gegeben habe, vorbei. Der Grund dafür ist laut Schulleitung vor allem, dass weitere Waldorfschulen in der Region gegründet worden seien. Stabil seien die Schülerzahlen am Kräherwald dennoch. Aktuell besuchten rund 800 Mädchen und Jungen die Schule, und jedes Jahr könne man etwa 60 Erstklässler einschulen.
Erfreulich für die Waldorfschule am Kräherwald: „Durch die wieder eingeführte verbindliche Grundschulempfehlung gibt es wieder eine größere Nachfrage in den Klassenstufen 4 und 5“, schreibt die Schulleitung. Auch in den Klassenstufen 8 und 9 habe sich die Zahl der Quereinsteiger erhöht. Die Schulleitung betont: „Durch unser besonderes pädagogisches Profil mit dem eigenständigen, genehmigten Waldorflehrplan sehen wir uns als attraktive Erweiterung des Bildungsangebots der Stuttgarter Schulen.“
Die Freie Waldorfschule Uhlandshöhe ist die erste Waldorfschule überhaupt gewesen. Foto: Freie Waldorfschule Uhlandshöhe
An der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe – der ersten Waldorfschule überhaupt – ist die Entwicklung ähnlich. Trotz der innerstädtischen Lage, die für Familien nicht ideal sei, habe man in den vergangenen drei Jahren relativ konstant um die 70 Anmeldungen für die beiden ersten Klassen gehabt, so der Lehrer Christoph Kühl im Auftrag der Schulführung.
Die wenigen Plätze, die in den Eingangsklassen gelegentlich frei blieben, weil sich Eltern in letzter Sekunde umentschieden, füllten sich spätestens in der vierten oder fünften Klasse. „Hier haben wir einen hohen Anmeldedruck mit über die Zeit entstehenden Wartelisten“, erklärt Christoph Kühl. Im weiteren Verlauf der Jahre blieben die Schülerzahlen – mit einzelnen Ausreißern in beiden Richtungen – konstant. Insgesamt seien es um die 890 Schülerinnen und Schüler.
Waldorfschule in Sillenbuch besonders beliebt
Die Freie Waldorfschule Silberwald ist klein – und beliebt. Es gibt nur eine Eingangsklasse mit bis zu 32 Kindern, und regelmäßig deutlich mehr Anmeldungen. „Wir können uns nicht beschweren“, sagt die Geschäftsführerin Svenja Zeuch. Auch in den höheren Klassen gebe es Wartelisten und immer wieder Quereinsteiger. Wenn die Nachfrage größer ist als das Angebot, wie wählt die Schule dann aus? „Wir wollen vor allem rausfinden, ob wir die richtige Schule für das Kind sind“, antwortet Svenja Zeuch. Zudem gehe es um die Klassenzusammensetzung, Geschwisterkinder hätten einen Bonus.
Viele Waldorfschüler machen am Ende ihr Abitur. An der Michael-Bauer-Schule sind es in diesem Jahr 22, an der Waldorfschule Silberwald sind es 20 Schülerinnen und Schüler. Auch Christoph Kühl von der Uhlandshöhe betont: „Ungefähr 80 Prozent verlassen die Schule mit dem Abitur oder der Fachhochschulreife.“
Und das, obwohl das Waldorfabitur ein besonderes ist. Bei der Kurswahl gibt es oft Einschränkungen. Zudem kommt es allein auf die Prüfungen an. Denn die Schülerinnen und Schüler sammeln nicht schon in den zwei Jahren der Oberstufe Punkte, die in die Abschlussnote einfließen.
Waldorfschulen bieten auch den Haupt- und Realschulabschluss an. Laut Svenja Zeuch gelte für alle Absolventinnen und Absolventen: „Sie entwickeln sich im Laufe ihrer Schulzeit zu Persönlichkeiten und können am Ende so viel mehr.“ An den Waldorfschulen gehe es nicht nur um Wissensanhäufung, sondern zum Beispiel auch darum, frei reden oder mit der Hand arbeiten zu können. „Es ist schön, dass sie die Zeit bekommen, um das zu lernen“, sagt Zeuch. Das sei der Grund, warum sich noch immer viele Familien für eine Waldorfschule entscheiden würden.
Entwicklung der Waldorfschulen
Deutschland Die Zahl der Freien Waldorfschulen in Deutschland hat sich in den vergangenen 25 Jahren kontinuierlich erhöht. Waren es im Jahr 2000 noch 180 Waldorfschulen in ganz Deutschland, die von rund 70 700 Mädchen und Jungen besucht wurden, stieg die Zahl bis 2025 auf 257 Schulen mit rund 90 800 Kindern. Die Zahlen hat der Bund der Freien Waldorfschulen (BdFWS) erhoben. Er stellt aber auch fest: „Insgesamt hat sich der Zuwachs in den vergangenen Jahren abgeflacht.“ Vor dem Hintergrund des bundesweiten Lehrkräftemangels sehe der BdFWS diese Entwicklung durchaus positiv – „weil sie hilft, Unterrichtsqualität und die Stabilität der Kollegien zu sichern“, schreibt das Vorstandsmitglied Nele Auschra in einer Stellungnahme.
Baden-Württemberg Betrachtet man nur Baden-Württemberg, ist die Entwicklung ähnlich. Im aktuellen Schuljahr besuchen 116 500 Kinder eine private Schule. Das waren 1,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Waldorfschulen konnten davon aber nicht profitieren, dort gab es einen Rückgang von 0,5 Prozent. „Dennoch bleiben wir mit 22 400 Schülerinnen und Schülern ein wesentlicher Bestandteil der Bildungslandschaft und freuen uns darüber, mit unserer Pädagogik weiterhin so vielen Eltern ein geeigneter Ort zur Beschulung ihrer Kinder zu sein“, schreibt die Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Waldorfschulen in Baden-Württemberg und ergänzt: „Um diesen attraktiven Stellenwert zu behalten, sind unsere Schulen, besonders was ihre Oberstufen betrifft, in Prozessen der Weiterentwicklung und Qualitätssicherung.“