Planespotter am Flughafen Stuttgart Zaungäste mit Zoomobjektiv

Der 15-jährige Kevin Schaaser ist Stammgast am Stuttgarter Flughafen. Foto: Phillip Weingand/STZN

Das Beste aus dem StZ-Plus-Archiv: Planespotter wissen genau, wann das nächste außergewöhnliche Flugzeug ankommt. Wir waren mit einem jungen Enthusiasten am Stuttgart Airport unterwegs.

Rems-Murr: Phillip Weingand (wei)

Weinstadt/Filderstadt - Ein kurzer Blick auf die Uhr: „Um 12 Uhr müsste sie kommen.“ Kevin Schaaser steht am Zaun vor dem Real-Markt in Filderstadt-Bernhausen. Der 15-Jährige lässt seinen Blick über das Vorfeld des Stuttgarter Flughafens schweifen. Eine Eurowings-Maschine rollt gerade zur Startbahn – dieser Nullachtfuffzehn-Airbus ist kein Grund für ihn, die Kamera mit dem riesigen Teleobjektiv zu heben.

 

An Kevins Rucksack baumeln zwei Anhänger mit der Aufschrift „Remove before flight“ – solche Markierungen werden an Sensoröffnungen und Sicherungen von Fliegern angebracht, wenn sie am Boden stehen. Unter den Eingeweihten kennt diese Fähnchen jeder: Kevin Schaaser ist Planespotter. So nennen sich die Zaungäste mit Teleobjektiv, die an Flughäfen jede Bewegung festhalten. Manche der Vollblut-Flugzeugfans sammeln möglichst viele verschiedene Fliegertypen, andere spezialisieren sich auf Sonderlackierungen, andere lichten nur Militärflugzeuge ab. Kevin wartet heute auf eine Maschine der niederländischen Transavia. Die fehlt noch in seiner Sammlung.

Polizeihubschrauber sorgen auf Facebook für Aufregung – nicht bei den Spottern

Sobald ein Polizeihubschrauber über den Dächern der Region kreist, spekulieren viele Nutzer auf Facebook, warum dieser gestartet sei – manche haben deswegen sogar schon den Notruf angerufen und blockiert. Planespotter kümmern sich nicht um Polizeihubschrauber – sie sind ihnen einfach zu alltäglich. Doch wenn ein seltenes Flugobjekt über den Fildern einschwebt, wissen sie oft schon lange im Voraus Bescheid. Sie behalten die Webcam des Flughafens im Blick, durchforsten die Flugpläne nach interessanten Ankömmlingen und halten sich gegenseitig in Online-Foren auf dem Laufenden.

Seit einiger Zeit können sie Flüge auch per Smartphone verfolgen – zum Beispiel über den Dienst Flightradar24.com. Nur ein Fingertipp, schon leuchten Flugnummer, -höhe, -route und -geschwindigkeit auf dem Bildschirm auf. Über eine andere Webseite, den sogenannten ADS-B-Tracker, lassen sich sogar viele Militärflüge verfolgen. Selbst von seinem Zuhause in Weinstadt-Großheppach aus kann Kevin Schaaser in Echtzeit zusehen, wie Eurofighter über der Nordsee den Luftkampf üben – oder ob gerade eine riesige Lockheed C-5 Galaxy der US-Luftwaffe Kurs auf den Stuttgarter Flughafen nimmt.

Triebwerkslärm: Musik in den Ohren der Flugzeugfans

So wie neulich. „Das war sogar eine C-5B mit den alten Triebwerken. Das war vielleicht ein Kreischen – schade, dass es die jetzt nicht mehr gibt“, sagt Kevin. Der Triebwerkslärm mag manchen Anwohnern den Kamm schwellen lassen – Enthusiasten hüpft bei dem Sound das Herz.

„Nachher hätte eigentlich eine besondere Maschine kommen sollen“, erzählt Kevin. Doch daraus wird nichts: „Sie ist vor zwei Stunden auf Sylt über die Landebahn hinausgeschossen. Zum Glück gab es keine Verletzten – aber das war ’ne Sonderlackierung, echt schade.“ Vom Unglück hat er gerade erst im Web gelesen.

Kevin weiß viel. Etwa dass Fed-Ex-Frachtflugzeuge im Auftrag der US-Luftwaffe in Stuttgart landen. „Die Maschinen haben dann Air-Force-Flugnummern und tauchen nicht auf Flightradar auf. Sie parken hinten auf dem Militärgelände.“ Das ist nicht das einzige Vorkommnis, das Planespotter beim Frachtterminal neugierig macht: Anfang des Jahres werden von dort aus die Autohersteller der Region ihre neuen Wagen auf die Teststrecken dieser Welt ausfliegen.

Für seinen Traum vom Flieger-Fotografieren opfert der Neuntklässler Kevin viel Zeit. „13 Stunden am Flughafen am Stück, das ist, glaube ich, mein Rekord“, sagt er. „An diesem Tag kam wirklich jede Stunde eine besondere Maschine an.“ Allein in diesem Jahr war Kevin schon mehr als 50-mal am Rand des Flughafens. Das geht ins Geld. Zumal er einen viel höheren Fahrpreis für die S-Bahn zahlen muss, seit er 15 geworden ist. Doch das ist ihm sein Hobby wert.

Für das perfekte Bild nehmen die Planespotter auch weite Fahrten in Kauf

Inzwischen ist es 12 Uhr. Die Transavia-Maschine schwebt ein. Nicht nur Kevin Schaaser hebt routiniert die Kamera: Zwei Meter weiter stehen Bernhard und Angela Winklhofer. Er ist 64, sie zwei Jahre jünger. Und beide haben schon Flugzeuge fotografiert, als Kevin noch nicht auf der Welt war. „Also, ich kenne die Flugzeugtypen nicht alle – aber sie gefallen mir, wenn sie bunt sind“, sagt Angela Winklhofer. Das Ehepaar wohnt in der Einflugschneise – und ist froh darüber: Sobald ein Exot über das Haus hinwegdröhnt, holt Bernhard Winklhofer seine Kamera und fährt los.

Wer ein echter Planespotter ist, beschränkt sich nicht auf einen Flughafen. Als neulich die Landshut, die durch ihre Entführung im Jahr 1977 berühmt gewordene Lufthansa-Boeing 737, an Bord zweier riesiger Antonovs in Friedrichshafen einschwebte, waren auch die Winklhofers und Kevin Schaaser dabei. „Letzten Sonntag war ich in Karlsruhe. Da kam auch eine Antonov – so was ist schon ein Highlight“, erzählt Kevin. Und im Februar ist er zur Sicherheitskonferenz nach München gereist, um festzuhalten, wie internationale Spitzenpolitiker in ihren Staatsmaschinen einschweben.

Sint Maarten: Am Traumstrand für Planespotter lauern Gefahren

Wenn die Winklhofers in den Urlaub fliegen, ist das für sie mehr als der Transport zum schönsten Sandstrand. „Beim Buchen schaut sie immer, dass wir ein Hotelzimmer in der Nähe des Flughafens bekommen“, erzählt Bernhard Winklhofer. Sein persönliches Highlight war es, einen großen C-17-Militärtransporter im Anflug auf den Princess Juliana Airport auf der Insel Sint Maarten zu fotografieren. Flugzeuge fliegen dort unmittelbar vor dem Aufsetzen in niedrigster Höhe über einen Badestrand. Der Flecken in der Karibik ist unter Flugzeugfans legendär – aber auch gefährlich: Erst im Juli war eine Touristin ums Leben gekommen, als sie vom Triebwerksstrahl eines startenden Jets erfasst und auf einen Betonblock geschleudert wurde.

Andere Flughäfen bieten mehr Service für die Flugzeugfotografen

Auch in Deutschland gibt es einen Traumflughafen für Spotter. „In Frankfurt haben sie extra an der Nordwestbahn eine Tribüne eingerichtet“, sagt Bernhard Winklhofer. Im Vergleich dazu sei der Stuttgarter Flughafen noch eine Servicewüste. „Es gibt einen Hügel, aber der ist klein und weit weg.“ Aber immerhin: Etwa alle sechs Monate bietet der Manfred-Rommel-Flughafen Spotter-Touren auf dem Rollfeld, auch die Besucherterrasse ist seit dem Sommer kostenfrei.

Kevin Schaaser will auch eines Tages zum Planespotten an den Sandstrand von Sint Maarten. Doch bis es so weit ist, wird er sich lange gedulden müssen: Der Hurrikan Irma hat der Insel schwer zugesetzt. Bis die Schäden behoben sind, werden wohl Jahre vergehen. Dieser Traum vom Spotten muss also noch warten.

Ein kleines Sportflugzeug tuckert über die Rollbahn – eigentlich kein Kandidat für ein Foto. Kevin hebt trotzdem seine Canon. „Da drin sitzt ein Kumpel von mir – der ist 19 und macht gerade seinen Pilotenschein“, erzählt er. Wer weiß, vielleicht sitzt auch Kevin einmal als Flugschüler am Steuer einer Cessna.

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Tipps für den Einstieg ins Planespotting

Standorte: Neben dem Parkplatz des Real-Marktes in Bernhausen, Plieninger Straße 63, hat man einen guten Überblick. Näher an den Flugzeugen sind die Spotter im sogenannten Käfig über der Einfahrt in den Flughafentunnel. An einem Stausee südöstlich des Flughafens, auf der Höhe von Sielmingen, befindet sich ein kleiner Spotter-Hügel. Auf der gegenüberliegenden Seite, Richtung Plieningen, eignet sich ein Hügel an der Autobahnausfahrt. Anfliegende Maschinen lassen sich – je nach Windrichtung – von den Feldwegen in Richtung Echterdingen oder Ostfildern/Neuhausen fotografieren.

Ausrüstung: Beim Fotografieren von Flugzeugen kommt es oft darauf an, das Motiv so nahe wie möglich heranzuholen. Kevin Schaaser benutzt beispielsweise Objektive bis 400 Millimeter an einer APS-C-Spiegelreflexkamera. Auf Kleinbildformat umgerechnet, ergibt das 640 Millimeter Brennweite. Für den Einstieg eignen sich auch kompaktere und günstigere Superzoom-Kameras. Diese kommen jedoch oft schlechter mit hohen Kontrasten zurecht – auch ein präziser Autofokus ist beim Spotten wichtig.

Informationen: Die Planespotter vom Stuttgarter Flughafen stellen unter strforum.de ihre besten Bilder ein und tauschen sich über die interessantesten Beobachtungen aus. Nützlich ist auch der Online-Flugplan unter flughafen-stuttgart.de. Über die beiden Webseiten Flightradar24.com sowie über adsbexchange.com (beide englischsprachig) lassen sich Zivil- und Militärflüge in Echtzeit verfolgen.

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